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Ronaldo fehlt, aber nicht nur Dummheit ist nicht Reals einziges Problem

Der Moment, in dem für Real alles vorbei war: Lasse Schöne erzielte das vierte Tor für Ajax Amsterdam

Der Moment, in dem für Real alles vorbei war: Lasse Schöne erzielte das vierte Tor für Ajax Amsterdam

(Foto: www.imago-images.de)

Real Madrid scheitert im Achtelfinale der Champions League krachend gegen Ajax Amsterdam - und das nach den zwei Pleiten gegen den FC Barcelona. Den Klub beschäftigt ein ganzes Bündel an Problemen, nicht nur der Verlust von Cristiano Ronaldo.

Real Madrid, das waren mal "die Galaktischen", das "weiße Ballett", die Mannschaft von Alfredo di Stefano, Raúl, David Beckham, Luis Figo, Günther Netzer, Cristiano Ronaldo, zuletzt gewann man dreimal in Folge die Fußball-Champions-League. Real Madrid war die heißeste Nummer, der ruhmreichste Klub des Weltfußballs. Innerhalb einer Woche ist die Historie über dem aktuellen Personal gnadenlos eingestürzt. Zwei Pleiten gegen den ewigen Rivalen FC Barcelona im Pokal und der Liga innerhalb weniger Tage und nun auch noch die bittere 1:4-Heimklatsche gegen Ajax Amsterdam bedeuten, dass das große Real seinem beeindruckenden Briefkopf in dieser Saison keinen weiteren Titel hinzufügen kann. Die Gründe dafür sind vielfältig - und haben nicht alle mit dem Abschied von Superstar Cristiano Ronaldo zu tun, der Madrid im Sommer in Richtung Juventus Turin verließ.

Der Weggang ihres langjährigen Schlüsselspielers ist ein Faktor, der an den Grundfesten Madrider Fußballherrlichkeit rüttelt. In der vergangenen Saison traf der Portugiese in 13 Champions-League-Spielen 15 Mal, im Jahr davor waren es in 13 Partien zwölf Tore - zehn davon ab dem Viertelfinale. Immer, wenn Real in Schwierigkeiten war, war er da. "Natürlich vermissen wir Ronaldo", bekannte der kroatische Weltfußballer Luka Modric jüngst. "Ich werde keinen Namen nennen, aber wir brauchen 20 Tore von zwei oder drei Spielern."

In der Liga steht Real vor demselben Dilemma. Sky-Experte Steffen Freund machte nach dem vorläufigen Ende der Real-Ära in wenigen Sätze gleich mehrere Probleme aus: "Das war nicht mehr der Glanz der letzten Jahre. Auf dem Platz, außerhalb des Platzes. Ramos, der Anführer, der wegen Dummheit gefehlt hat heute. Er hat gedacht, Ajax ist schon vorbei. Das war natürlich ein Fehler. Sie vermissen Ronaldo. Kroos und Modric sind überspielt. Bale und Marcelo haben Probleme mit dem Trainer. Das sind einfach zu viele Probleme, die zusammenkommen."

Kroos und Ramos - die Stützen destabilisieren

Und es stimmt, Sergio Ramos, raubeiniger Abwehrchef der Madrilenen, hatte sich im Hinspiel mit Vorsatz eine Gelbe Karte abgeholt, um das vermeintlich sichere Weiterkommen nach dem 2:1 in Amsterdam gemütlich aus der Loge zu verfolgen. Doch das funktionierte gleich doppelt nicht: Zum einen überführte ihn die Uefa und bestrafte ihn mit einer zusätzlichen Sperre. Zum anderen überrollte Ajax am Dienstagabend die Hintermannschaft des Titelverteidigers, der ihr Anführer ganz offensichtlich schwer fehlte.

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Toni Kroos ist derzeit weiter von seiner Bestform entfernt.

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Wer das Hinspiel gesehen hatte, darf noch einen Schritt weiter gehen: Nicht nur Dummheit war es, was Ramos zu einer absichtlichen Sperre "inspirierte", sondern auch eine gewaltige Portion Überheblichkeit. Zu schmeichelhaft war der Auswärtssieg, zu offensichtlich war das offensive Potenzial von Ajax, als dass sich der Abwehrchef selbst hätte rausnehmen dürfen. Oder wie es Erik ten Haag, der Trainer des Viertelfinalisten, vorausgesagt hatte: "Ramos' Ausfall ist eine offene Wunde für Real, sie werden das spüren." Die Pointe des Abends: "Ramos bedankt" wurde zum musikalischen Dauerbrenner unter den Ajax-Anhängern. Übersetzung unnötig. Klüger als sein Kapitän war Toni Kroos. Der deutsche Mittelfeldspieler sah Ajax "in beiden Spielen besser. Viele Spieler waren nicht auf ihrem Niveau, ich zuvorderst". Kroos, der nicht nur in den spanischen Sportmedien, sondern zuletzt auch vom eigenen Trainer schwer angezählt wurde, hatte die Niederlage mit einem Ballverlust in der siebten Minute eingeleitet.

