Fußball

Der Kantersieg im Schnellcheck Deutsches Torspektakel im Ohnsorg-Theater

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Marco Reus erzielt einen der historischen Treffer des Abends per historischem Freistoß - zum 5:0.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spektakelt heillos überforderte Esten zum Saisonausklang aus dem Stadion und begeistert nicht nur mit vielen Toren. Ein Spiel der Rekorde, das man unbedingt sortieren muss.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verabschiedet sich mit einem begeisternden 8:0 (5:0)-Sieg in einen sorgenfreien Sommerurlaub. Gegen schwache Esten verlebt die DFB-Defensive in Mainz einen entspannten Saisonausklang ganz ohne Sorgen. Und Aushilfs-Bundestrainer Marcus Sorg darf an einem Abend der Rekorde feiern: Mit zwei Siegen aus zwei Spielen ist der Vertreter des gesundheitlich unabkömmlichen Joachim Löw mit einem Punkteschnitt von drei pro Spiel der erfolgreichste Trainer der langen DFB-Geschichte.

Was ist in der Opel-Arena in Mainz passiert?

Erinnern Sie sich noch an den letzten Bundesligaspieltag? Der liegt satte drei Wochen und drei Tage zurück, dazwischen gab es zwar noch das DFB-Pokal-Finale und das Champions-League-Endspiel, mit beidem hatten aber die meisten der in Mainz eingesetzten Nationalspieler nichts zu tun. Die beiden der Saison nachgelagerten Spiele dürften für viele also eher unangenehme Pflichttermine gewesen sein, bevor es nach einer langen Saison schließlich in den Urlaub geht. Aber wo man schon mal da ist, kann man ja auch doch noch seriös und mit Spaß Fußball spielen. Das gelang in der Abwesenheit des gesundheitlich unpässlichen Bundestrainer Joachim Löw schon am vergangenen Samstag beim 2:0-Sieg in Weißrussland und das klappte noch prächtiger an diesem Dienstagabend beim ersten Pflichtländerspiel in Mainz. Der Lohn: Mit neun Punkten aus bisher insgesamt drei Qualifikationsspielen zur Europameisterschaft 2020 können sich die Nationalspieler sorgenfrei in den Urlaub verabschieden (außer Lukas Klostermann und Jonathan Tah, die reisten zur U21-Europameisterschaft nach Italien weiter).

Hier geht es zum ausführlichen Spielbericht

Teams & Tore

Tore: 1:0 Reus (10.), 2:0 Gnabry (17.), 3:0 Goretzka (20.), 4:0 Gündogan (27., FE), 5:0 Reus (37.), 6:0 Gnabry (62.), 7:0 Werner (79.), 8:0 Sané (88.)
Deutschland:
Neuer - Kehrer, Ginter, Süle, Schulz (46. Halstenberg) – Kimmich, Gündogan (52. Draxler), Goretzka - Sané, Gnabry, Reus
Estland: Lepmets - Kams, Vihman, Teniste, Mets, Pikk - Dmitrijev (59. Käit), Pur, Tamm, Vassiljev (82. Kreida) - Zenjov (71. Ojaama)
Schiedsrichter: Ali Palabiyik (Türkei)
Zuschauer: 26.050 in Mainz (ausverkauft)

Das Urlaubs-Endspiel im Spielfilm:

2. Minute: Die Esten spielen mit einer Viererkette vor einer Fünferkette, Zenjov, der einzige nominelle Stürmer, ist eigentlich Mittelfeldspieler. Die Gäste wollen sich hier nicht an einem möglichen Spektakel beteiligen.

10. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 1:0, MARCO REUS. Der frühe Dosenöffner: Thilo Kehrer kommt über die rechte Seite hinter die Fünferkette, passt flach nach innen, Reus hält den Fuß hin und trifft. Das war einfach. Stellen die Esten jetzt um auf 4-5-1?

