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"Draxler ist im negativen Sinn der Justin Bieber des Fußballs", sagen die Fans über den PSG-Spieler.
"Draxler ist im negativen Sinn der Justin Bieber des Fußballs", sagen die Fans über den PSG-Spieler.(Foto: imago/Uwe Kraft)
Mittwoch, 15. November 2017

Die DFB-Elf in der Einzelkritik: Draxler ist doch kein Softie ohne Charisma

Von Stefan Giannakoulis und Tobias Nordmann, Köln

Der Bundestrainer gibt sich nach dem Remis der DFB-Elf gegen Frankreich am Ende des Länderspieljahres tiefenentspannt. Julian Draxler setzt sich durch, Mesut Özil zaubert ein wenig und Lars Stindl rettet die Serie.

War es nun Glück - oder doch auch Können? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft darf zum Abschluss eines durchaus erfolgreichen Länderspieljahres von beidem etwas für sich beanspruchen. Und da Lars Stindl an diesem Dienstagabend in Köln in wirklich allerletzter Minute der Ausgleich gelang, bleibt sie nach dem 2:2 (0:1) gegen Frankreich auch im 21. Spiel hintereinander ungeschlagen. Die bisher letzte Niederlage datiert vom 7. Juli 2016, als eben jene Franzosen das Halbfinale der Europameisterschaft mit 2:0 gewannen.

Die 36.948 Zuschauer im nicht annähernd ausverkauften Müngersdorfer Stadion jedenfalls durften sich gut unterhalten fühlen. Das sah der Bundestrainer ähnlich. Joachim Löw hatte ein "hochinteressantes, hochspannendes Spiel auf einem sehr guten Niveau" gesehen; eine Einschätzung, die er nicht exklusiv hatte, auch wenn nicht alles geklappt hat. Aber: "Wir sind zweimal aus einem Rückstand zurückgekommen und nicht nervös geworden." Und überhaupt, so stark Frankreich auch war, die Weltmeisterschaft in Russland könne kommen: "Nach diesem Jahr bin ich völlig entspannt. Warum soll ich mir Sorgen machen?" In diesem Sinne - die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Kevin Trapp ist bereit für mehr.
Kevin Trapp ist bereit für mehr.(Foto: picture alliance / Marius Becker)

Kevin Trapp: Sein Debüt in der DFB-Elf gab der 27 Jahre alte Torhüter Anfang Juni dieses Jahres beim freundschaftlichen 1:1 in Kopenhagen gegen Dänemark, nun gönnte Löw ihm ein zweites. Das überraschte insofern, als dass Trapp bei Paris Saint-Germain die klare Nummer zwei hinter Alphonse Areola ist, der bei den Franzosen wiederum nur auf der Bank saß. Deshalb hatte Andreas Köpke, seines Zeichens Bundestortwartrainer, ihm jüngst geraten, doch lieber den Verein zu wechseln: "Es ist klar, dass es auf Dauer problematisch ist, wenn er nicht spielt. Denn die Rückrunde gibt den Ausschlag, wer mit zur WM kommt." In Köln nun rettete er seine Mannschaft in der ersten Halbzeit zwei Mal mit flinken Paraden, ganz grandios nach 32 Minuten gegen Kylian Mbappé. Beim 0:1 hatte er überhaupt keine Chance, dito beim 1:2. Insgesamt war er seiner Mannschaft ein großer Rückhalt. Aber ob ihm das den Platz als dritter Torhüter im Kader für die Weltmeisterschaft sichert? Hinterher sagte er: "Ich wollte das Vertrauen des Bundestrainers zurückzahlen. Es war ja nicht selbstverständlich, dass ich gespielt habe. Ich werde alles tun, um bei der WM dabei zu sein." Löw befand prompt: "Klasse, ich freue mich wahnsinnig für ihn. Wir haben bei ihm ein gutes Gefühl."

