Fußball

Neue Wunderkinder des Fußballs Der riskante Hype um Moukoko und Co.

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Eduardo Camavinga liefert am zweiten Spieltag der Ligue 1 gegen den Serienmeister Paris Saint-Germain im zentralen Mittelfeld eine überzeugende Leistung ab.

(Foto: imago images / PanoramiC)

Camavinga, Fati, Moukoko - um diese Namen kommen Talentscouts zurzeit nicht herum. Sie werden als die neuen Stars gefeiert. Die Topklubs reißen sich um sie. Doch auf den Schultern der Wunderkinder lastet auch viel Druck, an dem schon einige ihrer Vorgänger gescheitert sind.

Einigermaßen unbeachtet verlängert der französische Fußballklub Stade Rennes im Sommer den Vertrag eines seiner Talente. Eine offenbar ziemlich gute Idee. Denn nur drei Tage später kennt diesen Spieler mit der Rückennummer 18 ganz Frankreich. Eduardo Camavinga liefert am zweiten Spieltag der Ligue 1 gegen den Serienmeister Paris Saint-Germain im zentralen Mittelfeld eine überzeugende Leistung ab. Mit einer selbstbewussten Körpersprache und einigen klugen Spielverlagerungen überrascht er selbst erfahrene Gegenspieler wie die Nationalspieler Marquinhos und Marco Verratti.

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Als Krönung seiner Leistung gelingt Camavinga die perfekte Vorlage zum 2:1-Siegtreffer: Nach einem eigentlich bereits abgebrochenen Angriff bekommt er den Ball in den rechten Halbraum zurückgespielt. Er orientiert sich sofort zur Mitte und schupft den Ball in einer flüssigen Bewegung mit ganz viel Gefühl an die Fünfmeterkante, wo Teamkollege Romain Del Castillo ihn nur noch einnicken muss. Und so die Pariser Abwehrsorglosigkeit endgültig bestraft. Mit Mut und Spielübersicht entzückt Camavinga spätestens da ganz Frankreich. Das Außergewöhnliche? Er ist gerade einmal 16 Jahre alt.

Als jüngster Spieler von Stade Rennes erhielt Camavinga erst Ende vergangenen Jahres den Profivertrag. Mittlerweile soll halb Europa an dem Nachwuchskicker interessiert sein. Neben Borussia Dortmund, Real Madrid und dem FC Arsenal buhlt wohl auch der FC Barcelona eifrig um den Jungstar. Dabei haben die Katalanen bereits ein Wunderkind in ihren Reihen: Anssumane Fati. Der Junge aus Guinea-Bissau gilt als Ausnahmetalent und ist mit seinen 16 Jahren zwar nur der zweitjüngste Debütant in der Geschichte des Vereins - sein Vorgänger Vicente Martinez debütierte 1941 als jüngster Spieler - seit dem vergangenen Spieltag ist er allerdings jüngster Torschütze. Dank seines Treffers beim 2:2 gegen CA Osasuna. Die Medien feiern ihn als größte "Sensation seit langer Zeit". Und der Klub setzt bereits Unsummen fest, um ihn zu halten: In Fatis Vertrag ist eine Ausstiegsklausel in Höhe von 100 Millionen Euro verankert.

"So sicher wie das Amen in der Kirche"

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Vergangenen Sommer schoss Youssoufa Moukoko den BVB zur U-17-Meisterschaft. Doch auch unter deutlich Älteren macht er immer noch eine ausgezeichnete Figur.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Dass es noch jünger geht, beweist BVB-Juwel Youssoufa Moukoko. Erst vor Kurzem band Borussia Dortmund den 14-Jährigen für weitere zwei Jahre an sich. Moukoko ist ein Überflieger. Er erzielte für die U17 der Dortmunder im Vorjahr 50 Tore in 28 Spielen. Seit dieser Saison spielt er trotz seines extrem jungen Alters bei den A-Junioren. Obwohl Moukoko nun gegen drei bis fünf Jahre Ältere antreten muss, führt er auch dort mit sechs Treffern nach drei Spielen die Torjägerliste an. Sein erstes Bundesliga-Spiel darf er allerdings erst nach seinem 16. Geburtstag absolvieren. Dass es soweit kommen wird, davon ist Dortmunds U19-Trainer Michael Skibbe überzeugt: "Der Junge wird eines Tages Profi werden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche", sagte er dem Magazin "Reviersport".

