Fußball

"Das kann so nicht weitergehen" Die Favre-Frage spaltet den BVB

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(Foto: imago images/ActionPictures)

Eigentlich sollte es eine Wiedergutmachung für die deutliche Klatsche beim FC Bayern werden. Doch nach der erneut schwachen Vorstellung des BVB gegen Paderborn ist die Geduld der Fans aufgebraucht. Kann Trainer Lucien Favre das überstehen?

Wäre Norbert Dickel noch aktiver Fußballer, er wäre mit seiner Polyvalenz ein Traum für BVB-Coach Lucien Favre. Neben seiner Tätigkeit als Dortmunds Stadionsprecher moderiert er parallel noch die Partien im BVB-Netradio, und dort war er am Freitagabend bei der Blamage gegen den SC Paderborn gewohnt hochtourig unterwegs. Hätte er für jedes "Kommt Jungs!" einen kleinen Obolus ins Motivationschwein geworfen, die Borussia aus Dortmund hätte jede Menge Geld zusammenbekommen. Zum Beispiel für ein großes Versöhnungsgrillen mit den BVB-Fans, ganz nach Hamburger Vorbild. Noch mit Grill-Gast Favre?

Denn genau darum geht es nun wieder in Dortmund. Um den Trainer. Und die Favre-Frage, die lautet: Ist der Schweizer wirklich der Mann, der den BVB zur Deutschen Meisterschaft führen kann? Das ist ja das Ziel in diesem Jahr. Mit diesem Kader. Der so teuer ist. Der doch so viel Talent hat. Der aber derzeit so arg mit sich fremdelt. Peinlich vorgeführt zuletzt beim FC Bayern. Noch peinlicher hergespielt bei dem zur großen Wiedergutmachung ausgerufenen Heimspiel gegen den SC Paderborn. Dass aus einem 0:3 zur Halbzeit noch ein 3:3 wurde - es taugte nicht wirklich zur Linderung der heftigen Fußballschmerzen in Schwarzgelb.

Und wer Schmerzen hat, der schreit. So schallten von der legendären Südtribüne die Forderungen, dass sich der Klub bitte von seinem Schweizer Übungsleiter trennen möge. Es war unüberhörbar im Stadion, erstmals in dieser Saison. Dass die Dortmunder Startruppe ihre Power erneut nicht gewinnbringend, nicht dominant, nicht überfordernd für den Gegner auf den Platz brachte, das nehmen die treuen Fans trotz der gnadenlosen Selbstkritik von Abwehrchef Mats Hummels ("Es ist Konzentration, Fokussierung und manchmal sind es auch inhaltliche Dinge") dem Trainer Favre zunehmend übel. Und der liefert tatsächlich kaum noch Argumente, die überzeugend wirken. Klar, die zweite Halbzeit, die war dann schon irgendwie okay. Drei Tore hat der BVB geschossen, damit im Ergebnis das maximale Debakel verhindert. Klar, der Druck auf das Paderborner Tor war schon groß. Aber eben nicht so konsequent, dass ein engagierter, aber in seinen Mitteln beschränkter Aufsteiger mit zuvor nur einem Auswärtspunkt in fünf Auswärtsspielen darunter zusammenbrach.

Borussia Dortmund - SC Paderborn 3:3 (0:3)

Dortmund: Bürki - Piszczek, Weigl, Hummels, Schulz (46. Hakimi) - Dahoud (46. Hazard), Witsel - Sancho, Reus, Guerreiro - Alcacer (45.+2 Brandt). - Trainer: Favre
Paderborn: Zingerle - Jans, Kilian, Schonlau, Collins - Pröger, Gjasula, Vasiliadis (40. Sabiri), Holtmann (62. Antwi-Adjej) - Zolinski (77. Michel), Mamba. - Trainer: Baumgart
Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)
Tore: 0:1 Mamba (5.), 0:2 Mamba (37.), 0:3 Holtmann (43.), 1:3 Sancho (47.), 2:3 Witsel (84.), 3:3 Reus (90.+2)
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Hummels (3), Weigl (4), Hakimi (3) - Collins (2)

Und das ist schon sehr bemerkenswert, aus Sicht von Borussia Dortmund bemerkenswert schlecht und besorgniserregend. Wie so vieles an diesem Abend. Wie zum Beispiel, dass der bullige Stürmer Streli Mamba, der in der vergangenen Saison mit Energie Cottbus aus der 3. Liga abgestiegen war, dem schmächtigen Vielleicht-wieder-Nationalspieler Julian Weigl vor dem 0:2 einfach weglief. Mühelos einfach. Und mit Ball am Fuß. Jener Weigl, der auch vor dem 3:0 für Paderborn ein Laufduell verlor, Zitat aus dem n-tv.de Liveticker: "Weigl hat - ohne Übertreibung! - rund sechs Meter Vorsprung auf Gerrit Holtmann und verliert das Laufduell dennoch." Ein Wahnsinn. Vor allem für einen Mann, der die Teilnahme an der Europameisterschaft mit der DFB-Elf noch nicht abgehakt hat.

Auch Nico Schulz will im kommenden Sommer von Bundestrainer Joachim Löw nominiert werden. Als Linksverteidiger hat er tendenziell gute Karten. Denn viel Konkurrenz gibt's nicht. Wie er allerdings das Duell gegen Kai Pröger vor dem 0:1 verlor - richtig kläglich. Pröger übrigens kam in der Rückrunde der vergangenen Saison von Regionalligist Rot-Weiss Essen nach Paderborn. Nur mal so als Referenz. Andere Leistungsträger wie Reus, wie Jadon Sancho, wie Axel Witsel sind derzeit viel zu oft neben der Spur.

