Fußball

Früher Pep, jetzt Römerstraße Der bittere Absturz von Supertalent Kurt

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Josep Guardiola verhalf Sinan Kurt zu seinem Bundesliga-Debüt.

(Foto: imago/Lackovic)

Er galt einst als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Er stand in Mönchengladbach unter Vertrag, beim FC Bayern und bei Hertha BSC. Doch der Durchbruch blieb Sinan Kurt verwehrt. Nach einem Jahr ohne Verein wagt der 24-Jährige einen Neustart - im Kreis Kleve.

Über das Stadion an der Römerstraße gibt es geteilte Meinungen. Die Bratwurst, die dort verkauft wird, die ist gut. Nicht so gut ist dagegen die Sicht im Gästeblock. Und parken, das ist dort auch nicht optimal. Aber eigentlich geht man wohl ganz gerne zur Römerstraße. Dorthin, wo der SV Straelen seine Heimspiele in der Regionalliga West austrägt. Karten sind für drei (Mitglieder) bis 14 Euro (Sitzplatz auf der Tribüne) zu haben. 3500 Zuschauer finden dort Platz. Normalerweise, in Zeiten ohne Corona. Wie viele Menschen am Samstag um 14 Uhr kommen, wenn der SVS sein Heimspiel gegen den SV Rödinghausen austrägt, das weiß nun noch niemand. Was man aber weiß: Der Sportverein hat einen prominenten Neuzugang.

Am Dienstagnachmittag machte der Klub auf seiner Homepage bekannt, dass er Sinan Kurt unter Vertrag nimmt. Der 24-Jährige, der bereits seit einiger Zeit mit der ersten Mannschaft trainiert hatte, war zuletzt vereinslos. Wobei "zuletzt" den Zeitraum einer ganzen Saison umfasst, nachdem sein Vertrag beim österreichischen Zweitligisten WSG Tirol ausgelaufen war. Es war ein bitteres Ende für Kurt. Irgendwie passend zu einer Karriere, die von vielen schlechten Entscheidungen geprägt ist. Mit einem "ins Kreuzeck gehauenen" Elfmeter gegen die Young Violets in der letzten Minute verhalf er seinem Klub mit zum Aufstieg. "Hätte er das nicht gemacht, hätten wir den Titel nicht geholt", sagte Manager Stefan Köck damals über Kurt.

Die WSG stieg auf und Kurt ab. Sportlich. Aber warum eigentlich? "Aufgrund der Ausländerbeschränkung ist es schwierig beziehungsweise nicht möglich, dass wir ihn bei uns behalten", erklärte Köck gegenüber dem Portal laola1.at. "Viele Punkte haben für Sinan gesprochen und hätte er einen österreichischen Pass, wäre er wahrscheinlich noch bei uns." Er habe, so sagte der Manager, immer wieder seine Klasse gezeigt und sei auch als Typ super und angenehm gewesen. Mit all den Urteilen und Vorurteilen, die der 24-Jährige mit sich rumschleppt, können sie in Wattens nichts anfangen. "Ich kann von dem Jungen nur das Beste sagen, er hat null Star-Allüren gehabt, er ist ein toller Mensch". sagte Köck.

Bundesliga-Debüt unter Guardiola

Nicht überall wurde er in seiner Karriere, die sich mit den Stationen Borussia Mönchengladbach, Bayern München und Hertha BSC durchaus schillernd liest, mit so vielen positiven Worten verabschiedet wie in Wattens. In Mönchengladbach, wo er von 2007 bis 2014 die gesamte Jugend durchlief, waren sie wütend, weil Kurt dem Werben aus München - begleitet von Misstönen und Vorwürfen - verfiel. In München, wo Kurt unter Coach Josep Guardiola tatsächlich einmal für 44 Minuten (!) in der Bundesliga spielen durfte (eingewechselt für Gianluca Gaudino, was für eine verrückte Welt), haderten sie mit den Extravaganzen - teurer Helikopterflug und eingeflogene Friseure - des Spielers, der einst als eine der größten Hoffnungen im deutschen Fußball galt. Als eine der allergrößten Hoffnungen.

Nach anderthalb unerfolgreichen Jahren beim FC Bayern wechselte er dann zur Hertha. Eine abermals unrühmliche Zeit. "Wenn du einen jungen Spieler immer wieder motivieren musst und immer wieder über Mentalität heulen musst, dann haben wir ein Problem", sagte Coach Pal Dardai im August 2017. Es war eine harte Mahnung, die der Ungar mehrfach wiederholen sollte. Im Januar 2018 wurde er sogar aus dem Mannschaftstraining verbannt. "Wir erhoffen uns auch, dass er außerhalb seines gewohnten Umfeldes in Sachen Eigenständigkeit und Eigenverantwortung weiterkommt", sagte Manager Michael Preetz damals.

Über seine Zeit in Berlin sagte Kurt später, im April 2019, zur "Sport Bild": Es sei ja "kein Geheimnis, dass ich mit dem Trainer in Berlin kein gutes Verhältnis hatte. Ich hatte den Kopf nicht frei, weil ich wusste, dass es keine Ebene zwischen dem Trainer und mir gab." Das habe ihm den Spaß am Fußball genommen. Der Trainer habe ihm nie eine richtige Chance gegeben und ihm immer nur Kurzeinsätze ermöglicht, sagte Kurt. Da falle es eben schwer, Zeichen zu setzen. Tatsächlich ist die Bilanz des einstigen Supertalents bei der Hertha traurig bis demütigend: Im Herbst 2016 absolvierte er die einzigen Bundesliga-Minuten für den Klub, eine gegen den Hamburger SV, vier gegen Mönchengladbach.

Ausstiegsoption, wenn ein Profiklub ruft

Nun also, nach all den Aufregern und Frustmomenten, will Kurt endlich wieder spielen, Spaß haben und womöglich doch noch einmal in den Profifußball zurückkehren. "Es ist richtig, dass ich seit fast einem Jahr nicht mehr gespielt habe", sagte Kurt nun der "Rheinischen Post". Doch er werde weiter "an einer Karriere als Profi arbeiten. Natürlich fehlt mir im Moment die Spielpraxis. Aber ich bin körperlich fit und fühle mich bereit für die Regionalliga." Wie lange er für den SV Straelen spielen wird, unklar. Angaben über die Dauer des Vertrags machen beide Seiten nicht. Klub-Boss Herrmann Tecklenburg sagte der "Bild" indes: "Wir haben vereinbart, dass er im Dezember gehen kann – wenn er ein Angebot eines Profi-Klubs bekommt."Bis dahin gilt: Regionalliga West, Römerstraße und die neue Bescheidenheit: Er spielt, wo ihn der Trainer aufstellt (noch fehlt allerdings die Spielberechtigung).

Nach sechs Spieltagen in der Regionalliga West steht Straelen übrigens mit fünf Punkten auf Rang elf, drei Zähler hinter dem letztjährigen Meister aus Rödinghausen (verzichtete auf den Aufstieg). Am vergangenen Spieltag feierte der neue Klub von Kurt seinen ersten Saisonsieg, beim 2:1 auf Schalke. Beide Treffer für den Aufsteiger erzielte der portugiesische Mittelfeldspieler Fabio-Daniel Simoes Ribeiro.

Quelle: ntv.de