Fußball

Diego Maradonas dunkle Seite Die Hand Satans

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Rocío Oliva beschuldigte 2014 ihren damaligen Freund Diego Maradona der häuslichen Gewalt.

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Ein Jahr nach seinem Tod trauern Millionen um Fußball-Legende Diego Maradona. Die dunklen Kapitel seines Lebens werden vor Ehrfurcht gerne vergessen. Es geht um häusliche Gewalt, Vergewaltigungsvorwürfe und Mafia-Liebkosungen.

Vor einem Jahr trauern Millionen Menschen weltweit um Diego Maradona. Auch heute kommen wieder viele von ihnen zusammen, immer noch fassungslos über den Tod der Fußballlegende. Die süditalienische Stadt Neapel enthüllt am Todestag ihres Helden gleich drei Bronzestatuen zu Ehren Maradonas. Der Argentinier wird noch immer verehrt wie eine Gottheit. Von vielen, aber nicht von allen. Denn nun werden Vergewaltigungsvorwürfe und Anklagen wegen Menschenhandels gegen den ehemaligen Profi und seine Entourage öffentlich. Die Anschuldigungen überraschen nicht. Die dunkle Seite Diego Maradonas zieht sich wie ein roter Faden durch sein turbulentes Leben.

Buenos Aires, 25. November 2020. Tausende Menschen kommen in der argentinischen Hauptstadt zusammen und gedenken ihres Helden. "Danke Diego" steht auf elektronischen Anzeigetafeln über der Stadtautobahn und in U-Bahn-Eingängen. In Neapel, wo Maradona mit der SCC in den 80er- und 90er-Jahren große Erfolge feierte, sind es dieselben Bilder. Nach dem ersten Meistertitel wird der Argentinier dort zum Heiligen. "Wer Maradona kritisiert, kritisiert Gott", heißt es am Vesuv. Noch immer.

Selbst Papst Franziskus würdigt Anfang des Jahres das verstorbene Fußball-Idol als "Poet des Fußballs". "Maradona war auf dem Spielfeld ein Dichter, ein großer Champion, der Millionen von Menschen Freude bereitet hat, in Argentinien wie in Neapel", sagt das Oberhaupt der katholischen Kirche im Interview mit der "La Gazzetta dello Sport". In Argentinien wird Maradonas erste Wohnung zur nationalen Gedenkstätte erklärt, in Neapel wird das Fußballstadion nach ihm benannt.

"Ich war nur ein Mädchen"

"Der ganze Fußballplanet steht unter Schock", schreibt die spanische Sportzeitung "Marca" nach der Todesnachricht. "Maradona wird wie alle Legenden ewig leben", glaubt das italienische Blatt "Tuttosport". Und der "Clarin" aus Argentinien macht's biblisch: "Ein Mann, der sich selber erschaffen hat, wie ein David, der jeden Morgen aufstand, um wieder und wieder den rettenden Stein ins Auge des Giganten zu schleudern." Viele emotionale Nachrufe werden verfasst. Oft gespickt mit viel Bewunderung, Belustigung, Lobpreisung und Anerkennung. Selten wirklich reflektiert, selten mit ausreichend Augenmerk auf die dunklen Kapitel im Leben des Argentiniers. Auch von diesem Medium. Auch von diesem Autor.

Maradonas Drogenmissbrauch ist allseits bekannt und wird deshalb auch oft thematisiert. Zu seiner Zeit in Barcelona Mitte der 80er Jahren nimmt der Fußballprofi zum ersten Mal Kokain und greift zu seinen Zeiten in Neapel dann immer öfter auf die Droge zurück. Er gewöhnt sich an eine ungesunde Routine: sonntags spielen, bis Mittwoch Party machen und dann alles ausschwitzen. Das Kokain hat Maradona bald im Griff und die Droge wird von einer anderen Macht reguliert, die den Fußballer unter ihr Schutzschild stellt: die Camorra. Neapels mächtige Mafia versorgt Maradona mit Kokain und Prostituierten, er eröffnet im Gegenzug Camorra-Restaurants und lässt sich mit den Mafia-Bossen ablichten. Der Argentinier genießt die Aufmerksamkeit und die Verbindung zu den Mächtigen und hinterfragt ihre Verbrechen nicht. 1994 wird er von der Weltmeisterschaft in den USA ausgeschlossen, weil er einen Dopingtest nicht besteht.

Immer wieder macht Maradona Entziehungskuren. 2000 bringt ihn eine dieser Entgiftungen nach Havanna, Kuba. Dort lernt der damals 40-Jährige die 16-jährige Mavys Álvarez Rego kennen und geht eine sexuelle Beziehung mit ihr ein. Ein Video zeigt ihn im Bett mit der Minderjährigen, er soll ihr Alkohol und Drogen gegeben haben, bis sie süchtig wurde. Im September erklärt die heute 37-Jährige dem US-Fernsehsender América TeVé aus Miami: "Das war der größte Fehler meines Lebens. Ich war nur ein Mädchen. Ich war rein. Er war ein Fremder, er war reich und er schenkte mir Aufmerksamkeit. Ich konnte nicht nein sagen."

Menschenhandel und Vergewaltigung?

