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RBL-Kooperation mit Paderborn Dürfen die das eigentlich?

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Das Projekt RB Leipzig sorgt immer wieder für Diskussionen: Hier suchen auch die RB-Fans das Gespräch.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Spielerleihen, Hospitationen, Scouting-Austausch: RB Leipzig hat mit dem SC Paderborn einen Kooperationspartner in der Fußball-Bundesliga gefunden. Die Konkurrenz befürchtet eine Wettbewerbsverzerrung, die SCP-Fans gehen auf die Barrikaden.

Oliver Mintzlaff präsentierte die Nachricht, dass RB Leipzig künftig "langfristig enger" mit dem Bundesliga-Aufsteiger SC Paderborn kooperieren werde, nicht ohne Stolz. Seit Anfang 2017, als Sportdirektor Ralf Rangnick über die Abmeldung der Leipziger U23 aus dem Spielbetrieb verfügte, hatte der Tabellendritte nach einem Kooperationspartner gesucht. Um eigene Talente, vor allem aber die aus New York, Brasilien oder Österreich in der Bundesliga an höchstes Niveau heranführen zu können. Der Sprung für die meisten Nachwuchskräfte im Red-Bull-Reich, direkt auf Champions-League-Level mitspielen zu können, ist zu groß geworden. Nun konnte RB-Geschäftsführer Mintzlaff am Dienstag nach über zweijähriger Suche verkünden, dass die Sachsen Paderborn nicht nur Sportdirektor Markus Krösche aus dem Kreuz geleiert, sondern ganz beiläufig auch einen Partner in der höchsten deutschen Liga gefunden haben.

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Hospitationen, Austausch bei Scouting und Marketing mit den Ostwestfalen sind geplant. Ungewöhnlich konkret sprach Mintzlaff auch über den Nutzen für seinen eigenen Klub: "Vielleicht gibt es den ein oder anderen Spieler, der nach Paderborn ausgeliehen wird und erstmal dort spielt, bevor man ihn nach Leipzig holt." Der klassische Farmteam-Gedanke; Paderborn als weiteres Kettenglied der internationalen Red-Bull-Filialstruktur mit Außenstellen in Salzburg, Liefering, New York und Braganca. Innerhalb der Bundesliga jedoch ist eine solch enge Partnerschaft, bei der es nicht nur um Wissenstransfer und organisatorische Inhalte geht, sondern auch um sportliche Absprachen, ein Novum.

SCP-Fans gehen auf die Barrikaden

Beim SCP kippte die Laune nach den Aufstiegsfeierlichkeiten denn auch sofort in Krisenstimmung um. Die aktive Paderborner Fanszene – ja, die gibt es – demonstrierte mit Protestbannern und -schreiben: "Unser SCP stand immer für ein demokratisches und von den Mitgliedern geprägtes Vereinsleben. Mit einem Konstrukt, in dem diese Werte mit Füßen getreten werden, kann keine Partnerschaft eingegangen werden", heißt es in einer Stellungnahme diverser Fanclubs. Und: "Wir wollen kein weiterer Teil in diesem kranken Spielerkarussell der RB-Clubs sein." #PadeRBorn lautet der Hashtag zur Aufregungswelle in den sozialen Medien.

Der SCP ruderte per Stellungnahme zurück, dass ja noch gar nicht klar sei, ob es wirklich zu Spielerleihen kommen werde. Und von langfristiger Zusammenarbeit war auch keine Rede mehr, vielmehr heißt es: "Eine konkrete Dauer wurde nicht vereinbart." Im "Westfalen Blatt" nannte der Paderborner Noch-Manager Krösche Leipzig eine "Bereicherung für die Bundesliga", erkannte aber auch an, dass man das Kooperations-Thema "nicht optimal kommuniziert" und mit "dieser negativen Dynamik" nicht gerechnet habe. Nicht ausgeschlossen, dass Paderborn dem Druck der Fans, die mit Boykott drohen, noch nachgibt und die Zusammenarbeit ad acta legt. RB Leipzig kennt das von Freundschaftsspielen mit Klubs aus der Region, die in schöner Regelmäßigkeit erst vereinbart und dann auf Drängen der Fanszenen wieder abgesagt werden.

Spannender aber als der wieder einmal zutage tretende Protest gegen RB Leipzig sind die Fragen: Dürfen die das überhaupt? Sollten Bundesligisten nicht Konkurrenten und keine Partner sein? Und was heißt es für den Wettbewerb in der Bundesliga, wenn Allianzen dieser Art geschmiedet werden?

