Fußball

Von Niemandsland ins CL-Finale Die Tuchel-Transformation des FC Chelsea

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Mit Tuchel läuft's.

(Foto: imago images/Shutterstock)

Thomas Tuchel hat den strauchelnden FC Chelsea mehr als nur stabilisiert, ihn ins Finale der Champions League geführt. Während ihm in Deutschland noch immer häufig das Image eines verschrobenen Taktikfuchses anhängt, wird er in England gefeiert. Wie hat er das hinbekommen?

Es ist nicht überliefert, was Thomas Tuchel zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Möglicherweise entpuppt sich aber sein Rauswurf kurz nach den Festtagen beim Glamour-Klub Paris St. Germain als eines der größeren und nachhaltigeren "Geschenke" für den deutschen Trainer.

Nach einem 4:0-Sieg (!) gegen Straßburg lag für Tuchel die PSG-Kündigung unterm Tannenbaum. Au revoir. Es war das Ende des Machtkampfs mit Sportvorstand Leonardo, der mit Mauricio Pochettino schnell einen Nachfolger präsentierte. Aus Dortmund hatte kurz vor der Entlassung schon BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mit den Worten "Thomas ist ein schwieriger Mensch, das sieht man jetzt auch in Paris" gegrüßt.

Doch der Name Tuchel ist längst ein gängiger Begriff im europäischen Fußball-Vokabular. So wurde der Schwabe auch schnell fündig, wobei man eigentlich sagen müsste: Chelsea wurde schnell fündig. Der Hauptstadtklub hing zu Beginn des neuen Jahres in der Premier League auf Rang acht fest. Die Gruppenphase der Champions League packten die Blues zwar souverän. Aber Euphorie? Davon gab es ungefähr so viel wie an einem regnerischen Abend bei sieben Grad und Gegenwind. Dass diese Mannschaft wenige Monate später um die Krone des europäischen Fußballs spielen wird und Platz drei in der Liga angreift, das schien keine allzu realistische Vorstellung zu sein. Ist aber nun Realität.

Tuchel, der ehemalige Mainzer und Dortmunder Bundesliga-Trainer, übernahm Ende Januar an der Stamford Bridge für Vereinslegende und Fan-Liebling Frank Lampard. Doch die Erinnerungen an den Coach Lampard (an den Spieler natürlich nicht) verblassten schnell. Und das ist vor allem ein Verdienst von Tuchel. Das Fan-Plakat für Lampard hing aus Respekt vor ihm übrigens nur bei einem Heimspiel.

Defensiv fast unantastbar

Der 47-Jährige krempelte das Team an den richtigen Stellen um. Ein Beispiel: Tuchel baute Nationalspieler Antonio Rüdiger, der zuvor unter Lampard keine Berücksichtigung fand, als starken Mann seiner Verteidigung auf. Mit Erfolg. Ähnliche löste er die Situation des Ex-Gladbachers Andreas Christensen. Verteidigung ist ohnehin das Chelsea-Zauberwort. Das mit allerlei hochtalentierten Jungfußballern gesegnete Team - wie beispielsweise Christian Pulisic, Mason Mount oder den millionenschweren Sommer-Zugängen Kai Havertz und Timo Werner - gewinnt die Spiele in erster Linie durch die wiedererstarke Defensive.

Es ist wahrlich nicht so, dass Chelsea offensive Begeisterungstürme auslöst, zudem fielen Werner und Co. zuletzt auch durch eine mangelhafte Chancenverwertung auf. Dafür steht hinten meistens die Null. Und dann reicht vorne eben auch mal ein Tor zum Sieg. Davon gab es einige. In den 24 Partien unter Tuchel (16 Siege, sechs Unentschieden, zwei Niederlagen), kassierte Chelsea ganze 18 Mal keinen Gegentreffer, insgesamt waren es nur zehn.

Was Lampard nicht gelungen war, führt Tuchel Stück für Stück in Richtung Perfektion. Das Maximum aus dem reichlichen Chelsea-Talent herausholen, ohne dabei die defensive Stabilität zu verraten. Tuchel setzt dabei regelmäßig auf ein 3-4-1-2-System. Er stärkte Spieler wie die erfahrenen N'Golo Kanté, Thiago Silva und César Azpilicueta, ist auf der anderen Seite ein Mentor für Talente wie Callum Hudson-Odoi oder Mason Mount.

Seine Leistung: Die offensivstarken Spieler sind sich nicht zu schade für harte Arbeit in der Rückwärtsbewegung. "Es war immer so, dass alle elf wirklich gelitten haben, um zu verteidigen", sagte Tuchel: "Das war vom ersten Moment an sehr besonders." Während Tuchel in Paris vor allem als Dompteur im Star-Zirkus um Kylian Mbappé und Neymar gefragt war, etablierte er bei Chelsea ein neues Defensiv-System.

In der Liga arbeitete sich Chelsea in der Tabelle hoch, steht nun schon auf Platz vier und ist auf einem guten Weg, die Qualifikation für die Champions League erneut zu packen, dazu stehen die Blues nach Siegen gegen Atletico Madrid, den FC Porto und Real Madrid im Finale der Champions League (29. Mai), das FA-Cup-Finale (15. Mai) bietet eine weitere Titelchance.

Im Finale wartet Guardiola

Während Chelsea seit dem Sieg im aus Sicht des FC Bayern traumatischen "Finale Dahoam" erstmals wieder das Finale der Königsklasse erreichte, ist es für Tuchel sogar das zweite in Folge. Das gelang vor ihm noch keinem anderen Coach mit zwei unterschiedlichen Klubs. Im vergangenen Jahr noch sah er von der Seitenlinie die knappe 0:1-Niederlage von Paris St. Germain gegen den späteren Sextuple-Champion FC Bayern und kümmerte sich anschließend um den untröstlichen Neymar.

In diesem Jahr trifft er im Finale in Josep "Pep" Guardiola auf einen ehemaligen Bayern-Trainer, mit dem er eine Freundschaft pflegt. City spielt den derzeit noch schöneren Fußball, ist der Favorit im Endspiel. Aber wenn einer den Matchplan von Pep durchkreuzt, dann sollte man auf Tuchel wetten. Schon am Samstag (18.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) beschnuppern sich die beiden Finalteilnehmer in der Liga. Es geht um viel. City kann vorzeitig Meister werden, Chelsea will den wichtigen vierten Platz verteidigen.

Vor gut einem Monat war es bereits zum ersten Pep-Tuchel-Showdown auf der Insel gekommen. Im Halbfinale des FA-Cups siegte Chelsea knapp - und natürlich zu null, Hakim Ziyech erzielte das einzige Tor. Zwei Finals und Champions-League-Rang vier in der Liga nach einem Start im absoluten Mittelmaß - Tuchel kann sich jetzt vor allem selbst beschenken.

Quelle: ntv.de

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