Fußball

Aubameyang tut dem BVB weh Der Profi der Provokationen

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Auffällig auf allen Ebenen: Pierre-Emerick Aubameyang.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Ob Pierre-Emerick Aubameyang noch einmal für Borussia Dortmund Fußballspielen wird? Eher nicht. Der Stürmer provoziert seit Wochen vehement seinen Abgang. Dem BVB würde die Trennung bei aller Notwendigkeit mehr schaden als dem Spieler.

Ein Bergmann und die "Susi" verhindern die ganz große Demütigung: Pierre-Emerick Aubameyang wird Borussia Dortmund sehr wahrscheinlich verlassen und zum FC Arsenal weiterziehen. Der Vollzug des Wechsels wäre eine weit weniger große Überraschung als die Fortsetzung der sportlich sehr erfolgreichen Fußball-Symbiose beim BVB. Aubameyang ginge als Spieler mit der nur zweitbesten, ernstzunehmenden Tore-pro-Partie-Bilanz der BVB-Geschichte (0,67), als nur drittbester Torschütze in Schwarzgelb (141 Tore). Der Mann, der die Grenzen des Geschmacks und des Erträglichen regelmäßig erheblich strapaziert, hat den Pott-Klub viereinhalb Jahre auf mehreren Ebenen massiv geprägt, den Markenkern des BVB als Malocherklub mit echter Liebe mit seinem zur Schau gestellten Protz und seiner Illoyalität aber nicht endgültig düpieren oder gar beschädigen können - er ist in dieser historischen Hinsicht an Schachtarbeiter Timo Konietzka (Torquote von 0,75, 139 Tore in 185 Spielen) gescheitert. Und am kämpfenden Regisseur Michael "Susi" Zorc (159 Tore), der gemeinsam mit Hans-Joachim Watzke den sportlichen Weg des Klubs bestimmt.

Und auf diesem konsequenten Weg, der den Klub vor der drohenden Insolvenz gerettet, der ihm den phänomenalen Jürgen-Klopp-Wahnsinn und trotz Thomas-Tuchel-Trauma auch noch den DFB-Pokalsieg im vergangenen Sommer beschert hat, haben die beiden Klub-Alphatiere Watzke und Zorc nun ihre Führungsstärke (vorübergehend) verloren. Eben wegen Pierre-Emerick Aubameyang, dem sie bislang alles ohne schwerwiegende Konsequenzen haben durchgehen lassen, ihm, dem immer clever-dreisteren Profi der subtilen Provokationen. Der sich aber eben nicht wie Barcelonas fünfmaliger Weltfußballer Lionel Messi für ein erneutes "Ja"-Wort von allen Steuersünden hat freikaufen lassen sollen oder wie der Pariser Superstar Neymar, der offenbar vertraglich einen Verzicht auf Defensivarbeit und Trainingsrücksicht seiner Teamkollegen zugesichert bekam. Und auch ist Aubameyang nicht so offen dreist, wie die Ex-Borussen Ousmane Dembélé oder Henrikh Mkhitaryan, die ihre Arbeitgeber (bei Mkhitaryan war es Schachtjor Donezk) mit Trainingsboykotts zum Einstürzen der Wechsel-Vetos zwangen.

Unberechenbar unangenehm

Aubameyang stichelt anders, in der Heftigkeit dosierter, in der Häufigkeit regelmäßiger und vor allem viel unberechenbarer - und er tut dem BVB damit sehr weh. Denn die seit November 2016, seit der ersten (unerlaubter Party-Trip nach Mailand) von seither drei Suspendierungen, deutlich erhöhte Schlagzahl der "Mini-Eklats" mit Privatsponsor-Masken und -frisuren sowie ungenehmigten Videodrehs belastet die Souveränität und Handlungsstärke des Klubs, der regelmäßig auf dem schmalen Grat zwischen Härte und Nachsicht stolpert. Und so hat Aubameyang wohl auch erst den kindsköpfigen Boykott-Stumpfsinn von Dembélé im vergangenen Sommer ermöglicht. Nun aber überreizt der Gabuner mit seiner millionenteuren Trainingsunlust selbst die völlig überzogene Rückendeckung, die sich mit ihrer zuletzt ausgedrückten Nachgiebigkeit nahe an der Lächerlichkeit bewegte. So hatte Watzke der "Welt" noch vor einer Woche gesagt: "Wir dürfen bei allen Ecken und Kanten - von mir aus auch Extravaganzen - eines nicht vergessen: dass Pierre-Emerick Aubameyang ein totaler Profi ist."

