Fußball

Nicht Bundesligakompatibel? Die Tragik des erfolglosen Alexander Nouri

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Darf nicht mal bis zum Ende der Saison die Hertha coachen: Alexander Nouri muss mal wieder den Trainerstuhl räumen.

(Foto: imago images/Contrast)

Alexander Nouri wird im Herbst 2019 nach erfolglosen Stationen überraschend Co-Trainer von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC. Nun ist auch er seinen Job in der Hauptstadt los, denn Nouri fehlte schon immer ein konkreter Plan hinter seinen modernen Ansätzen und seinem Kommunikationstalent.

"Alexander Nouri hat in den vergangenen Wochen gezeigt, dass er die Mannschaft erreicht und hervorragende Arbeit leistet. Wir sind zu der Entscheidung gekommen, dass er die Chance bekommen soll, seine begonnene Arbeit fortzusetzen", sagte der Geschäftsführer Sport, der im vergangenen Monat den Trainermarkt intensiv sondiert hatte und mit seinen Kollegen das Fazit zog: "Wir haben dabei keinen Kandidaten gefunden, der uns im Gesamtpaket mehr überzeugt hat, als Alexander Nouri."

Dieser Geschäftsführer war Frank Baumann, seines Zeichens Boss von Werder Bremen, der im Oktober 2016 Nouri das Vertrauen aussprach und ihn vom Interims- zum Cheftrainer machte. Bei Hertha BSC machte sein Pendant Michael Preetz nun ebenfalls Nägel mit Köpfen - allerdings entließ er Nouri und ersetzte ihn durch Bruno Labbadia. Wohl auch, weil er die Trainerlaufbahn des Ex-Coaches im Kopf hatte.

Preetz' Kollege Baumann sollte seine Beförderungsentscheidung nämlich ein Jahr später schon wieder bereuen. Nach einem ganz schwachen Saisonstart mit nur fünf Punkten aus zehn Spielen sah er sich gezwungen, Nouri zu feuern. Lediglich 43 Spiele hatte er für Werder an der Seitenlinie absolviert. Sein darauffolgendes Engagement bei Zweitligist FC Ingolstadt scheiterte bereits nach nur zwei Monaten: Der Trainer hatte die Schanzer mit nur drei Punkten aus acht Spielen vom 15. Tabellenplatz in der Zweiten Liga auf den letzten Platz geführt (drei Unentschieden, fünf Niederlagen).

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Bei Werder lief es für Nouri in der Saison 2016/17 überhaupt nicht mehr und er musste gehen.

(Foto: imago/Team 2)

Bei der Hertha, die er nach dem Klinsmann-Fiasko übernommen hatte, holte Nouri als Chefcoach zwar fünf Punkte in vier Spielen und sagte nach seiner Entlassung: "Ich bin überzeugt, dass wir bei sechs Punkten Vorsprung den Klassenerhalt geschafft hätten." Aber Manager Preetz hatte nicht genügend Vertrauen in die Fähigkeiten des konstant erfolglosen Trainers.

"Sich in die Spieler reindenken"

Aufgrund der wenig heroischen Laufbahn Nouris (als Chefcoach Werders U23-Regionalligamannschaft wurde er 2015 immerhin Meister in der Regionalliga Nord und stieg in die 3. Liga auf), kam die Botschaft umso überraschender, als Klinsmann bei seinem Hertha-Engagement Nouri als Assistenten ins Boot holte. Genau ein Jahr und einen Tag nach dem Ende seiner blamablen Vorstellung in Ingolstadt. Die beiden hatten sich in den USA kennengelernt, wo Nouri schon als von Felix Magath bei Werder Bremen ausrangierter Jungprofi in Seattle kickte. Nach seiner Trainerstation beim Nordklub ging er erneut in die Staaten, hospitierte 2018 bei Seattle, LA Galaxy und dem Los Angeles FC. Via Oliver Bierhoff kam der Kontakt zu Klinsmanns zustande: "Dann haben Jürgen und ich uns ein paar Mal dort getroffen, hatten sehr gute Gespräche."

"Was mich an ihm begeistert", sagte im November 2019 der damalige neue Hertha-Coach Klinsmann über seinen frisch gebackenen Co-Trainer, "ist seine Energie, seine Art und Weise der Kommunikation, seine Tuchfühlung, sich auch in die Spieler reinzudenken." Allerdings konnte Nouri bei all seinen Trainerstationen diesen Werkzeugkoffer nie in Erfolg ummünzen. In 53 Ligaspielen im Profibereich gelangen Nouri als Trainer lediglich 14 Siege. Werder Bremen führte er 2016/17 zwar am Ende immerhin auf Platz acht, aber das lag eher am überragenden Max Kruse, dem starken Serge Gnabry und dem Mittelfeld um Thomas Delaney, Zlatko Junuzovic und Florian Grillitsch.