Emre Can: Fast hätte einem der 23 Jahre alte Frankfurter in Diensten des FC Liverpool schon leidtun können, ist er doch im defensiven Mittelfeld auf einer Position zu Hause, für die der Kandidatenkreis in der DFB-Elf relativ üppig und zudem hochkarätig besetzt ist. Dabei ist Can derzeit in wirklich guter Form und hatte auch in seinen fünf Spielen beim Gewinn des Confed Cups im Sommer überzeugt. Das alles hat auch der Bundestrainer registriert - und setzte den dauerspielenden Joshua Kimmich ausnahmsweise auf die Bank und Can in seinem 20. Länderspiel als rechten Außenverteidiger ein. Vor der EM in Frankreich 2016 hatte er Can dort schon mehrmals getestet. Überzeugt hatte er dort eher nicht. Nun in Köln verrichtete er sein Tagwerk mit viel Engagement, blieb dabei allerdings nicht fehlerfrei, wirkte teilweise überfordert und ist einfach für diesen Job nicht gemacht. Wir gehen mal davon aus, dass Löw demnächst und vor allem bei der WM dann wieder auf Kimmich setzt. Der durfte sich übrigens damit trösten, dass ihn die Fans seins Klubs wieder zum Spieler des Monats gewählt haben, wie der FC Bayern am Nachmittag mitteilte. Nach 83. Minuten war für Can übrigens Schluss. Für ihn kam der 29 Jahre alte Lars Stindl von Borussia Mönchengladbach in die Partie - und erzielte in seinem zehnten Einsatz in der Nachspielzeit prompt sein viertes Länderspieltor: "Wir haben zum Schluss alles reingehauen und sind dafür belohnt worden. Ein rundum gelungenes Jahr für den DFB." Und für ihn wohl auch.

Mats Hummels ist der Chef in der Abwehr.
Mats Hummels ist der Chef in der Abwehr.(Foto: picture alliance / Bernd Thissen)

Mats Hummels: Bei der Nullnummer in England am Freitag war er einer der Besten seiner Mannschaft, und auch nun in seinem 62. Länderspiel war der 28 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern der Chef in der Abwehr und darüber hinaus. Er ist einer der Unverzichtbaren im Team. Packte nach zwölf Minuten erstmals seine Heldengrätsche aus. Er traf zum Glück für alle den Ball. Zweiter Sieger: Kylian Mbappé. Der ganze Spaß war dann aber auch relativ schnell vorbei. Erst schossen die Franzosen ein Tor, und in der Halbzeit blieb Hummels in der Kabine. Für ihn spielte in der zweiten Halbzeit der 24 Jahre alte Antonio Rüdiger vom FC Chelsea. In seiner 22. Partie für die DFB-Elf hatte er acht Minuten nach seiner Einwechslung die sehr große Chance auf sein zweites Länderspieltor, die er nach Julian Draxlers Pass allerdings etwas aufgeregt und/oder überrascht nicht nutzte, sondern den Ball am Tor vorbei schoss. Er ist halt Innenverteidiger. Und stand in dieser Funktion beim 1:2 zu weit vom Geschehen weg.

Niklas Süle: In Wembley hatte der Bundestrainer eine Dreierkette aufgeboten und Hummels die Kollegen Matthias Ginter und Antonio Rüdiger an die Seite gestellt. In der Viererkette zu Müngersdorf agierte der 22 Jahre alte Münchner Süle in seinem achten Länderspiel in der Innenverteidigung. Seine schlechteste Szene hatte er nach 34 Minuten. Anthony Martial von Manchester United tanzte ihn derart vorzüglich aus, dass er kurz die Orientierung verlor. Martial spielte den Ball dann unbedrängt zu Alexandre Lacazette vom FC Arsenal, und der schob ihn ins leere Tor zum 0:1 hinein. So sehr Süle sich auch mühte: Die jungen französischen Angreifer waren eine Nummer zu schnell, zu gut für ihn.