Bale hat offenbar ein Teamproblem

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Auch Freunds Kritik an Gareth Bale ist berechtigt. Der Stürmer - 2013 als der teuerste Transfer der Welt für 100 Millionen Euro von Tottenham Hotspur nach Madrid gekommen - schoss in dieser Saison der Primera Division erst sieben Tore, in der Champions League traf er sogar erst dreimal. In der Mannschaft gibt es Berichten zufolge sogar Differenzen, Bale gilt als Einzelgänger mit wenig Teamsinn. Mehrfach ist er bereits vor Spielende von der Bank verschwunden, berichtet die "Marca" - zuletzt bei der Liga-Niederlage gegen Barcelona. Vielleicht deswegen lässt Solari ihn nur selten spielen - oder wechselt ihn frühzeitig aus.

Zu wenig Aufmerksamkeit für einen Mann mit Bales Ansprüchen, was auch die Fans so empfinden und den Waliser mittlerweile gnadenlos kritisieren. Zu viel für dessen Berater Jonathan Barnett, der wütend kontert: "Gareth Bale ist einer der besten Spieler der Welt. Die Fans sollten seine Füße küssen." Und bei Sky weiter: "Diese Generation von Real-Fans wird im Laufe der Jahre noch über die Tore von Bale sprechen. Sie sollten sich schämen. Die Art und Weise, wie die Fans ihn behandeln, ist nicht weniger als eine Schande." Tatsächlich fällt Bale in dieser Saison allerdings eher durch Transfergerüchte denn durch Wundertaten auf dem Rasen auf. Interessiert sein sollen etwa Manchester United, der FC Chelsea oder sein Ex-Klub Tottenham Hotspur. Doch kann überhaupt jemand dessen Gehalt zahlen, das bei drei Millionen Euro pro Monat liegen soll? Barnett sagte: "Keiner kann ihn sich leisten."

Vinicius Junior ist noch nicht so weit

Einer, der die Ronaldo-Lücke füllen soll, ist Vinicius Junior. Und keine Frage, der junge Brasilianer ist ein Juwel, das bewies er erst bei der zweiten der jüngsten Clasico-Niederlagen. Sechsmal schoss er auf das Tor von Barcelona-Torhüter Marc-André ter Stegen, sechsmal flankte er und beschwor immerhin drei Torchancen der Mitspieler hinauf. Aber mit einem Tor in der Meisterschaft ist der 18-Jährige natürlich noch meilenweit von der punktebringenden Effizienz seines brillanten Vorgängers in der Real-Offensive entfernt. Gegen Ajax musste Vinicius den Platz schon nach gut einer halben Stunde verletzt und unter Tränen verlassen, da stand es schon 2:0 für die Gäste. Marco Asensio, der für das Supertalent in die Partie kam, erzielte zwar den einzigen Real-Treffer des Abends, der Linksaußen bleibt mit einem Treffer in der Liga und immerhin zwei Toren in der Champions League aber gnadenlos hinter den Erwartungen zurück. Mittelstürmer Karim Benzema gehört inzwischen ohnehin zur "Generation Ronaldo", wird trotz elf Liga-Toren wohl eher kein Teil der Real-Zukunft sein.

Solari will nicht kündigen

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Santiago Solari ist ratlos.

(Foto: REUTERS)

Zinedine Zidane, der Trainer, der Real zu drei Champions-League-Erfolgen in Serie geführt hatte, verließ den Klub vor der laufenden Saison. Dem französischen Genie dürfte nicht entgangen sein, dass sich seine Truppe damals auf dem Zenit befunden hatte, den Umbruch wollte er wohl in andere Hände legen. Der Nachfolger Julen Lopetegui, unmittelbar vor dem Beginn der Weltmeisterschaft in Russland verpflichtet und infolge dessen sofort als spanischer Nationaltrainer abgelöst, scheiterte krachend und musste schon während der Hinrunde gehen.

Zidanes-Nach-Nachfolger Santiago Solari möchte nach dieser königlichen Horrorwoche übrigens keine persönlichen Konsequenzen ziehen: "Ich bin nicht hierhergekommen und habe den Klub in einer schwierigen Phase übernommen, um aufzugeben", sagte der 42-Jährige. "Es stimmt, der Rückstand ist groß. Aber wir müssen damit professionell umgehen. Real Madrid kommt immer zurück, Real Madrid ist größer als wir alle, als die Spieler, die Trainer. Wir kommen immer zurück." Ob Solari, der angetreten war, den überfälligen Umbruch im so erfolgreichen, aber wohl auch satt gewordenen Real-Kader einzuleiten, dabei helfen darf, die Königlichen schnell zum einstigen Glanz zurück zu führen, ist seit Dienstagabend fraglicher denn je.

Quelle: n-tv.de

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