13. Minute: Und direkt das 2:0 hinterher? Leon Goretzka kommt wenige Meter vor dem Tor etwas überraschend an den Ball, will ihn über den heraus eilenden Keeper heben, aber der reagiert stark und fischt den Ball weg. Im Gegenzug gibt es die erste Offensivaktion der Esten, die Niklas Süle aber klärt.

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Tor für Deutschland: Serge Gnabry.

(Foto: imago images / MIS)

17. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 2:0, SERGE GNABRY. Boah, ist das stark. Ilkay Gündogan chippt den Ball zu Leroy Sané an die Grundlinie, der Vielleicht-irgendwann-Bayer nimmt den Ball artistisch an, stochert ihn in die Mitte zum Vielleicht-irgendwann-Bayern-Kollegen Serge Gnabry und der kullert ihn aus der Nahdistanz ins Tor.

20. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 3:0, LEON GORETZKA. Da hilft die beste Defensivtaktik nichts, wenn sich das Abwehrbollwerk tatsächlich als Bollwerk versteht, das halt irgendwo steht. Sané und Kehrer spielen die Esten schwindelig, schließlich gelangt der Ball zu Joshua Kimmich, der darf so entspannt flanken, wie es sonst nur in der Nachspielzeit eines Seniorenkicks zu sehen ist, Leon Goretzka schraubt sich hoch und nickt den Ball ein.

27. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 4:0, ILKAY GÜNDOGAN. Kimmich spielt den gefühlt zwanzigsten Chipball über und hinter die Abwehr, Goretzka läuft ein, wird gezupft - und Gündogan versenkt ganz locker den fälligen Elfmeter.

37. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 5:0, MARCO REUS. Weltklassefreistoß von Marco Reus und RTL weiß: Der erste direkte Freistoßtreffer der DFB-Truppe seit Torsten Frings 2007 gegen die Schweiz. Was für ein denkwürdiges Spiel.

38. Minute: Spätestens jetzt ist klar: Die deutsche Mannschaft wird diese Begegnung gewinnen, denn während ein 4:0 gerne nochmal verspielt wird, ist ein verdaddeltes 5:0 seltener als eindirektes Fringssches Freistoßtor im DFB-Dress.

45. Minute: Freistoß Estland aus aussichtsreicher Position und Vassiljev bringt den Ball tatsächlich auf das deutsche Tor. Damit steht es aus estnischer Sicht nur noch 2:15 in der Statistik der Torschüsse.

45. Minute: Und dann ist Halbzeit. In den niedergeschlagenen Gesichtern der Esten sieht man auch Hoffnung: 15 Minuten ohne Gegentor stehen bevor. Das gab es heute noch nicht.

Halbzeit: Der Erfolg über die müden Esten wird der 14. Sieg in Folge sein, den das DFB-Team in einem Qualifikationsspiel für WM oder EM feiert. Das ist die längste Siegesserie, die die Fußball-Nationalmannschaft je produzierte.

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Elegant: Niklas Süle.

(Foto: imago images / Buzzi)

50. Minute: Die Esten behalten ihre Marschroute bei und versammeln sich bei deutschem Ballbesitz (also nahezu immer) in Mannschaftsstärke am eigenen Strafraum. Da aber stehen sie dann, üben keinerlei Druck auf den ballführenden Spieler aus und laden so sogar Niklas Süle dazu ein, ein Kabinettstückchen auszupacken. Das bleibt folgenlos, keine Torgefahr, aber auch keine Verletzung beim ansonsten der Filigranität eher unverdächtigen Verteidiger.

52. Minute: Ilkay Gündogan hat Urlaub und darf seinen rechten Fuß kühlen. Der Mittelfeldspieler von Manchester City hatte in 50 Minuten über 100 Ballaktionen, erzielte ein Tor und spielte in einer Halbzeit mehr tödliche Pässe in die Tiefe als Uwe Bein in einer halben Saison.