Plattenhardt: Ob er mit nach Russland fliegt?
Plattenhardt: Ob er mit nach Russland fliegt?(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Marvin Plattenhardt: Da ist er wieder. Nachdem gegen die Engländer der Rasenballsportler Marcel Halstenberg sein Debüt in der Nationalmannschaft geben durfte, war nun wieder der 25 Jahre alte Berliner als Linksverteidiger an der Reihe. Kölns Jonas Hector, der ursprünglich ein Abonnement auf diesen Job hatte, ist ja verletzt. Und Plattenhardt, der zu der durchaus erfolgreichen Confed-Cup-Combo gehörte, machte seine Sache im fünften Länderspiel recht ordentlich. Beim 1:2 allerdings muss er sich ankreiden lassen, nicht das getan zu haben, was der Kollege Rüdiger tat - nämlich einen Schritt nach vorne zu gehen. So stand besagter Lacazette nach feinem Pass Mbappés nicht im Abseits und traf. Dennoch machte er seine Sache insgesamt sehr ordentlich und traute sich auch in der Offensive was zu.

Sami Khedira: Hatte Löw am vergangenen Freitag noch mit Ilkay Gündogan und Mesut Özil auf der Doppelsechs experimentiert, setzte er nun auf die vermeintliche 1a-Besetzung. Und dafür ist der 30 Jahre alte Mittelfeldspieler von Juventus Turin immer noch ein Kandidat. In seinem 72. Länderspiel durfte er dann auch noch - da Manuel Neuer und Thomas Müller verletzt fehlten - die Kapitänsbinde tragen. Zeigte von Beginn an, dass er es auch robust kann, was von daher gut war, als dass er in der Defensive doch sehr gefordert war. Nach vorne ging daher eher weniger, die Zahl seiner dynamischen Vorstöße blieb überschaubar. Und beim zweiten Tor der Franzosen kam auch er nicht hinterher. Nach 75. Minuten war's dann auch gut, denn anstrengend war es schon. Sein Fazit: "Ich denke, dass wir insgesamt dieses Jahr wirklich auf allerhöchstem Niveau mithalten konnten." Der 27 Jahre alte Sebastian Rudy vom FC Bayern übernahm für ihn und kommt nun auf 24 Länderspiele.

Ohne Toni Kroos geht im deutschen Spiel nichts.
Ohne Toni Kroos geht im deutschen Spiel nichts.(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Toni Kroos: Apropos 1a - die 27 Jahre alte Passmaschine von Real Madrid ist auch einer aus dem Kreis der Unantastbaren in der DFB-Elf. In London durfte er sich nach überstandener Magen-Darm-Malaise noch ausruhen und sich das Ganze von der Tribüne aus ansehen. Nun, in seinem 80. Länderspiel fiel er nachhaltig erst nach 70 Minuten auf, als er einen Freistoß mit einiger Vehemenz an die Latte des französischen Tores zirkelte. Ansonsten hielt er sich, so schien es, die meiste Zeit vornehm zurück und kurbelte das Spiel seines Teams lange nicht so energisch an, wie er es eigentlich könnte. Kurzum: Er kann's besser. Ob er an diesem Abend nicht konnte, oder nicht so recht wollte, entzieht sich unserer Kenntnis.

Ilkay Gündogan: Sein Comeback nach fast einjähriger verletzungsbedingter Absenz hatte er in Wembley durchaus ansprechend gestaltet, nun durfte er 27 Jahre alte Mittelfeldspieler von Manchester City in seinem 22. Länderspiel auf der rechten Angriffsseite ran, wobei er häufig die Position mit dem Kollegen Özil tauschte. Er, also Gündogan war es, der vor dem Ausgleich von Timo Werner zum 1:1 energisch den Ball eroberte, auch sonst fand er sich auf eher ungewohnter Position gut zurecht und versuchte, dass Spiel seines Teams schnell zu machen. Er ist keiner der Unantastbaren. Aber er könnte einer werden - dann aber eher als Sechser im defensiven Mittelfeld. Wenn er sich nur um Gotteswillen nicht wieder verletzt. Nach einer guten Stunde nahm Löw ihn raus und brachte den 25 Jahre alten Mario Götze. Der Dortmunder hatte ebenfalls seit einem Jahr nicht mehr für die Nationalelf gespielt, und hinterher attestierte der Bundestrainer beiden, dass sie auf einem guten Weg seien. Und Götze verbuchte in seinem 63. Länderspiel immerhin einen Assist, weil der vor dem 2:2 den Ball flugs an Lars Stindl übergab und kurz danach konstatierte: "Das war heute eine positive Geschichte für mich und ein Schritt in die richtige Richtung. Ich bin froh, dass ich wieder dabei bin. Das war für mich heute eine großartige Sache."

