Fußball

Klub-Motor mit Gespür für Erfolg Dirigent Rangnick reißt Lücken bei RB Leipzig

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Ralf Rangnick wird künftig nicht mehr bei RB Leipzig, sondern bei Red Bull beschäftigt sein.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Mit dem Abgang von Ralf Rangnick verliert Rasenballsport Leipzig seinen größten Erfolgsfaktor für das Tagesgeschäft. Während der 60-Jährige neue Pfade im Red-Bull-Imperium beschreitet, steht der Fußball-Bundesligist vor einem gewaltigen Umbruch.

Vor genau sechs Jahren und elf Monaten hatte Ralf Rangnick in der Vip-Etage des Leipziger Stadions forsch die Stunde Null bei Rasenballsport Leipzig ausgerufen. Der Klub dümpelte damals in der Regionalliga herum, der Kader hatte einen Marktwert von etwa sieben Millionen Euro und das Trainingszentrum bestand aus einem Containerdorf. Als er sich nun an diesem Dienstag für Außenstehende einigermaßen überraschend verabschiedete - zumindest in offizieller Funktion als Entscheidungsträger -, tat er das im Medienraum einer der modernsten Fußballakademien des Landes. Seinem Nachfolger Markus Krösche hinterlässt er einen Champions-League-Teilnehmer mit geschätztem Mannschaftswert von mehr als 430 Millionen Euro. Doch Investor Dietrich Mateschitz kann ganz zufrieden damit sein, wie Rangnick das Geld des Multimilliardärs in den gut sieben Jahren eingesetzt hat.

In Kürze darf Rangnick die Millionen in seiner neuen, ihm auf den Leib geschneiderten Rolle als sogenannter Head of Sport und Development Soccer auch international investieren. Der 60-Jährige ist künftig direkt bei Investor Red Bull angestellt und soll das Fußball-Filialsystem des Getränke- und Marketinggiganten in Brasilien und New York weiter ausbauen. In Leipzig hätte Rangnick nur noch kleine Schritte bewirken können. In seiner neuen Funktion will der ehrgeizige Fußball-Vordenker die Entwicklung weiter so rasant vorantreiben wie bisher.

"Wenn wir das richtig gut machen, können wir uns in ganz großen Schritten so entwickeln, dass wir im internationalen Vergleich aufschließen können zu Klubs, die jetzt noch weit von uns entfernt sind", sagte Rangnick gestern. Neben dem Reiz einer neuen, größeren Aufgabe und Beförderung mit globalem Arbeitsauftrag ist das sein Hauptbeweggrund für den neuen Job. In Leipzig war Rangnick Fixstern einer Galaxie. Künftig ist er der Mittelpunkt eines Fußball-Universums mit allen gestalterischen Freiheiten. Da tickt Rangnick wie ein Zocker eines Aufbau-Strategiespiels, wie man das früher nannte. Das Prinzip Monopoly. Nur eben nicht auf dem Spielbrett oder virtuell, sondern real, in Leipzig, Braganca, nahe São Paulo, und New York. Das Ziel: "Der Wunsch ist, dass wir jährlich einen Tyler Adams entwickeln." Der 20-jährige Mittelfeldspieler startete seine Karriere bei den New York Red Bulls und spielt nun nicht nur bei RB Leipzig, sondern auch in der US-amerikanischen Nationalmannschaft.

Dirigent des Rasenballsport-Ensembles

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Klubboss Oliver Mintzlaff und Ralf Rangnick werden künftig in reduzierter Form in Leipzig zusammenarbeiten.

(Foto: imago/Sven Simon)

Kurioserweise kam Rangnick die Idee zu seiner beruflichen Neuorientierung im Winterurlaub, als die Liga im Januar pausierte, unter der Dusche - und ließ ihn nicht mehr los. Man muss sich das bildlich vorstellen. Eine typische Rangnick-Eingebung, die er dann konsequent verfolgt. Auch gegen den anfänglichen Widerstand von Klubboss Oliver Mintzlaff hinweg, der bis 2017 selbst noch Head of Global Soccer war, das Amt aber im Zuge der drohenden Lizenzverweigerung für die Champions League durch die Uefa niederlegen musste. Weil auch Rangnick als Angestellter des Investors nicht in entscheidender Funktion im Klub tätig sein darf, muss er sein Engagement in Leipzig nun auch auf eine Beratertätigkeit beschränken. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ist gefordert zu kontrollieren, dass es auch dabei bleibt.

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Neuer Rasenballsport-Sportdirektor: Markus Krösche.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Rangnick betonte zwar, dass ihn der neue Trainer Julian Nagelsmann, der Anfang Juli in Leipzig beginnt, und sein Nachfolger Krösche, der mit viel Vorschusslorbeeren aus Paderborn kommt, jederzeit um Rat fragen könnten. Doch gerade in den ersten Monaten wird Rangnick viel in Übersee unterwegs sein, um die Klubs wie ein Franchise-Format auf Red-Bull-Fußball zu trimmen. Dazu gehören auch die Bauprojekte zweier Akademien nach dem Vorbild des Leistungszentrums am Leipziger Cottaweg. Kurzum: Rangnick hat auch ohne RB bereits zwei Vollzeitjobs und wird zumindest anfangs wenig präsent sein in der Messestadt.

