Fußball

Vernagelte Tore und kaum PunkteDer vergessene Zweitliga-Trainer, der Jürgen Klopp fassungslos machte

29.11.2025, 06:48 Uhr Stephan-UersfeldStephan Uersfeld
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Petrik Sander und der 1. FC Magdeburg wollen endlich einmal in Führung gehen. (Foto: IMAGO/DeFodi Images)

Petrik Sander ist auf Rettungsmission. Mit dem 1. FC Magdeburg kämpft er um das Überleben in der 2. Fußball-Bundesliga. Die 65-jährige Trainerlegende muss dabei einer Mannschaft helfen, die kein Tor mehr trifft. Hilft dabei auch die Erinnerung an ein gewonnenes Duell mit Jürgen Klopp?

Das Runde muss ins Eckige. Nichts im Fußball ist wahrer als diese ganz alte Weisheit. Ohne Tore ist alles nichts. Ohne Tore ist so richtig mies. Ohne Tore ist Tabellenkeller. Wenn das Runde nicht in das Eckige will, dann entsteht nichts. Außer Chaos. In den Toren verdichtet sich der Erfolg. In den Toren spiegelt sich alles Streben. Alles andere kann zwar gezählt werden. Es ist nur am Ende nicht wichtig. Da kann eine Mannschaft noch so wild anrennen, noch so gut spielen.

Genau das macht der 1. FC Magdeburg in der Vorwoche bei Fortuna Düsseldorf. Sie schießen 26-mal in Richtung gegnerisches Tor, sie dominieren den Gastgeber. Doch kaum etwas springt dabei herum. Ein Eigentor der Düsseldorfer kommt dabei herum. Ausgleich in der 88. Minute. In der fünften Minute der Nachspielzeit geht’s wieder dahin. 2:1 für Düsseldorf.

Die dritte Niederlage in Folge für Magdeburg. Ein Tor aus drei Spielen, wenn die Daten, die Expected Goals, in diesen drei Spielen auch fünf Treffer vorhersagten. Letzter Platz in der Liga, nur sieben Punkte. Langsam wird es eng. Wie stoppt man das? Idealerweise bereits am heutigen Samstag im Top-Spiel der 2. Fußball-Bundesliga gegen den 1. FC Nürnberg (20:30 Uhr/NITRO, Sky und im Liveticker auf ntv.de)

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Nach dem Kollaps in Düsseldorf. (Foto: IMAGO/Vitalii Kliuiev)

Dieser Frage muss sich Petrik Sander stellen. Der 65-Jährige, einer der großen Vergessenen der 2000er-Jahre, soll Magdeburg an das Mittelfeld heranführen. Die Mission? Kompliziert! Der Plan? Einfach. Der Druck? Riesig. Was macht so etwas mit einer Mannschaft und mit einem Trainer, der schon so viel gesehen hat und mitten in der Saison nach 15 Jahren zurück in der zweiten Liga ist?

"Das wollten wir nicht in die neue Woche schleppen"

Nach seiner Zeit bei Energie Cottbus und bei der TuS Koblenz war er in den ersten beiden Ligen nicht mehr gesehen, die vergangenen fünf Jahre verbrachte er erst mit der U19 der Magdeburger, dann mit der U23. Das Profigeschäft schien weit weg. Im Oktober 2025 kam er zurück. Markus Fiedler, der Christian-Titz-Nachfolger, wollte nicht funktionieren. Sanders Anfang war stark, zuletzt drehte sich das Glück gegen Magdeburg, in Düsseldorf besonders.

"Düsseldorf mussten wir erst einmal sacken lassen", sagt Sander im Gespräch mit ntv.de: "Wir wollten dann aber auch eine unmittelbare Auswertung am nächsten Tag machen, einfach damit das aus den Köpfen raus ist. Das wollten wir nicht in die neue Woche schleppen. Das wäre kontraproduktiv."

Wieder raus auf den Trainingsplatz. Den Torfluch durch Routinen durchbrechen. "Es geht fast nur über Abläufe", sagt er. "Unsere Aufgabe als Trainerteam ist es, den Jungs das notwendige Rüstzeug an die Hand zu geben. Ein Spiel lässt sich nicht simulieren. Wenn eine Mannschaft verunsichert ist, dann ist sie verunsichert. Die Ursachen dafür müssen rausgefiltert werden."