57. Minute: Die Esten dürfen sich bei ihrem Torwart bedanken: Sergei Lepmets hält zum wiederholten Male mehr, als selbstverständlich wäre, diesmal faustet er eine Direktabnahme von Marco Reus weg.

62. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 6:0, SERGE GNABRY. Eine Kopie des 1:0 bringt das 6:0: Flacher Ball auf Außen, diesmal gibt der eingewechselte Marcel Halstenberg den Ball mit dem ersten Kontakt nach innen, dort hält Gnabry den Fuß hin - Tor. "Wie im Training" wäre eine Beleidigung für die Trainingsqualität der deutschen Mannschaft.

68. Minute: Eigentlich Tor für Deutschland durch Leroy Sané, der in einer einzigen fließenden Bewegung halb Estland abschüttelt und den Ball aus spitzem Winkel ins Tor schaufelt. Der türkische Linienrichter will da aber eine Abseitsstellung gesehen haben. War aber alles sauber - zählt aber dennoch nicht.

74. Minute: Wieder Lepmets, der Leroy Sané sein Tor weiter versagt. Diesmal kratzt der Torwart einen Flachschuss aus dem Eck.

76. Minute: Gnabry bittet links im Strafraum zum Tänzchen, verfehlt mit seinem Abschluss das lange Eck aber knapp.

78. Minute: Und noch einmal Lepmets, der reaktionsstark gegen den eingewechselten Timo Werner den nächsten Treffer verhindert. Aber nur kurz, denn in der...

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Tor für Deutschland: Timo Werner.

(Foto: imago images / Sven Simon)

79. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND - 7:0, TIMO WERNER. Keine Atempause, Tore werden gemacht. Der eingewechselte Julian Draxler schickt den eingewechselten Timo Werner, der macht es diesmal besser und überlupft Lepmets. Die endgültige Entscheidung?

82. Minute: Konnte man Leroy Sané da ein "Ich hab kein Bock mehr" von den Lippen ablesen? Der vielleicht beste Mann auf dem Platz bekommt sein zweites Tor wegen Abseits zurück gepfiffen, diesmal stand Gnabry im Sichtfeld von Lepmets, als der ManCity-Profi abgezogen hatte.

88. Minute: UND DA IST ES DOCH NOCH, DAS TOR VON LEROY SANÉ. Und das ist vielleicht die beste Nachricht des Abends, denn alles andere wäre ungerecht gewesen. Draxler legt ab und Sané schiebt den Ball ins lange Eck. Lustige Randnotiz: War Abseits - zählt trotzdem.

Was war gut?

Das Ergebnis. Und so viel mehr: Gegen schwache Esten, die trotz ihrer radikal defensiven Ausrichtung im 5-4-1 in der Verteidigung so völlig ohne Zugriff blieben, nahmen sich die Spieler mit dem Adler auf der Brust nahezu jeden Angriff, um sich Chancen zu erspielen. Es schien, als hätte Sorgs Mannschaft zu jeder Minute nicht nur Lust auf dieses Spiel nach einer langen Saison gehabt, sondern auch den klaren Auftrag im Hinterkopf behalten, sich in einem bitteren Jahr 2018 verloren gegangene Sympathien wieder zurück zu spektakeln. Auftrag erfüllt. Auch gut: Gündogan und Co. hatten einen klaren Plan an die Hand bekommen, wie man die zumindest zahlenmäßig überaus massive Defensive des Gegners aushebeln könnte. Locker gechippt oben drüber oder mit Tempo und Druck über die Außen, nahezu alles funktionierte. "Alle hatten Spaß, bis auf den Gegner", sagte Joshua Kimmich nach dem Spiel - und das stimmt.