Der Bessermacher ist aktuell a.D.

Lucien Favre, er gilt als Bessermacher. Und in Dortmund werden sie zustimmen, dass er diese Kompetenz auch bereits stark eingebracht hat. Und dann einschränken: In der vergangenen Saison. Die sensationelle Entwicklung von Sancho darf Favre für sich verbuchen. Souverän Witsel wurde bestaunt. Jokertor-Wunder Paco Alcacér auch. Mario Götze war auferstanden. Jacob Bruun Larsen galt als der nächste große Deal. Und was haben sie von Achraf Hakimi geschwärmt! Selbst als der fatale Einbruch kam, der BVB trotz zwischenzeitlichen Neun-Punkte-Vorsprungs die Meisterschaft vergeigte: Niemand zweifelte daran, dass diese Dortmunder Mannschaft noch besser werden, titelfähig reifen würde. Erst recht als die Meldungen reinflatterten, dass Schulz kommt. Dass Julian Brandt kommt. Und Mats Hummels. Und Thorgan Hazard. Noch mehr Klasse für diesen Kader. Und eine offensive Ansage: Meister. Nur einer fremdelte damit: Favre.

Kaum etwas gelingt in dieser Saison. Top-Leistungen wie gegen den FC Barcelona - auch wenn das Spiel dank des fantastischen Marc-André ter Stegen nur 0:0 endete - sind eher Ausnahme denn Regel. Hinzu kommen Peinlichkeiten wie bei Union Berlin (1:3), wie in München (0:4) und wie nun gegen den SC Paderborn. Erschreckend harmlos spielte die Mannschaft auch im Derby gegen den FC Schalke 04 (0:0) und in der Champions League bei Inter Mailand (0:2). Den Trainer haben sie dennoch immer verteidigt. Nach der (bisher) schlimmsten Erfahrung dieser Spielzeit in München attackierte Sportdirektor Michael Zorc nur die Spieler, den Trainer nahm er ausdrücklich aus der Verantwortung. Von diesem Zutrauen schien er nach dem Offenbarungseid gegen Paderborn abzurücken. "Die erste Halbzeit war komplett inakzeptabel. Dafür muss man sich bei den Zuschauern entschuldigen", erklärte Zorc.

Mehr wollte er zunächst nicht sagen: "Morgen ist auch noch ein Tag." Aber auch am heutigen Samstag verlautbarte zunächst nichts Offizielles aus Dortmund, die "Bild"-Zeitung vermeldete unter Berufung auf eine Krisensitzung am Freitagabend allerdings am Mittag: Favre bekommt eine letzte Chance - am Mittwoch in der Champions League gegen den FC Barcelona. Erst am Nachmittag äußerte sich dann Zorc zur Favre-Frage und sagte Funke Sport: "Es ist ja klar, dass das Thema öffentlich diskutiert wird, denn unsere Situation ist mehr als unbefriedigend. Natürlich analysieren wir das sehr intensiv.  Aber wir gehen mit Lucien Favre in das Spiel in Barcelona und erwarten, dass wir da eine deutliche Leistungssteigerung sehen." Explizite Rückendeckung für Favre gab es nicht.

Die ewige "Mentalitätsscheiße"

So bleibt festzuhalten: In die Rolle des Trainer-Verteidigers drängte neben Hummels ("Hat nichts mit der Trainerposition zu tun") bisher nur Kapitän Marco Reus, der aus Gladbacher Erfolgszeiten freilich eine besondere Beziehung zu Favre pflegt. "Jeder muss sich an die eigene Nase fassen. Darüber müssen wir reden, nicht über unseren Trainer", erklärte der Kapitän: "Der Trainer stellt uns jedes Mal super ein. Wir sind dafür verantwortlich." Reus sagte aber auch: "Wir wussten überhaupt nicht, wie wir pressen sollten." Wie passen solche Sätze zusammen? Was sagt das über den Matchplan aus? Immer mal wieder wird dem Taktiker, dem Perfektionisten Favre vorgeworfen, dass Spiel zu sehr zu durchdenken. Zu viel Handbremse für seine Hochgeschwindigkeits-Künstler. Die Folge: Viele wirken verunsichert. Und dadurch anfällig. Statt Druck und Dominanz, gibt es Vorsicht, Verzagtheit, Versagen - im Duell Mann gegen Mann, im offensiven Aufbauspiel, im Abschluss.

Diese Debatte begleitet die Borussia durch die Saison. Klar, sie selbst haben keinen Bock mehr auf diese "Mentalitätsscheiße". Aber wie viele Spieler zuletzt gegen München ihre Samtfüßchen schonten und nun auch gegen Paderborn eher vorsichtig duellierten und dezent pressten, das lässt sich halt nicht einfach so wegfrusten. So fand Favre, dass der Mannschaft die Aggressivität gefehlt habe. Wieder einmal. Er fand er das "unglaublich". Auch das wieder einmal. Die gleichen Probleme wie in München. Die gleichen Worte wie in München. Kann das wirklich noch gutgehen mit Favre und dem BVB? Ist er, der noch keinen großen Titel gewonnen hat, der Mann für das große Ziel? Favre selbst sagte nach der Paderborn-Blamage zu den unerklärliche Fehlern seiner Mannschaft: "Wir werden das zusammen analysieren, das ist sehr, sehr nötig. Das kann so nicht weitergehen." Sein Zutrauen schwindet. Das Zutrauen von Fans und Klub offenbar auch.

Quelle: ntv.de