Fußball

Coach Baumgart verlässt SCP Der letzte Malocher mit Mut und Wut

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Nie ohne Emotionen: Steffen Baumgart an der Seitenlinie.

(Foto: Kevin Voigt/Jan Huebner/Pool)

Steffen Baumgart brachte in der Saison 2019/20 frischen Wind in die Bundesliga, mit seiner emotional ehrlichen Art an der Seitenlinie und dank couragierter Auftritte seines SC Paderborn. Zum Saisonende nimmt der Trainer Abschied, dabei sorgte er mit dem SCP für ein Stück Bundesliga-Historie.

Diesen Rekord kann ihm keiner nehmen, es läuft die 73. Minute der Partie seines SC Paderborn bei Fortuna Düsseldorf: Mitte Mai 2020 trägt sich Steffen Baumgart in die Geschichtsbücher der Fußball-Bundesliga ein, als er als erster Trainer überhaupt einen regulären vierten Wechsel vornimmt. Den neuen Auswechsel-Regeln nach dem Liga-Neustart nach der Corona-Pause sei Dank. In Paderborn haben sie natürlich unzählige andere historische Erinnerungen an Baumgart, der nun erklärt, zum Ende dieser Spielzeit seinen Trainerposten zu räumen.

Baumgart wird den Fußball-Zweitligisten nach vier Jahren am Saisonende verlassen und seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Der Coach übernahm die Ostwestfalen im April 2017 in einer komplizierten Situation in der 3. Liga, konnte den Abwärtstrend aber zunächst nicht stoppen und stieg mit dem SCP in die Regionalliga ab. Eigentlich. Denn Baumgarts Team profitierte davon, dass der TSV 1860 München die Liga-Zulassung nicht bekam, und blieb der 3. Liga erhalten. Daraufhin startete der Trainer seine Erfolgsgeschichte und führte den Verein innerhalb von zwei Jahren erst in die 2. Liga und dann per Durchmarsch direkt zurück in die Bundesliga.

"Ich halte nicht die Schnauze"

Im Oberhaus sorgte der SCP dann mit äußerst couragierten Auftritten für ordentlich Furore. Denn Baumgart dachte gar nicht daran, seine Mannschaft wie ein kleines Aufsteiger-Mäuschen spielen zu lassen. Druckvoll, offensiv und engagiert setzten die Ostwestfalen sogar die ganz Großen gehörig unter Druck. Der FC Bayern (einmal unter Niko Kovac, einmal unter Hansi Flick) konnte in beiden Duellen nur geradeso mit 3:2 gewinnen, RB Leipzig trotzte der SCP sogar ein Unentschieden ab. Und dann war da noch der grandiose Auftritt beim BVB im ausverkauften Signal Iduna Park im November 2019: Zur Halbzeit führte der freche Aufsteiger vor gut 81.000 Zuschauern mit 3:0 (!!!). Erst durch zwei ganz späte Tore gelang es den Dortmundern noch, ein Unentschieden zu erringen.

Zwar folgte der sofortige Wiederabstieg, aber dem Gedächtnis der Bundesliga bleiben die Malocher-Auftritte Baumgarts an der Seitenlinie in Erinnerung. Immer lautstark und wild gestikulierend, oft hatte der Trainer bei den Interviews nach dem Spiel gar keine Stimme mehr. Und wenn ihm etwas nicht passte, dann sagte er das auch. So eine Type gibt es in der Bundesliga-Trainerriege eigentlich gar nicht mehr, zu sehr sind die Spielleiter heute auf ihr öffentliches Bild bedacht. Aber Baumgart posaunte gerne mal darauf los: "Ich werde allen versprechen, dass ich nicht die Schnauze halte, wenn ich das Gefühl habe, es war ein Fehlverhalten der Schiedsrichter. Dann werde ich was dazu sagen", schimpfte er etwa, als er Anfang 2020 mal wieder mit einer Gelben Karte am Spielfeldrand verwarnt wurde. "Viel schlimmer ist, dass immer gleich dieses Wort Respekt kommt. Ich habe vor jedem Schiedsrichter Respekt, ich erwarte es aber von beiden Seiten." Als ehrlicher Typ gab der Trainer aber auch zu, wenn er mal zu emotional ausgeholt hatte und hatte kein Problem damit, sich zu entschuldigen.

Den Ostwestfalen ist ihr Coach natürlich heilig. "Steffen Baumgart hat sich hier in Paderborn ein sportliches Denkmal gesetzt und an der Erfolgsgeschichte des Vereins über viele Jahre maßgeblich mitgeschrieben. Wir respektieren seine Entscheidung, die nun am Ende eines langen und ernsthaften Abwägungsprozesses steht und für beide Seiten Klarheit schafft", sagte Sport-Geschäftsführer Fabian Wohlgemuth auf der vereinseigenen Homepage.

"Respekt bedeutet, sich den Scheiß anzugucken"

Wer Baumgart einmal an der Seitenlinie gesehen hat, weiß, dass der emotionale Trainer trotz seines SCP-Endes die restlichen Aufgaben mit dem gleichen Engagement wie immer angehen wird: "Ich hatte und habe in Paderborn eine unglaublich spannende und intensive Zeit, in der wir gemeinsam bemerkenswerte Erfolge erzielen konnten", sagte der Coach. "In den vergangenen Wochen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nun Zeit ist für eine Veränderung. Jetzt konzentriere ich mich voll auf die Endphase der laufenden Saison".

In der Erinnerung bleibt auch Baumgarts Wutrede für die Ewigkeit nach der im Februar verlorenen Partie im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund: Der Zweitligist hatte auf dramatische Art und Weise einen 0:2-Rückstand gegen den Champions-League-Verein aufgeholt, um dann durch eine strittige VAR-Entscheidung den 3:2-Todesstoß zu kassieren. Erling Haaland stand dabei zwar im Abseits, aber ein SCP-Spieler soll den Ball vor dem Zuspiel auf den Norweger noch minimal berührt haben. "Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken und dann eine Entscheidung zu treffen. Das ist respektvoller Umgang mit dem Gegner und nicht mit den Kleinen, denen wir wieder in den Arsch getreten haben", wetterte Baumgart nach dem Spiel.

Der SCP steht momentan auf dem elften Tabellenplatz. Damit liegt man ungefähr auf Kurs Saisonziel: Diese Spielzeit ging der Klub nämlich mit der Absicht an, sich in der 2. Bundesliga zu akklimatisieren und langfristig unter den Top 30-Mannschaften im deutschen Profifußball zu etablieren. Auch hier könnte Baumgart den Grundstein für weitere Bundesliga-Geschichte gelegt haben.

Quelle: ntv.de

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