Dieser Profi, der auch in dieser Saison schon wieder 20 Pflichtspieltore - 13 in der Bundesliga, drei im DFB-Pokal und vier in der Champions League - erzielt hat, ist beim Spiel bei der Hertha aus Berlin (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zum zweiten Mal in Folge kurzfristig nicht im Kader der Borussia. Diesmal nicht, weil er eine wichtige Sitzung sausen ließ, sondern weil der letzte Eindruck im Training nicht stimmte. Nach einer eigentlich guten Woche und einer massiven, verbalen Wiedereingliederungsbrücke seines Trainers. Die Last-Minute-Lustiglosigkeit ist eine krachende Ohrlasche, nicht nur für Peter Stöger, sondern für jede geprügelte BVB-Wange, die sich nach dem Horrorjahr 2017 mit unter anderem Bomben-Anschlag, Tuchel-Entlieben, Dembélé-Wahnsinn und Bosz-Debakel nichts sehnlicher als Wundheilung wünscht.

Was kommt nach Aubameyang?

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Huhu "Auba": Arsene Wenger schwärmt sehr für den BVB-Angreifer und würde ihn gerne zum FC Arsenal locken.

(Foto: imago/PA Images)

Doch in Sicht ist die nicht. Der Abgang von Aubameyang zu den "Gunners", wo er Medienberichten aus England und Italien zufolge sein aktuelles Bruttogehalt offenbar als Nettozahlung verdoppeln könnte, würde zwar den Ärger über die Extravaganzen und Eskapaden des Gabuners tilgen, nicht aber die Sorgen über das Danach. Denn bei allen charakterlichen Ausrutschern ist der 28-Jährige ein überragender Angreifer, ist trotz teilweise hanebüchenen Chancenwuchers Dortmunds erster und einziger Torgarant. Wie schwer der unfreiwillige Verzicht auf den Stürmer wiegt, bekamen die 80.6000 Zuschauer im schwarzgelben Stimmungstempel am vergangenen Sonntag gegen den VfL Wolfsburg offenbart: 18 Mal schossen die Borussen auf das Tor von Koen Casteels, hämmerten die Bälle aber über Aubameyangs Stellvertreter Andrej Jarmolenko, den ersten 17-jährigen Jadon Sancho und den nur ein Jahr älteren Alexander Isak aus allerbesten Positionen an Pfosten, Außennetz oder knapp neben das Tor.

Und nun? Nun braucht's einen stabilen Plan B, um die Saison nach Champions-League-Debakel und Pokal-Pleite in München noch zu einem guten, zu einem erfolgreichen Ende mit Königsklassen-Berechtigung zu bringen. Aus dem eigenen Stall lässt der sich aber kaum schmieden. Ob und wann beispielsweise der überanfällige Ausnahmefußballer Marco Reus wieder eine Top-Alternative sein kann, ist unklar. Der zu Saisonbeginn überraschend starke Neuzugang Maximilian Philipp (SC Freiburg) fehlt nach Kreuzbandriss noch lange. Bleiben noch der dauerformschwache Weltmeisterwegbereiter André Schürrle und der hochtalentierte Christian Pulisic, der bei aller Qualität indes kein konstanter Torjäger ist, ebenso wie die Youngster Teenager Sancho und Isak. Ganz anders freilich als Youssoufa Moukoko mit seinen 27 Treffern in 15 Spielen der U17-Bundesliga. Das Problem: Moukoko ist gerade mal 13 Jahre alt. Blöd.

Sogar Modeste wird gehandelt

Bleiben die externen Lösungen: Arsenals Olivier Giroud? Ein Legionär, ein Bulle, ein Mittelstürmer, kein Mann für das Tempospiel, außerdem mit 31 Jahren schon relativ alt und sehr verletzungsanfällig. Micky Batshuayi vom FC Chelsea? Ebenfalls kantig, beidfüßig, abschlussstark, aber beim englischen Meister nur Ersatz und dafür mit gehandelten 20 bis 25 Millionen Euro teuer. Lautaro Martinez vom argentinischen Erstligisten Racing Club? 20 Jahre jung, unerfahren, allerdings torgefährlich und mit einer, laut den "Ruhr Nachrichten, Ausstiegsklausel von neun Millionen Euro eher ein Schnäppchen, wohl aber auch eher ein Perspektiv-Schnäppchen. Auch der Name Anthony Modeste schwirrt in den Medien herum: Der Franzose war im Sommer vom 1. FC Köln nach einer grandiosen Saison nach China gewechselt.

Bis zum 31. Januar hat der BVB nun noch Zeit sein Sturm-Problem zu lösen - denn einen Aubameyang mit chronischer Lustlosigkeit kann sich der Klub nicht leisten, weder finanziell, noch sportlich und erst recht nicht auf dem Weg zur ersehnten Ruhe.

Quelle: ntv.de

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