Fußball

Ablöse "extremst" für Nagelsmann Der Fußball braucht die Demut erst mal nicht

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Bayern- und Leipzig-Funktionäre schauen ein Spiel.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Vor einem Jahr versprach der Fußball mehr Demut. Aber er bleibt süchtig nach Rekorden. Julian Nagelsmann wechselt für eine Rekordablöse von RB Leipzig zum FC Bayern.

Christian Seifert wusste um die bedrohliche Situation. Etliche Vereine standen mit dem Einsetzen der Pandemie und all ihren dramatischen Konsequenzen für das öffentliche und private Leben Deutschlands vor dem wirtschaftlichen Ruin. Jahrelange Wetten auf eine sportliche Zukunft, die niemals eintreffen wollte, horrende Beraterhonorare und steigende Gehälter hatten den Fußball in eine bedrohliche Schieflage gebracht. In einem Land, das sich in einem ersten Lockdown auf ein neues Leben mit einer unbekannten Gefahr einstellen musste, konnte man das niemanden erklären. Die Liga kämpfte gegen ihr Verschwinden. Und sie tat es mit einer bemerkenswerten Offenheit. Die Liga versprach mehr Demut.

"Was hat der Fußball falsch gemacht?", fragte Seifert und im folgenden Jahr präsentierte der Sport ein paar Fallbeispiele. "Die am stärksten wahrnehmbare Kritik findet sich derzeit an der Schnittstelle Sport und Wirtschaft", erklärte DFL-Chef Seifert in einem im späten April 2020 veröffentlichten Interview mit der "FAZ". Die Kritik beziehe sich auf Spielergehälter, auf "schamlos zur Schau gestellten Reichtum". Ablösesummen und Beraterhonorare fallen aus Zeitgründen aus. Der Fußball wollte sich verändern, aber er bleibt weiter süchtig nach Geld. Das zeigt nicht nur das bizarre Schauspiel rund um den Aufstieg und Fall der European Super League in der vergangenen Woche, sondern auch der unter lautem Getöse der nationalen und internationalen Medien verkündete Wechsel Julian Nagelsmanns zum FC Bayern München. Ein Transfer als Hoffnungssignal für den gebeutelten Sport. Ein seltsames Signal.

Der Serienmeister zahlt nun angeblich bis zu 25 Millionen Euro für den 33-Jährigen vom Rivalen RB Leipzig. Geschäftsführer Oliver Mintzlaff hatte an einem Dementi kein Interesse. Es handle sich naturgemäß "um eine extremst hohe Ablösesumme" und die Summen, von denen er gehört habe, die könne er beileibe nicht bestätigen, aber eben auch nicht dementieren. Kein Trainer in der Geschichte des Fußballs war bislang teurer. Der bisherige Rekordhalter André Villas-Boas war Chelsea vor genau zehn Jahren runde 15 Millionen Euro wert, noch vor Ende der Saison war er Geschichte. In diesem Sommer werden vielleicht keine Rekordsummen für Spieler bezahlt werden, für die Männer an der Seitenlinie ist das Geld noch da. Ein Nagelsmann für den Preis eines Nico Schulz: Der Trainermarkt ist einer mit Perspektive.

Angst geht um: Ab 2024 sind wir alle tot!

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Real-Boss Perez sorgt sich um seinen Verein.

(Foto: imago images/Lagencia)

Kaum eine Woche ist seit den 48 Stunden der ESL, der europäischen Super League, vergangen. Es war der klägliche Versuch eines abtrünnigen Dutzend Klubs aus Spanien, England und Italien und einer US-Investmentbank, noch mehr Geld aus dem Markt zu pressen. Er wurde den großen Vereinen der englischen Premier League beinahe zum Verhängnis. Sie und die anderen Klubs sahen sich einer Querfront aus UEFA, FIFA, den Ligen und den Fans gegenüber. Sie waren chancenlos. Dabei hatten sie nur ihr Geschäftsmodell retten wollen. "2024 sind wir alle tot", erklärte Florentino Perez, Präsident von Real Madrid, in einem Interview.

Die deutschen Klubs Dortmund und Bayern waren nicht unter den zwölf Vereinen. Man wollte sie einladen. Sie lehnten noch im Vorfeld dankend ab. Ihnen war die reformierte Champions League genug. Auch dort lässt sich gutes Geld verdienen. Ab 2024 noch ein wenig mehr. Die in den Super-League-Plänen ignorierten Leipziger ließen ausrichten, dass sie schon immer "Verfechter des sportlichen Wettbewerbs" waren. Das von Red Bull mit eigenen Regeln in die Bundesliga katapultierte Projekt hatte die Lacher auf seiner Seite. Insgesamt war es eine gute Woche für den deutschen Fußball. Er war fein raus und deutete mit den Fingern auf die Abtrünnigen.

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DFL-Chef Seifert erklärt im Sportstudio die neue Demut.

(Foto: imago images/Martin Hoffmann)

"Einige dieser Klubs sind ganz schlecht gemanagte Geldverbrennungsmaschinen", sagte DFL-Chef Christian Seifert mit Blick auf die strauchelnden Giganten Real Madrid und Barcelona. Karl-Heinz Rummenigge sprang ihm wenig später zur Seite. Seine Bayern und auch die Dortmunder Borussia waren nicht Teil des dreckigen Dutzends und konnten aus einer Position der Stärke argumentieren. "Wir alle haben einen großen Fehler gemacht, ob nun Real, Barça, Juve, City, Bayern oder Dortmund", sagte der Bayern-Boss der "Bild"-Zeitung. "Wir haben jedes Jahr die Ausgaben für Spielergehälter erhöht, höhere Ablösesummen gezahlt – weil wir uns einem Dämon namens Transfermarkt unterworfen haben. Durch Corona wurden wir alle geschädigt, die einen mehr, die anderen weniger. Daraus müssen wir die Konsequenzen ziehen."

Nicht einfach so weitermachen, nur ein letzter Deal noch

Die sehen nun erst einmal so aus: Julian Nagelsmann ist dem FC Bayern München mehr Wert, als ein großer Teil der Bundesliga-Vereine in Spieler investieren kann. Für das Paket Upamecano und Nagelsmann überweisen die Bayern beinahe 70 Millionen Euro nach Sachsen. Der Beutezug beim Tabellenzweiten folgt bekannten, erfolgreichen Mustern. Personalprobleme gelöst, direkter Konkurrent geschwächt. Der Dämon namens Transfermarkt hat wieder zugeschlagen. "Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher", sagte DFL-Chef Seifert im vergangenen April. Nur noch ein letzter Transfer und dann ein allerletzter. Dann wird sich alles ändern.

Quelle: ntv.de

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