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Alexander Wehrle, Geschäftsführer von Mitaufsteiger 1. FC Köln befürchtet gar Wettbewerbsverzerrungen: "Wir sprechen hier immerhin von zwei Klubs aus derselben Liga. Da bin ich schon sehr überrascht, das sollte man genau prüfen", sagte der 44-Jährige dem "Kicker". "Was ist, wenn am letzten Spieltag einer von zwei Klubs sein Ziel erreicht hat, und der andere braucht noch einen Punkt, und beide spielen gegeneinander? Hier werden ohne Not Angriffsflächen geschaffen." Nun ist es seriös betrachtet äußerst unwahrscheinlich, dass Leipzig und der SCP tatsächlich konkrete Spielabsprachen treffen. Doch es wäre zweifelsohne ein Eingriff in den Wettbewerb, wenn diverse Paderborner Leihspieler eigentlich bei Rasenballsport unter Vertrag stünden. Die bloße Möglichkeit einer Manipulation ist dem Milliardenspiel Bundesliga nicht zuträglich und verbreitet ein Geschmäckle.

Gefahr, gegen die DFL-Satzung zu verstoßen

Der Sportjurist Paul Lambertz schätzt ein: "Wir bewegen uns hier in einer Grauzone der DFL-Satzung." Das Regelwerk schreibt vor, dass Lizenzvereine und Kapitalgesellschaften weder unmittelbar noch mittelbar an anderen Kapitalgesellschaften der Lizenzligen beteiligt sein dürfen. "Ob damit nur eine gesellschaftsrechtliche Beteiligung oder auch die jetzt bekannt gewordene Zusammenarbeit zwischen zwei Bundesligisten gemeint ist, ergibt sich für mich nicht eindeutig aus dem Regelwerk", sagt Lambertz. Sinn und Zweck der Regel sei, den sportlichen Wettbewerb zu schützen und entsprechend absprechende Vereinbarungen zu vermeiden. "Je größer und umfassender die Zusammenarbeit zwischen den beiden Klubs sein wird, desto größer die Gefahr, dass damit gegen die DFL-Satzung verstoßen wird", so der Düsseldorfer Fachanwalt. Sein Kollege Johannes Arnhold, Experte in juristischen Angelegenheiten rund um RB Leipzig, hingegen bewertet, dass selbst eine Einflussnahme "niemals eine justiziable Größe für den Satzungsgeber DFL sein" könne. "Hierfür ist aus juristischer Sicht einzig eine Mehrfachbeteiligung als Anteilseigner ein Bewertungskriterium. Und die liegt bei einer Kooperation nicht vor."

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Tobias Arenz, Sportphilosoph an der Deutschen Sporthochschule Köln, kann keine ethischen oder Wettbewerbsprobleme ausmachen, wohl aber für die Individuen in diesem Spiel. "Wenn der Fairnessgedanke des Sports den Anspruch bezeichnet, die Offenheit des Wettkampfausgangs zu wahren, dann scheint mir eine engere Zusammenarbeit von Vereinen diesen Gedanken zunächst nicht außer Kraft zu setzen", sagt der 32-Jährige. Doch er betont: "Problematisch wird es dann, wenn die einzelnen Akteure darauf reduziert werden, ein beliebig austauschbares Mittel zu sein, das allein dazu dient, den sportlichen Wert von Vereinen zu steigern. Ein fairer Sport ist nicht nur ein Sport, in dem nicht schon vorher feststeht, wer gewinnt, sondern auch ein Sport, der die unaustauschbare Einmaligkeit jedes und jeder Einzelnen zu schützen gewillt ist." Zum Trend der Filialisierung des Fußballs durch große Konzerne sagt Arenz: "Der Sport selbst muss sich entscheiden, ob er sich scheinbar unbegrenzten Steigerungsphantasien verschreiben will oder nicht. Ein realistischer Blick auf die Dynamiken des Finanzkapitalismus könnte hilfreich sein, um sich nicht nur der Gefahren solcher Fantasien bewusster zu werden, sondern auch den Sinn dafür zu schärfen, was der Sport denn eigentlich sein will, außer einem guten Geschäft."

Die Deutsche Fußball-Liga mag den Sachverhalt aktuell nicht kommentieren. Nach ntv.de-Informationen waren auch die Verbandsbosse in Frankfurt überrascht von der Kooperation und werden nun detailliertere Informationen über deren Ausmaß bei den Klubs anfordern und gegebenenfalls eingreifen, wenn nötig. Und RB Leipzig? Vom Cottaweg aus schauen sie dem Treiben aus der Ferne entspannt zu und schweigen. Es dürfte den Verantwortlichen nicht ganz unlieb sein, dass so weniger über den überraschenden Abgang von Rangnick geschrieben und gesendet wird.

Quelle: n-tv.de

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