Mesut Özil: Der 28 Jahre alte fußballerische Feingeist des FC Arsenal spielt ja ganz gerne in der Kreativzentrale auf der Position des Zehners. Der Bundestrainer gewährte ihm die Freude, und so durfte Özil in seinem 88. Länderspiel (Schnapszahl!) dort auch ran, glänzte mit guten Pässen und einigen Hackentricks Schließlich trägt er ja auch die 10 auf dem Trikot. Nach einer, sagen wir, etwas zurückhaltenderen ersten Halbzeit gelang ihm nach einer knappen Stunde ein zuckersüßer Pass auf den Kollegen Timo Werner, der gekonnt den Ausgleich erzielte - der allerdings nur eine Viertelstunde währte. Und auch am Ausgleich war Zauberfuß Özil beteiligt. Seinen Außenrisschip leitete Götze  zu Lars Stindl weiter, der in letzter Minute den letztlich glücklichen Ausgleich erzielte. 

Julian Draxler: Der 24 Jahre alte Kapitän des Confed-Cup-Teams darf sich durchaus als einer der Gewinner dieses Länderspieljahres fühlen. Und auch bei Paris Saint-Germain kommt er trotz großer und starker Konkurrenz regelmäßig zum Einsatz. Dennoch lasen wir jetzt erst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einer Imagestudie, die nach dem Titelgewinn in Russland im Sommer erschienen war. Eine Befragung unter Fans hatte ergeben, wir zitieren: "Draxler ist im negativen Sinn der Justin Biber des Fußballs. Ein Softie, dem es an Charisma und Durchsetzungskraft mangelt." Wie gemein! In seinem 40. Länderspiel zeigte er nach einer, sagen wir auch hier, etwas zurückhaltenderen ersten Halbzeit acht Minuten nach der Pause, dass er sich und den Ball durchaus zu behaupten weiß. Er macht das gerne mit zwei, drei Übersteigern - und in diesem Fall erfolgreich. Seinen scharfen Pass in die Mitte konnte der just eingewechselte Rüdiger im Fünfmeterraum aber nicht verwerten.

Timo Werner: Wie in London begann der 21 Jahre alte Leipziger als Angreifer in vorderster Front. In seinem zehnten Länderspiel konnte er nach 38 Minuten beinahe so etwas wie die erste Torchance für sein Team verbuchen, als er einen Steilpass Draxlers knapp verpasste. Drei Minuten später vergab der Rasenballsportler eine Doppelchance. Wer ihm aber nun eine Mini-Torkrise andichten wollte, den belehrte er eines Besseren. Nach einem tollen Steilpass von Özil steuerte er alleine auf das Tor des Gegners zu und schoss den Ball überlegt und kühl durch die Beine des französischen Keepers Steve Mandanda hindurch zum 1:1 ins Tor. Das hatte Klasse. In den jüngsten sieben Länderspielen hat er nun sieben Mal getroffen. Nach 85 Minuten war das Jahr in der DFB-Elf für ihn vorbei, der 29 Jahre alte Sandro Wagner von der TSG Hoffenheim betrat den Platz - und sah in seinem siebten Länderspiel für ein rüdes Foul im Mittelfeld völlig zurecht die Gelbe Karte.

Quelle: n-tv.de

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