Besonders nach seinem Ingolstadt-Fiasko musste man sich fragen: Wo waren denn die Energie und die Tuchfühlung? Wieso kann er seine Spieler nicht zu Siegen führen? Nouri ist sehr eloquent und wissbegierig, das kam stets in Interviews rüber, und so mag er auch ein guter Kommunikator sein - aber womöglich ist er schlichtweg ein Trainer auf dem Niveau, auf dem er auch spielte. Seine aktive Laufbahn zählte Werder Bremen II, Seattle Sounders, KFC Uerdingen, VfL Osnabrück, Holstein Kiel und den VfB Oldenburg als Vereine. Die Bundesliga scheint schon immer eine Klasse zu hoch für ihn gewesen zu sein.

Auch bei Hertha BSC schien Nouri seine Spieler nicht richtig zu erreichen. Das erste Heimspiel als Cheftrainer gegen den direkten Konkurrenten aus Köln ging gleich mal 0:5 verloren. Taktische Mängel, zu spätes Reagieren und Fehlentscheidungen in der Aufstellung wurden ihm in dieser Partie angekreidet -sowie in den Spielen gegen Düsseldorf und Bremen. 0:3 lagen die Berliner bei der Fortuna zur Halbzeit zurück, der nächste Tiefschlag drohte. In der Halbzeit war es nicht der Trainer, der auf den Tisch haute, sondern Torwart Thomas Kraft. Die Führungsspieler Vedad Ibisevic, Per Skjelbred und Vladimir Darida sollen an der Taktiktafel ihre spielerischen Ideen ans Team übermittelt haben. Die Mannschaft zog sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf und erreichte ein Unentschieden. So auch in der Partie gegen Bremen, als man früh 0:2 zurücklag und die Spieler wieder die Taktik änderten.

Erfolgs-Idee war zu platt

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Beide scheiterten auf ihre eigene Art bei Hertha BSC: Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri.

(Foto: imago images/Contrast)

Nouris Vita liegt auch eine gewisse Tragik inne, weil er natürlich auch unter dem Klinsmann-Fiasko litt und bei Werder die Kassen notorisch knapp waren. Und da er durchaus spannende Ansätze vertritt, die er aber schlichtweg nicht schafft, auf den Platz zu bringen. Nouri wollte nie einfach nur ein Trainer sein, er wollte auch eine Art Mentor für die jungen Spieler werden, ihnen Werte vermitteln und ihre Persönlichkeiten weiterentwickeln.

Im Interview mit dem "Tagesspiegel" erzählte er, was er sich bei Hospitanzen in Spanien abgeschaut hatte: "Die Rolle des Trainers ist dort anders definiert als bei uns. Du bist nicht nur Trainer, du bist auch Ausbilder, Erzieher." Bei einem Praktikum bei den Seattle Sounders, erzählte er weiter, habe er gelernt, wie sich der Coach in Besprechungen vor dem Spiel mit U-23-Trainern oder Medizinern austauschte, um auch deren potenzielle Startelfs anzuhören. So sollte "jeder das Gefühl haben, dass er ein Teil des Ganzen ist und sich einbringen kann." Im Pressegespräch nach dem letzten Spiel gegen Bremen erklärte er dementsprechend, sich über den taktischen Input aus dem Mannschaftskreis gefreut zu haben.

Vielleicht ist Deutschland für Nouris sehr offenen, modernen Ansatz von Profifußball und Training noch nicht bereit. Vielleicht wusste er selbst damit nicht genau umzugehen und verlor den Fokus für das Nötigste: das Spiel mit dem Ball. Als Herthas Ex-Coach in seinen ersten Tagen in Berlin auf Klinsmann angesprochen wurde, sagte er, man habe "eine ähnliche Idee vom Fußball". Die Idee, dann gar nicht mehr speziell oder avantgardistisch, sei: "erfolgreich zu sein." Sowohl bei Nouri als auch bei Klinsmann hat es mit dem erfolgreich sein in der Trainerlaufbahn selten funktioniert. Ein Gerüst - ein wirklicher Plan, eine echte Spielidee - fehlte hinter der Ausbilderphilosophie, der positiven Energie und dem platten Erfolgs-Credo.

Nachdem Klinsmann beim BSC mit einem Facebook-Post ein hemmungsloses Durcheinander auslöste und abtrat, sah der NDR Alexander Nouri als "den größten Gewinner eines heillosen Chaos beim großdenkenden Hauptstadtclub" in dieser "Schnelllebigkeit des Profigeschäfts". Wie schnell man in der Bundesliga auch wieder zum absoluten Verlierer werden kann, erfuhr er nun nach seinen vier Spielen als Interims-Chef und der Ablösung durch Labbadia. Dass die Hertha ihm den Job nicht zutraut, ist ein zusätzlicher Makel auf der ohnehin schon stark beschmutzten Trainer-Weste Nouris. Einen Job in der höchsten Spielklasse Deutschlands wird er so schnell nicht mehr bekommen.

Quelle: ntv.de