Auch die Statistiker haben Spaß, denn sie dürfen ihre Geschichtsbücher mal wieder entstauben. Zur schon in der Halbzeit erwähnten Serie ist zu notieren: Höchster Heimsieg in der Ära Löw (auch ohne den Bundestrainer an der Seitenlinie), knapp 1000 Pässe sind DFB-Höchstwert in einem Länderspiel seit Beginn der Datenerfassung - genauso wie die 178 Ballaktionen von Joshua Kimmich. Mit 14 Treffern in den vier Länderspielen 2019 stehen jetzt schon mehr in den Büchern, als im gesamten bitteren Jahr 2018.

Was war nicht gut?

Wenn die eine Mannschaft so hoch gegen die andere Mannschaft gewinnt, dann stellen sich stets zwei Fragen: Lag es daran, dass die eine Mannschaft so gut war? Oder lag es daran, dass die andere Mannschaft so schlecht war? Abgesehen davon, dass das an diesem sehr unterhaltsamen Abend zumindest keinen der 26.050 Zuschauer im Stadion interessierte, liegt die Antwort wie so oft in der Mitte. Die Esten waren zu schwach, um zumindest das Ergebnis in einem für sie erträglichen Rahmen zu halten. Am Ende hieß es in dieser EM-Qualifikationsgruppe C: Die Letzen werden die Esten sein. Und die Deutschen nutzen die Gunst der Stunde, um gute Laune zu verbreiten. Für das Team von Ersatztrainer Marcus Sorg muss es ganz schön gewesen sein, mal gegen eine Mannschaft zu spielen, gegen die fast alles klappt, was man sich vorher so ausgedacht hat. Sie merken schon: So richtig schlecht war aus Sicht der DFB-Elf nichts. Was soll sie denn machen gegen einen spielerisch so limitierten Gegner? Und jetzt zu bemängeln, dass sie gut und gerne noch einige Treffer mehr hätte erzielen können, das ist uns nun wirklich zu doof.

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So war's in der Opel-Arena

Willkommen im Baumarkt! Der Scherz ist nicht von uns, auch nicht mehr ganz neu, aber so schlecht nicht. Abgesehen davon sieht das Mainzer Stadion an der Eugen-Salomon-Straße 1 auf den Feldern von Bretzenheim ja auch nur von außen so aus, als sei es ein Eldorado für Heimwerker. Innendrin kann man tatsächlich Fußball spielen, Rasen, Tore, Platz für Zuschauer, alles da. 26.050 Menschen hatten eine Karte für das Spiel gegen den Fußballgiganten Estland gekauft, mehr geht nicht. Die allgemeine Erwartungshaltung stand unter dem Motto: Klarer Sieg und dann ab in den Urlaub. Und die wurde dann auch erfüllt. Zur Freude des Publikums rauschten die deutschen Künstler über die estnischen Handwerker hinweg in die Ferien. Nur für den Leverkusener Jonathan Tah und den Leipziger Lukas Klostermann geht es noch weiter, sie düsen direkt zur U21, um in San Marino und Italien bei der Europameisterschaft mitzuspielen. Dafür durften sie sich auch an diesem Abend ausruhen.

Ob es am relativ kleinen Stadion lag oder daran, dass die DFB-Elf  so viele Tore schoss? Jedenfalls war die Stimmung ein wenig besser als sonst bei Heimspielen. Klatschklatsch. Selbst die Fraktion der Gäste aus dem Baltikum hatte ihren Spaß. Vielleicht hielten es die geschätzt 500 Gästefans es so wie der Experte aus Tallinn, den n-tv.de bei der Intensivrecherche am Nachmittag in der Mainzer Altstadt traf. Der sprach nicht nur ganz hervorragend deutsch, sondern orderte nach ein "paar Gläschen Wein" einen doppelten Espresso, wohl in dem Ansinnen, am Abend noch wach zu erleben. "Für Fußball muss man sich in Stimmung bringen", sagte er. Vom Spiel selbst habe er "keine Ahnung". Aber: "Wir Esten kommen gerne nach Mainz, um zu feiern." Gesungen hat er nicht, aber gelacht.

Quelle: n-tv.de

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