Vor einer knappen Woche sagt Álvarez Rego in Argentinien in einem Prozess aus, dass sie ein Menschenhandel-Opfer vom Umfeld des verstorbenen Fußballers war. Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe, der Prozess läuft noch. Es geht um eine Reise, die sie vor 20 Jahren mit Maradona nach Argentinien unternahm, als sie 17 Jahre alt war. Álvarez Rego behauptet gegenüber argentinischen Medien, dass sie während dieses Besuchs fast drei Monate lang ihr Hotelzimmer nicht verlassen durfte und dass Maradona von ihr verlangte, sich einer Brustvergrößerung zu unterziehen, was sie auch tat, obwohl sie selbst nicht wollte und keine Erlaubnis ihrer Eltern hatte.

Der Trip von Kuba nach Argentinien ist gleich mehrfach ein Gesetzesbruch. Kubaner dürfen zu dieser Zeit das kommunistisch regierte Land nicht verlassen, dazu ist Álvarez Rego immer noch minderjährig. Die Kubanerin sagt, dass Maradona sie Fidel Castro vorgestellt hätte, mit dem die Fußball-Ikone so eng verbandelt war, dass er laut eigener Aussage eine Art "Vaterfigur" für ihn wurde. Der mittlerweile verstorbene kubanische Präsident habe ihr anschließend eine Sondergenehmigung für die Reise ausgestellt.

Vor zwei Tagen erweitert Álvarez Rego ihre Anschuldigungen gegen Maradona um Gewalt-, Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe. Die Kubanerin erklärt im Laufe des Prozesses, ihre Beziehung zu Maradona habe "zwischen vier und fünf Jahren" gedauert, aber sie sei misshandelt worden und habe in mehreren Fällen körperliche Gewalt erfahren. "Ich liebte ihn, aber ich hasste ihn auch, ich dachte sogar an Selbstmord", so Álvarez Rego.

Dann soll Maradona sie in seiner Klinik in Havanna vergewaltigt haben, während ihre Mutter im Nebenzimmer war. "Er hält mir den Mund zu, er vergewaltigt mich, ich will nicht zu viel darüber nachdenken", erzählt Álvarez Rego der Presse rund um den Prozess. "Ich habe aufgehört, ein Mädchen zu sein, meine ganze Unschuld wurde mir gestohlen. Das ist hart. Man hört auf, die unschuldigen Dinge zu erleben, die ein Mädchen in diesem Alter erleben muss."

"Was für ein Arschloch du bist"

Missbrauchsvorwürfe gegen Maradona sind nicht neu. 2014 berichtet die spanische Zeitung "El Mundo" von einem durchgesickerten Video, das angeblich zeigt, wie die damals 53-jährige argentinische Fußballlegende seine Ex-Freundin, die 24-jährige Rocío Oliva, schlägt. "Stop, hör auf mich zu schlagen, Diego", ist auf der Audiospur des aus der Ich-Perspektive gefilmten Videos zu hören. Laut einer argentinischen Journalistin gibt Maradona damals zu, der Mann in dem Film zu sein, und sagt, er habe Olivas Handy auf den Boden geworfen. Er besteht jedoch darauf, dass er seine Ex nicht geschlagen hat. Oliva hatte die Fußball-Ikone schon zuvor beschuldigt, häusliche Gewalt gegen sie ausgeübt zu haben.

Gewalt durch Maradona erfahren aber nicht nur Frauen. Wenige Monate bevor das Video publik wird, ohrfeigt der Argentinier einen Journalisten vor laufender Kamera. Die ehemalige Nummer 10 soll den Mann angegriffen haben, weil er seiner Ex-Partnerin Veronica Ojeda "zugezwinkert" hätte. 1994 schießt Maradona von seinem Landhaus in Buenos Aires aus mit einem Luftgewehr auf Fotografen und Reporter und verletzt vier Menschen. 1998 wird er schließlich zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und 10 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Während der WM 2010 fährt der damalige Trainer der argentinischen Nationalmannschaft mit dem Auto über das Bein eines Kameramannes und beschimpft ihn anschließend mit den Worten: "Was für ein Arschloch du bist. Wie kannst du dein Bein da hinstellen, wo es überfahren werden kann, Mann?" 2015 tritt Maradona nach einem Wohltätigkeitsspiel einen Ordner und schlägt einem Journalisten das Handy aus der Hand. Während der Fußball-WM 2018 in Russland soll er gegenüber südkoreanischen Fans rassistische Gesten im Stadion gemacht haben.

Für manche eher Satan als Gott
Rat und Hilfe bei häuslicher Gewalt
  • Bei akuter Bedrohung: Notruf 110
  • Beratung in Krisensituationen: Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (08000 116 016, Anruf kostenfrei)
  • Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Das Hilfetelefon bietet auch eine Online-Beratung per E-Mail oder Chat an.
  • Frauenhäuser bieten Schutz vor Bedrohung und die Mitarbeiterinnen können bei weiteren Schritten beraten.

Die Liste von Maradonas Entgleisungen ist lang und lässt sich fast beliebig fortsetzen. Es geht nicht darum, seinen Ruf zu verschandeln oder sein fußballerisches Erbe zu diskreditieren. Kein Mensch tut nur Gutes, kein Mensch ist nur schlecht. Aber am heutigen "Orange Day", dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen", wird wieder vielerorts ohne Reflektieren um einen Mann getrauert, der einigen Frauen wohl schreckliches angetan hat. Solche Taten dürfen in einer immer noch misogyn patriarchal geprägten Gesellschaft - vor allem im Fußball - nicht vergessen werden.

Freilich, Diego Maradona begeisterte, er war ein grandioser Fußballer. Ein Mythos. Ein Held für viele. Ein Heiliger, ein Gott war er aber sicherlich nicht. Für manche Menschen kam er eher Satan gleich.

Quelle: ntv.de

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