Was passiert, wenn eine Mannschaft gelähmt ist

Profane Dinge. Wie gelangt der Ball ins letzte Drittel, welche Positionen gibt es beim Abschluss, übt ein Gegner Druck aus. All das ergibt Muster. "Es geht vom Einfachen zum Schweren", sagt Sander: "Erst die einfachen Abläufe, dann die Abläufe unter Gegnerdruck und unter Zeitdruck." Damit der Ball endlich über die Linie geht. Denn am Ende geht es darum. "Nichts ist wichtiger als die Mannschaft. Man muss alles tun, um der Mannschaft und den Jungs weiter zu helfen. Man kann noch so viele und noch so tolle Analysen machen. Die Jungs müssen das auf dem Platz auch umsetzen."

Trotz der unglücklichen Niederlagenserie sieht Sander, der schon viele Mannschaften gesehen hat, eine lebende Mannschaft. "Wenn eine Mannschaft gelähmt wäre, würde sie nicht solche Spiele abliefern", sagt er. "Die Mannschaft lebt und sie ist positiv. Mir tut es manchmal leid, wenn sie für den Aufwand nicht belohnt wird. Wenn eine Mannschaft gelähmt ist, ist es im laufenden Spielbetrieb sehr schwer, in die Köpfe reinzukommen. Dann ist das schon eine extreme Aufgabe. Das ist aber bei uns nicht der Fall."

"Ein Wahnsinn, wie sich der Fußball verändert hat"

Anderthalb Dekaden liegen zwischen Sanders letzten Anstellung in der 2. Liga beim TuS Koblenz und der Rückkehr in Sachsen-Anhalt kurz vor seinem 65. Geburtstag, den er in diesen November-Tagen feierte. Den meisten Anhängern des Spiels wird er als kauziger Trainer an der Seitenlinie von Energie Cottbus in Erinnerung geblieben sein.

Er gab den auswärts in Müllmann-Trikots auflaufenden Lausitzern Hoffnung. Irgendwann verschwanden erst Sander und dann Cottbus aus der öffentlichen Wahrnehmung. Weg waren sie. Erinnerung an die alte Zeit für den großen Teil. Cottbus und Sander blieben. Nur am Rande der Wahrnehmbarkeit. Von dort beobachtete Sander.

"Es ist Wahnsinn, wie sich der Fußball athletisch verändert hat", sagt Sander. "Das Auseinanderklamüsern von all den bestimmten kleinen Punkten, die sportmedizinische Betreuung, die sportpsychologische Betreuung - das hat sich extrem verändert und hat heute eine ganz andere Qualität."

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Krein und Sander: "Der hat einfach gesagt: 'Du machst das jetzt.'"

Wie Präsident Krein Sander zum Trainer machte

Der Quedlinburger war 2004 urplötzlich bei Energie Cottbus zum Chef-Trainer befördert worden. Er ersetzte Ede Geyer, dem er jahrelang als Assistent zur Seite gestanden hatte. Die Geschichte seiner Ernennung ist sinnbildlich dafür, wie sich der Sport verändert hat.

"Früher", sagt Sander, "wurde eine Linie festgelegt, dann wurde auf den Tisch geklopft und dann war das so." Energie-Präsident Dieter Krein hatte ihm damals keine Wahl gelassen. "Der hat einfach gesagt: 'Du machst das jetzt.' Da gab es keine Möglichkeit zu fragen, ob man da vielleicht drüber sprechen könnte. Wenn einer gesagt hat, dass wir jetzt alle nach rechts laufen, und man einen kleinen Step nach links für sinnvoller gehalten hat, dann war das egal. Wir liefen nach rechts", sagt Sander.