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Neuer Rasenballsport-Trainer: Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images / Kadir Caliskan)

Das hat den Vorteil, dass Nagelsmann und Krösche ohne die ständige Überwachung des RB-Übervaters eigene Erfahrungen sammeln und ihre Fußabdrücke hinterlassen können. Rein fachlich ist Rasenballsport mit einem exzellent ausgewählten Mitarbeiterstab eh hervorragend besetzt. Doch Rangnick war derjenige, der all das Expertenwissen - egal, ob es um Trainingssteuerung oder Scouting ging - mit in fast 30 Jahren Profifußball geschultem Blick bewertete und zusammenführte. Sein ganzheitlicher Ansatz - von Ernährung über Schlafsteuerung bis zu wissenschaftlich gelenktem Training immer noch ein paar Prozent mehr herauszukitzeln - wurde Klubphilosophie.

Rangnick agierte wie der Dirigent eines Ensembles. Er war Autorität und zugleich väterliche Identifikationsfigur mit großer Überzeugungskraft für viele Spieler und seine engen Mitarbeiter. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit einem neuen Kicker fiel häufig das Argument Rangnick, das den Ausschlag für den Wechsel gab. Nicht umsonst genießt der Mann aus Backnang den Ruf, Spieler besser zu machen und in Transfergesprächen keine Absage zu akzeptieren. Akteuren wie dem damals 18-jährigen Yussuf Poulsen zeigte er seine ambitionierten Visionen so klar auf, dass sie fast unrealistisch schienen. Doch Poulsen betont immer wieder verblüfft, dass alles genauso eingetreten sei, wie Rangnick es vorhergesagt habe. Diese Erzählung bindet viele Profis eng an Rangnick. Sogar jene, die anfangs gar nicht nach Sachsen wechseln wollten wie Marcel Sabitzer.

Groll in Salzburg, Jubel in Leipzig

Zwar sind Rangnicks Akribie und sein forderndes Wesen bisweilen auch anstrengend für seine Angestellten. Und auch in Teilen der Fanszene genoss der Stratege lange keinen guten Ruf, weil er für den Erfolg Regeln bis in rechtliche Grauzonen ausreizte und bog, etwa beim Trick-Transfer von Marcel Sabitzer im Jahr 2004. Der Stürmer besaß damals bei Rapid Wien eine Ausstiegsklausel, die einen innerösterreichischen Transfer ausschloss. Rangnick verpflichtete Sabitzer für Leipzig, lieh ihn aber umgehend in die Salzburger Filiale aus und umging so das Wechselverbot. Der Transfer von Bernardo aus Salzburg vor drei Jahren kam weder in Österreich noch in Leipzig gut an, weil Rangnick diesen verkündete, noch bevor die Ablösesumme feststand. Für die Fans in Salzburg war das zu viel, Rangnick ist seither persona non grata.

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In Leipzig hingegen flogen ihm nach unpopulären Entscheidungen wie den Trainerdemissionen von Alexander Zorniger und Ralph Hasenhüttl nun in dieser Spielzeit, da er selbst wieder Trainer war, die Herzen zu wie nie zuvor. Auch weil er in dieser Saison nicht mehr so verbissen und rechthaberisch wirkte wie zuvor, sondern ganz bewusst gelassener agierte und mehr und mehr gelernt hat, Kontrolle abzugeben. In seinen Anfangsjahren sagte man Rangnick nach, dass er am liebsten auch den Hausmeisterjob selbst übernommen und das Gras auf dem Rasen selbst geschnitten hätte. Doch das lernte er zu delegieren und dem von ihm handverlesenen Stab zu vertrauen. Das stärkte Rangnicks Renommee nur und seine Rolle als interner Klub-Motor.

Extern war der studierte Sport- und Englischlehrer zwar polarisierendes, aber in der Szene hoch anerkanntes Aushängeschild, das dem Klub öffentlich Profil gab. Kurz: Eine erfahrene, aber stets hellwache Führungspersönlichkeit, die nicht adäquat zu ersetzen ist. Ursprünglich war angedacht, dass Rangnick seine Aufgaben nach zwei Jahren Einarbeitungszeit an die jüngere Generation abgibt. Doch diesen Abschied auf Raten wollte der Schwabe nicht. Stattdessen war dem Klub-Baumeister - immer ein Stück auch Getriebener - nun deutlich anzumerken, welches Feuer die erneuten Mammutaufgaben in ihm auslösten.

So muss RB nun kurzfristig nicht nur Rangnick ersetzen, sondern auch dessen beste Mitarbeiter. Videoanalyst Lars Kornetka wechselt fix in Rangnicks Team, auch Chefscout Paul Mitchell soll künftig für die globale Klubbau-Truppe tätig sein. Zweifelsohne ein Umbruch beim Ligadritten, der freilich die Chance bietet, dass sich die neuen Verantwortlichen schneller emanzipieren und eine eigene Führungskultur im Klub etablieren. Doch viel Zeit bleibt dafür nicht. Auch Krösche, der künftig mit auf der Bank sitzen wird, und Nagelsmann wissen, dass ein Champions-League-Teilnehmer kein geeignetes Umfeld zum Experimentieren ist. Der Neustart wird also nicht annähernd so krass ausfallen wie 2012, als Rangnick antrat. Vielmehr sollen die Dinge in Leipzig in seinem Sinne weitergeführt werden.

Quelle: n-tv.de

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