Fußball

Wie viel Kritik ist erlaubt? Der Fall Gary Lineker stürzt die BBC in tiefe Krise

399183196.jpg

Gary Lineker kommt am King Power Stadium in Leicester an.

(Foto: picture alliance / Action Plus)

Gary Lineker ist eine Ikone. Nicht nur, weil er komplizierte Fußball-Sachverhalte auf den Punkt bringen kann. Nicht nur, weil er ein herausragender Stürmer war. Sondern auch, weil er sich politisch klar positioniert. Ein Tweet von ihm führt zu einer Eskalation, die die BBC in eine tiefe Krise stürzt.

Der Mann, der die große britische Institution BBC mit einem Tweet zum Wanken bringt, sah sich am Samstag ein Fußballspiel an. "Er schaut sich das Spiel von Leicester an", sagte Harry Lineker, der Sohn des 62-jährigen Gary Lineker, als er den von Reporterscharen belagerten Familiensitz im Südwesten Londons verließ, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Das berichtete der "Guardian" in einem Live-Ticker, der das Ausmaß der Lineker-Affäre im Minutentakt dokumentiert. Es geht um die große Politik, es geht um die BBC und darum, wer was wo sagen darf.

Lineker war am Freitag von der BBC nach tagelanger Debatte und aufgrund eines Tweets zur britischen Einwanderungspolitik und einem neuen Gesetzesentwurf der konservativen Regierung suspendiert worden. Der ehemalige Fußballer, mittlerweile der bestbezahlte Experte der BBC, hatte die Sprache der Regierung mit der des Deutschlands der 1930er-Jahre verglichen. Darauf folgte ein Tsunami der Empörung, der die BBC ins Wanken brachte. Am Ende stand die Sendeanstalt ohne Experten, Kommentatoren und Interviewpartner für die wichtigste Fußballsendung des Landes, "Match of the Day", da.

399192988.jpg

In Leicester gab es Unterstützung für Lineker.

(Foto: picture alliance / empics)

Hoffnungen, die Spielszenen zumindest mit dem Kommentar des sogenannten World Feeds zu unterlegen, zerschlugen sich im Laufe des Tages. Laut "The Athletic" hat die BBC keine Rechte an dem internationalen TV-Kommentar. Da die BBC sich gegenüber der Premier League verpflichtet hat, Highlights der Spiele auszustrahlen, wird sie die Sendung nicht absetzen, sondern in einer 20-minütigen Version ausstrahlen, berichtete "The Times".

Es geht um die britische Einwanderungspolitik

Die BBC sah sich ebenfalls nicht in der Lage, andere TV-Sendungen rund um den aktuellen Spieltag der Premier League zu stemmen. Die Moderatoren hatten sich ebenfalls mit Lineker solidarisiert. Ebenso wie die englische Profi-Fußballergewerkschaft PFA, die mitteilte, sie unterstütze Spieler, die für "Match of the Day" keine Interviews geben wollten. "Ich komme ja nicht aus England. Aber ich sehe da jetzt keinen Grund, warum jemand nach solchen Äußerungen zum Rücktritt gezwungen werden sollte", sage Jürgen Klopp nach Liverpools 0:1 bei Bournemouth. "Aber das ist die Welt, in der wir leben. Jeder ist nur darauf bedacht, alles richtig zu machen und immer das Richtige zu sagen. Wenn man das nicht tut, verursacht man einen Shitstorm, den wir nicht hatten, als wir jung waren." Klopp ließ offen, ob er der BBC ein Interview gegeben hätte. Er sei nicht gefragt worden, sagt er.

398643679.jpg

Suella Bravermann löste mit ihrem Gesetzentwurf das BBC-Beben aus.

(Foto: picture alliance/dpa/UK Parliament/PA Media)

Das ganz Unglück nahm vor einigen Tagen seinen Lauf. Premierminister Rishi Sunak und seine Innenministerin Suella Braverman hatten Anfang der Woche einen Gesetzentwurf vorgestellt, der irregulär eingereisten Menschen das Recht auf Asyl verwehren soll. Kritik daran kam nicht nur von der Opposition, sondern auch von der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR, die Großbritannien einen Bruch internationaler Verpflichtungen vorwarf. Rechtsaußen Braverman hatte zuvor von einer "Invasion" von Bootsflüchtlingen gesprochen. Und das, obwohl Großbritannien im Vergleich zu Deutschland nur eine geringe Zahl an Flüchtlingen aufnimmt.

Lineker hatte daraufhin das neue Asylgesetz der konservativen britischen Regierung als "mehr als schrecklich" bezeichnet. Auf Kritik, er sei "nicht ganz bei Trost" ("out of order"), antwortete er: "Dies ist eine unermesslich grausame Politik, die sich gegen die am stärksten gefährdeten Menschen richtet, in einer Sprache, die der von Deutschland in den 1930er Jahren nicht unähnlich ist, und ich soll nicht ganz bei Trost sein?" Braverman warf Lineker vor, den Holocaust zu verharmlosen. Zahlreiche konservative Abgeordnete forderten Konsequenzen für den Ex-Fußballer. Doch Lineker wollte sich nicht entschuldigen. Am Freitag dann die Suspendierung.