Hoch gelobt, tief gefallen

Für solcherlei Prophezeiungen gebe dafür allerdings keine Garantie, weiß Sportpsychologin Dr. Babett Lobinger von der Sporthochschule Köln. "Seriöse Prognosen über die Zukunft eines Spielers in so jungen Jahren sind sehr schwierig zu treffen", sagt sie im Gespräch mit n-tv.de. Dennoch versuchten Vereine sehr früh Talente an sich zu binden. "Es wird immer mehr Geld für immer jüngere Spieler ausgegeben", sagt Lobinger. So wechselte Joao Felix im Juli für 127,2 Millionen Euro von Benfica Lissabon zu Atletico Madrid - einer teuersten Transfers in der Geschichte des Fußballs. Dabei ist Felix gerade einmal 19 Jahre alt.

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Freddy Adus Karriere hatte so verheißungsvoll begonnen. Mittlerweile hat das einstige Wunderkind nicht mal mehr einen Verein.

(Foto: imago sportfotodienst)

Ausrüster verstärken zudem den Hype um die jungen Spieler, indem sie schon mit 14-Jährigen Sponsorenverträge mit aberwitzigen Summen abschließen. Auf diese Weise rückte 2003 der erst 13 Jahre alte Freddy Adu ins Rampenlicht. Er unterzeichnete einen mehrjährigen Vertrag mit Nike im Wert von einer Million US-Dollar. Mit 14 Jahren bekam er seinen ersten Profivertrag und gab als jüngster Profi aller Zeiten sein Debüt in der Major League Soccer. Talkshows rissen sich um den Teenager. Er war auf etlichen Zeitschriften-Titeln zu bestaunen und trat in Werbespots mit Fußballlegende Pele auf.

Adu war der Hoffnungsträger für den US-amerikanischen Fußball. Er sollte der Spieler sein, der Soccer in den USA  aus der Nische auf eine neue Ebene hebt. Doch es kam anders. Heute ist Adu ein Paradebeispiel für fast alles, was schiefgehen kann. Nach gerade einmal 195 Einsätzen in 14 Profi-Jahren bei insgesamt 14 verschiedenen Klubs - unter anderem AS Monaco, Benfica Lissabon, Aris Saloniki, Caykur Rizespor und Kuopion Palloseura - ist das ehemalige Mega-Talent heute mit 29 Jahren ohne Verein.

"Ein steiniger Weg"

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Martin Ödegaard galt als Supertalent. Den Erwartungen konnte er allerdings bislang nicht gerecht werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und er ist mit seiner Geschichte längst nicht der Einzige. Vor wenigen Jahren lag ganz Europa Martin Ödegaard zu Füßen. Manchester United, der FC Bayern und Real Madrid buhlten 2015 um das gerade einmal 15-jährige Supertalent, das damals beim norwegischen Erstligisten Stromsgodset IF kickte. Er galt als das heißeste Investitionsobjekt seit Lionel Messi. Schließlich entschied sich Ödegaard für Real. Doch in zwei Jahren in der spanischen Hauptstadt kam das Wunderkind nie über den Status eines Spielers der zweiten Mannschaft hinaus. Vergangene Saison kickte er dann als Leihgabe erfolgreich für den niederländischen Erstligisten SC Heerenveen. Mit 20 Jahren ist Ödegaard noch immer jung. Dem Hype um ihn in seinen Jugendtagen konnte er aber bislang nicht gerecht werden.

"Der Weg in den Profibereich ist ein sehr steiniger", sagt Psychologin Lobinger. Nur die wenigsten kommen ganz nach oben. Bei jungen Menschen könne in ihrer Entwicklung sowohl körperlich als auch mental noch viel passieren. Die Kinder werden aus ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld herausgenommen. Das sei ein kritisches Lebensereignis, sagt Lobinger. "Ob sie dann den Sprung in die Profikarriere schaffen, liegt auch in der Verantwortung des Vereins." Dessen seien sich die meisten Vereine zumindest in Deutschland durchaus bewusst. So legten sie großen Wert auf ein vielseitiges Training und eine duale Ausbildung, so Lobinger.

Doch auch der schnelle Ruhm kann zum Nachteil der jungen Spieler werden. Vor allem  im Fußball, wo unglaublich viel Geld unterwegs ist, ist die Gefahr des Realitätsverlustes extrem hoch. "Die Spieler leben in einer Blase", sagt Lobinger. Da brauche es auch etwas Glück, dass man an den richtigen Berater gerät und sich nicht zum Spielball der großen Vereine machen lässt. Somit ist die größte Herausforderung für die aktuellen Teenie-Stars, sich weiterhin auf ihre sportliche Entwicklung zu konzentrieren und sich vom Interesse großer Klubs nicht den Kopf verdrehen zu lassen.

Quelle: n-tv.de

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