Trainer in der Bundesliga, das war nicht unbedingt das Ziel von Sander. "Das wurde eben rigoros festgelegt", blickt er zurück. "Dann musste man schwimmen in diesem Haifischbecken. Dann musste man sich wehren und sich Verbündete suchen. Ich war immer loyal als Co-Trainer, jetzt war ich der Chef." Sander brach mit der alten Autorität, hörte sich andere Meinungen an

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Sander mit dem legendären Tomislav Piplica. Mit der Nummer 2 verlässt Steffen Baumgart das Bild.

Als Jürgen Klopp staunte

Erst hielt er die Klasse in der 2. Liga, bald darauf führte er die Lausitzer zurück in das Oberhaus und hielt sie in der Bundesliga. Sander war der König im Stadion der Freundschaft, die Fußballwelt schaute genau auf diese knurrigen Typen, der Herzen gewann und sogar Jürgen Klopp in die Verzweiflung trieb.

"Wenn wir damals in Cottbus versucht hätten, Fußball zu spielen, hätten wir die Bundesliga nicht gehalten. Wir haben einfach versucht, unsere Stärken einzubringen. Das waren ein gutes Verteidigen, Standards und schnelle Umschaltmomente", blickt Sander zurück auf die Mannschaft mit dem legendären Tomislav Piplica im Tor, mit Igor Mitreski und Kevin McKenna in der Innenverteidigung, mit Vlad Munteanu, Steffen Baumgart, Francis Kioyo und Sergiu Radu in der Offensive.

"Wenn wir versucht hätten, mit spielstärkeren Mannschaften mitzuhalten, dann wäre alles gnadenlos den Bach runtergegangen", sagt Sander. "Ich kann mich an Jürgen Klopp erinnern, der nach einem 2:0 von uns gegen Mainz in der Pressekonferenz gesagt hat: 'Ihr wollt gar kein Fußball spielen'. Habe ich gesagt: 'Hast recht, Jürgen. Das wollten wir nicht.' Dann hätten wir das Spiel nicht gewonnen."

Das war früher, aber Zeit wartet auf niemanden. "Man darf sich den Entwicklungen nicht verschließen", sagt Sander. "Vielleicht dann noch in dem Glauben: Ich mach’ ohnehin alles richtig. Man muss immer weiter lernen, immer dazulernen. Auch im hohen Alter von mittlerweile 65." Den Mitsechziger umgibt die Aura eines Trainers, der sich nicht einschüchtern lässt von den sportlichen Unglücken, die im Laufe einer Karriere eben passieren.

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"Hast recht, Jürgen. Das wollten wir nicht."

Jetzt muss das Runde endlich ins Eckige

"Wenn man jünger ist, dann ist die Erfahrung eines Abstiegskampfes sicher eine höhere Belastung", sagt er. "Mit zunehmendem Alter empfindet man das nicht mehr so als Belastung. Man kennt bestimmte Abläufe, bestimmte Gewohnheiten, die in diesem Metier eben so sind. Aber man verschreibt sich einer Sache mit Spaß, Freude und Leidenschaft. Klar, in diesem Job entsteht auch Druck. Den darf man nicht zu sehr an sich lassen. Das ist manchmal schwierig, aber in jüngeren Jahren ist es mir schwerer gefallen."

All das über die Jahre gelernte, all die Erfahrung schmeißt Sander nun in den Abstiegskampf mit dem 1. FC Magdeburg. "Wir haben das große Glück, uns auf einer großen Fläche zu bewegen", sagt er. "Mit viel Abwechslung, mit viel Raum, dem Ball dazu und auch noch einem Gegner." Und auf dieser Fläche will er mit seiner Mannschaft nicht nur ganz weit in den gegnerischen Bereich vordringen, er will endlich diese eine Sache.

"Was ich mir wünsche, ist, dass wir einmal in Führung gehen, dass wir mal so ein Spiel souverän nach Hause bringen und darauf aufbauend eine kleine Serie starten", sagt Sander. "Das ist unsere Aufgabe und das ist unser Ziel. Über kleine Dinge etwas Großes möglich werden lassen." Das Runde muss einfach in das Eckige. Dann entstehen die Dinge, die dazu führen, dass man sich findet.

Quelle: ntv.de

1.FC Magdeburg2. Fußball-Bundesliga1.FC Nürnberg