Gespaltenes Königreich

Lineker ist eine Ikone in England. Sein Wort hat Gewicht, was nicht zuletzt seine 8,8 Millionen Follower auf Twitter beweisen. Dort hatte er sich bereits in der Vergangenheit regierungskritisch geäußert. Vor allem sprach der selbstständig für die BBC tätige Moderator sich offen gegen den Brexit aus und machte sich damit bei den Tories mächtige Feinde. Die BBC steht schon seit Jahren unter dem Druck der Brexit-Anhänger und Rechtspopulisten in der konservativen Tory-Partei. Deren Darstellung nach ist die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt durchsetzt mit linkslastigen Journalisten, die angeblich eine urbane Elite repräsentieren. Aktionen wie im Fall Lineker wirken da wie vorauseilender Gehorsam der BBC, um derartige Kritik zu umgehen.

Es ist nur die jüngste in einer langen Reihe von Auseinandersetzungen, bei der Top-Journalisten der BBC den Rücken kehrten. Hinzu kam immer wieder die Drohung der Regierung, die Rundfunkbeiträge abzuschaffen. Ein Einfrieren der Beiträge führte bereits zu schmerzhaften Sparrunden. Die Rundfunkbeiträge betragen im Vereinigten Königreich momentan ungefähr 190 Euro im Jahr.

Die Verwerfungen rund um die Lineker-Affäre ziehen sich ebenso durch die Presselandschaft des Vereinigten Königreichs. Auf der einen Seite stehen konservative, regierungsfreundliche Medien wie "The Daily Mail" und" The Daily Telegraph" und auf der anderen liberale Blätter wie "The Guardian". Sie stehen sich unversöhnlich gegenüber und zeichnen das Bild einer gespaltenen Gesellschaft.

Ex-Fußballer wüten gegen die Regierung

"Es ist die perfekte Ablenkung für diese Regierung", sagte Ian Wright, einer der MOTD-Experten, in seinem Podcast "Wrighty's House": "Sie brauchen Gary Lineker, um von all den anderen Themen abzulenken. Für mich ist es eine humanitäre und keine politische Frage. Sie haben keine Empathie. Sie wollen diesen Kulturkampf zwischen rechts und links, zwischen woke und nicht woke. Das ist die Ablenkung." Der frühere Arsenal-Profi ist mit dieser Meinung bei weitem nicht allein. Jeremy Corbyn, der ehemalige Oppositionsführer der Labour Party im englischen Unterhaus, sagte bei der LBC: "Jetzt verlagert sich die Debatte auf Gary und die BBC und ignoriert dieses, wie ich finde, infame Gesetz, über das wir am Montag im Parlament debattieren werden."

Neben der politischen Frage wirft der Fall Lineker auch ein Schlaglicht auf die BBC. Die große britische Institution hat sich der Unparteilichkeit verpflichtet und nicht alle glauben, dass dies in der aufgeheizten Post-Brexit-Stimmung im Vereinigten Königreich noch möglich ist. Dabei verweisen die Kritiker auch auf die Doppelmoral der BBC, die bis in die Führungsetagen hochreicht. So steht der BBC-Vorsitzende Richard Sharp im Fokus, der laut Medienberichten dem damaligen britischen Premierminister Boris Johnson zu einem Darlehen in Höhe von 800.000 Britischen Pfund verholfen haben soll. Seit Mitte Januar steht der Verdacht im Raum, dass Sharp dies half, Vorsitzender der BBC zu werden. Fakt ist, dass er kurz nach dem Vorfall Ende 2020 den BBC-Posten antrat. Der Vorsitzende der BBC wird vom Monarchen auf Vorschlag des Premierministers und der Kulturministerin ernannt. "Das ist ein Haufen kompletter Unsinn - kompletter Unsinn", wies Boris Johnson die Vorwürfe Ende Januar erbost zurück.

Kuscht die BBC vor dem rechten Flügel?

Mehr zum Thema

Nicht nur Lineker hatte es am Freitag erwischt. Auch vor dem 96-jährigen britischen Tierfilmer Sir David Attenborough machte die BBC nicht Halt. Von seiner neuen Dokumentationsreihe "Wild Isles", einer Reihe über die Schönheit der Natur auf der britischen Insel, werden im linearen TV nur fünf der sechs produzierten Episoden zu sehen sein. Die sechste Sendung verschwindet aus Furcht vor negativen Reaktionen aus rechten Kreisen in der Mediathek. Die BBC bestritt, dass die Folge, die einen schonungslosen Blick auf die Zerstörung der Natur im UK werfen soll, jemals zur Ausstrahlung vorgesehen war. Zuvor hatte der "Telegraph" die BBC angegriffen, weil die Dokumentationsreihe zu Teilen von den Umweltschutzorganisationen WWF und RSPB finanziert sei. Diese seien "zwei Organisationen, die für ihren Lobbyismus bereits kritisiert" worden seien, schrieb die Zeitung.

Mit Blick auf die Lineker-Affäre sagte der ehemalige BBC-Generaldirektor Greg Dyke auf BBC 4: "Das wirkliche Problem heute ist, dass die BBC ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben hat, indem sie das getan hat. Weil es von außen so aussieht, als habe sie sich dem Druck der Regierung gebeugt." Wie die "Times" berichtete, scheint es momentan sehr wahrscheinlich, dass der mit 1,5 Millionen Euro von der BBC bezahlte Lineker in Zukunft nicht mehr für die britische Institution arbeiten wird.

Quelle: ntv.de, mit dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen