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Leere Blicke, kaum Punkte - das ist der HSV 2018.
Leere Blicke, kaum Punkte - das ist der HSV 2018.(Foto: imago/Kirchner-Media)
Sonntag, 25. Februar 2018

"Kann's einfach nicht fassen": Desolater HSV klammert sich an Restchancen

Von Heiko Oldörp, Bremen

Die Chaos-Saison des Hamburger SV geht weiter, der erste Abstieg der Vereinsgeschichte rückt immer näher. In Bremen kassiert der wankende Bundesliga-Dino per Eigentor die nächste bittere Pleite - und flüchtet sich in Durchhalteparolen.

Bernd Hollerbach wollte nur noch weg. Wortlos verließ der Trainer des Hamburger SV nach der 0:1-Niederlage bei Werder Bremen den Rasen des Weserstadions. Auf Höhe der Mittellinie drehte er sich einmal kurz um, applaudierte Richtung HSV-Fans und setzte seinen Weg gen Katakomben fort. Links von ihm sangen und jubelten die Bremer Anhänger in ihrem Fanblock. Doch Hollerbach schien sie kaum wahrzunehmen. Vor fünf Wochen hatten die Hamburger ihn als Hoffnungsträger geholt. Ihn, den alten Haudegen, der als HSV-Profi immer alles gegeben und sich so in die Herzen der Fans gespielt hatte.

Doch nun ging Hollerbach in seinem fünften Bundesligaspiel zum dritten Mal als Verlierer vom Platz. Einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz 16 hatte der HSV, als er am 22. Januar sein Traineramt antrat. Mittlerweile ist der Abstand auf sieben Zähler angewachsen - und Hollerbach wirkt erstmals angeschlagen. "Wir sind alle enttäuscht, ich auch", sagte er auf der Pressekonferenz. Hollerbach sprach von einem Derby "voller Emotionen", doch er selbst redete leise, fast schon ein wenig nachdenklich. Die Stimme bedächtig, der Blick leer. Hamburg, diese, seine Herzensangelegenheit, scheint für ihn womöglich schneller als erwartet zu einer unlösbaren Aufgabe zu werden.

Bitterer hätte der Lucky Punch in Bremen für den HSV nicht sein können.
Bitterer hätte der Lucky Punch in Bremen für den HSV nicht sein können.(Foto: imago/Kirchner-Media)

"Ich finde, wir haben 86 Minuten lang wirklich gekämpft, uns reingeworfen, als Mannschaft gut gearbeitet", resümierte Stürmer Andre Hahn. Doch erneut fehlte den Hamburgern der Zug zum Tor, echte Chancen für einen Treffer gab es nicht. Wie so oft stand die Abwehr kompakt. Doch wie so oft reichte dem Gegner eben erneut ein Treffer zum Sieg. Doch dieser Treffer, jenes Eigentor von Rick van Drongelen in der 86. Minute, war laut Werder-Trainer Florian Kohfeldt ein "Lucky punch" für die Gastgeber - und könnte dem HSV wiederum noch lange richtig wehtun.

"Muss mir mal wirklich jemand erklären"

Der eingewechselte Aron Johannsson hatte aus halblinker Position und wenige Meter vor dem HSV-Tor Gäste-Schlussmann Christian Mathenia den Ball durch die Beine geschossen. Das Leder trudelte Richtung Torlinie. Van Drongelen wollte retten, Werder-Stürmer Ishak Belfodil hingegen dem Ball den letzten Stoß geben. Doch letztlich kam ihm der HSV-Verteidiger zuvor und traf unglücklich ins eigene Netz. Viele Hamburger hatten umgehend eine Abseitsposition des Bremers moniert. Auch Schiedsrichter Felix Zwayer war sich nicht ganz sicher. Von seinem Videoassistenten Günter Perl in Köln bekam er jedoch den Hinweis, dass Belfodil bei der Ballabgabe "auf gleicher Höhe war" und das Tor somit regelkonform sei.

"Ich habe gesehen, dass die Entscheidung korrekt war", meinte Zwayer, nachdem er sich im Anschluss an die Partie die strittige Szene "selbstverständlich" noch einmal angeguckt hatte. Die Hamburger hingegen hatten eine andere Sicht der Dinge. "In meinen Augen ist es Abseits, somit darf das Tor nicht zählen", betonte Hahn. "Das muss mir mal wirklich jemand erklären, wie man da nicht auf Abseits entscheiden kann. Ich kann's einfach gar nicht fassen", ergänzte Vorstandschef Heribert Bruchhagen.

Trotz aller Kritik wusste er, warum Hamburg erneut ohne Punkte die Heimreise antreten musste. "Insgesamt gesehen spielen wir nicht zwingend genug - und deshalb stehen wir mit leeren Händen da. Das ist ja nicht das erste Mal. Es reicht halt im Augenblick nicht", betonte Bruchhagen. Doch im nächsten Satz gab sich der 69-Jährige umgehend kämpferisch. Es gebe "keinerlei Resignation" und man werde die "Restchancen in Angriff nehmen."

Saison der negativen Superlative

Auch Hollerbach ließ wissen, dass der HSV "natürlich noch an die Rettung" glaube. Schließlich seien noch zehn Partien zu spielen. Bruchhagen und Hollerbach müssen in der jetzigen Situation natürlich so etwas sagen. Auch wenn es keinerlei Anzeichen von Besserung gibt. Und obwohl der HSV die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte spielt. Seit dem 26. November nicht mehr gewonnen hat. Mit 18 geschossenen Toren den schwächsten Angriff der Liga stellt. In der Rückrunde aus sieben Partien nur zwei Zähler holte.

Zu dieser traurigen Bilanz passt das Auftreten von einigen offensichtlich unbelehrbaren HSV-Anhängern. Zwar stand dieses von der Polizei als Hochrisikospiel eingestufte, 108. Nordderby laut Schiedsrichter Zwayer nie vor einem Abbruch. Dennoch musste der Unparteiische die Partie dreimal unterbrechen, weil im HSV-Fanblock ständig Feuerwerk gezündet und nach dem 0:1 gar eine Rakete auf das Spielfeld geschossen wurde.

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Quelle: n-tv.de