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"Die Lusche hat getroffen" Der Hamburger SV hat immer noch Puls

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Der vom Boulevard als "Lusche" abgestempelte Lewis Holtby (l.) schenkt dem Hamburger SV neue Hoffnung im Abstiegskampf.

picture alliance / Axel Heimken/

Bundesliga-Dino Hamburger SV ist zwar weiterhin sterbenskrank. Aber er glaubt dank des immens wichtigen Siegs gegen Freiburg wieder an eine wundersame Rettung. Zu verdanken ist das Coach Christian Titz - und einer treffsicheren "Lusche".

Christian Titz stopfte sein dunkelblaues Hemd in seine Jeanshose, beugte sich nach vorne und stützte beide Arme auf den Oberschenkeln ab. Die Anspannung war dem Trainer des Hamburger SV im Heimspiel gegen den SC Freiburg deutlich anzumerken. Es lief die letzte Minute der Nachspielzeit. Der HSV führte 1:0, aber Freiburg hatte in der Mitte der Hamburger Hälfte Freistoß. Noch einmal Luft anhalten, noch einmal bibbern. Doch als der aufgerückte SC-Torwart Alexander Schwolow im Nachschuss den Ball über das Tor und hoch auf die Nordtribüne drosch, war auch dieser letzte Zittermoment überstanden.

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Die Bundesligazeit des HSV ist noch nicht abgelaufen, weil die Rettungsmaßnahmen von Coach Christian Titz greifen.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Und als Schiedsrichter Benjamin Cortus kurz darauf, um 17:23 Uhr, abpfiff, ballte Titz vor der HSV-Bank erleichtert seine rechte Faust und riss den Mund weit auf. In der Nordwestkurve des Volksparkstadions zeigte die berühmte Uhr in diesem Moment 54 Jahre 240 Tage 00 Stunden 23 Minuten 27 Sekunden an. Es ist die Zeit, die vergangen ist, seitdem der HSV am 24. August 1963 um 17 Uhr im Auswärtsspiel bei Preußen Münster in die Bundesliga startete. Und durch den 1:0-Heimsieg gegen Freiburg steht fest: die Uhr wird weiterticken. Mindestens eine Woche.

Denn Hamburg hat drei Spieltage vor Saisonende den Rückstand zu Relegationsplatz 16 auf fünf Zähler verkürzt. Der sterbenskranke Dino der Liga lebt also noch. Er atmet immer noch schwer, hat aber Puls, wenn auch weiterhin schwach. Aber die von Titz eingeleiteten Lebenserhaltungsmaßnahmen schlagen an.

"Die Lusche hat wieder getroffen"

Das beste Beispiel dafür ist Lewis Holtby. Der Mittelfeldmann war unter den beiden vorherigen Trainern, Markus Gisdol und Bernd Hollerbach, bereits aussortiert und vom Boulevard als "Lusche" bezeichnet worden. Doch unter Titz blüht Holtby auf, wie die Blumen und Bäume dieser Tage in der Hansestadt. Sein Siegtreffer in der 54. Minute war das Hamburger Highlight an diesem sonnigen Sonnabend. Holtby kam an der Strafraumgrenze an den Ball, legte ihn sich mit dem linken Fuß vorbei an Manuel Gulde, mit rechts vorbei an Caglar Söyüncü und drückte ihn schließlich mit der linken Fußspitze ins Netz. "Ich habe Spaß am Fußball und da zum Glück noch die Kraft gehabt, Slalom zu laufen. War schön, dass das Ding reingegangen ist. Das Tor tut mir gut", sagte Holtby.

Als der 27-Jährige kurz nach dem Spiel durch die Mixedzone Richtung Kabine ging, konnte er sich einen Kommentar Richtung Medien nicht verkneifen. Unter den wartenden Journalisten war auch jener Reporter der "Bild", der ihn einst "Lusche" bezeichnet hatte. "Die Lusche hat wieder getroffen", meinte Holtby mit hörbarer Erleichterung und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. "Das Schöne ist doch, es allen Leuten zu zeigen, dass man doch ein guter Kicker ist", freute sich der Blondschopf. "Er ist jemand, der eine gewisse Qualität in der Endzone hat. Es freut mich einfach, wenn Spieler wie er ihre Leistung nach oben schrauben", freute sich auch Titz.

Drei Tore, fünf Punkte

Dass der Trainer zu seinem Profi mit der Rückennummer acht eine besondere Beziehung hat, ist bestens bekannt. Titz war einst Holtbys Personaltrainer, beide haben mit Marcus Noack denselben Berater. Er habe von Beginn an das Vertrauen des Trainers gespürt, so Holtby. Und er sei froh, dass er das nun zurückzahlen könne. Unter Titz ist Holtby vom Tribünengast zum Torjäger mutiert. In den vergangenen vier Spielen hat er drei Tore geschossen. Natürlich ist Fußball ein Mannschaftssport - doch ob andere tatsächlich die Treffer erzielt hätten, die Holtby gegen Stuttgart, Schalke und Freiburg gelungen waren? Ohne diese drei Tore hätte der HSV fünf Punkte weniger und wäre bereits abgestiegen. "Es freut uns alle für Lewis, denn er war lange hinten dran", betonte Aaron Hunt.

Neben Holtby gab es noch einen weiteren Hamburger Helden: Julian Pollersbeck. Hätte der Schlussmann in der ersten Halbzeit nicht dreimal glänzend gegen Janik Haberer, Tim Kleindienst und Nils Petersen gehalten, wäre die Partie für die Gastgeber womöglich schon zur Pause verloren gewesen. "Da hat er uns gerettet", meinte Titz.

Und durch Pollersbecks Paraden ist nun die Hoffnung auf die ganz große Rettung gestiegen. Nach dem Duell mit den Freiburgern hat der HSV am Sonnabend beim VfL Wolfsburg das nächste Spiel gegen einen direkten Kontrahenten um den Relegationsplatz. Die Niedersachsen liegen noch fünf Punkte vor den Hamburgern. Die wiederum wollen den Rückstand mit einem Auswärtssieg auf zwei Zähler verringern. "Psychologisch gesehen wäre ich jetzt lieber der Jäger als der Gejagte", meinte Holtby - und sendete damit ein klares Signal Richtung Wolfsburg.

Quelle: n-tv.de

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