Fußball

Kehl und Favre urteilen hart Ein Auftritt, der den BVB erschüttert

Zum Start in die Champions League wird Borussia Dortmund heftig ernüchtert. Bei Lazio Rom liefert die Mannschaft eine erschreckend schwache Leistung ab. Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, findet nach dem Spiel deutliche Worte.

Es ist ungewohnt ruhig in Rom, richtig gemütlich an einem herrlichen Herbsttag, an dem die Sonne über der italienischen Hauptstadt noch einmal ihre warme Kraft entfaltet. An der spanischen Treppe und am Trevibrunnen, wo sich sonst tausende Touristen gegenseitig auf den Füßen stehen, kann der Besucher flanieren und problemlos alle Abstandsregeln einhalten, die durch das Coronavirus notwendig geworden sind. Auch in Rom schnellt die Zahl der Infizierten sprunghaft nach oben, im Parlament wurden zuletzt 20 Mitarbeiter positiv auf jenes Virus getestet, das den Alltag aller Menschen nachhaltig verändert hat.

Im Bus Nummer 280 auf dem Weg zum Olympiastadion ist ebenfalls nicht viel los. Normalerweise hätten die Fans von Lazio die Rückkehr ihres Vereins in die Champions League wie ein Hochamt zelebriert und hektische Betriebsamkeit verbreitet, nun müssen sie zuhause bleiben. Im weiten Rund, in dem Franz Beckenbauer vor 30 Jahren nach dem WM-Titel einsam durch den Mittelkreis lustwandelte, hallen die Rufe der wenigen hundert Zeugen, die für das Spiel gegen Borussia Dortmund Einlass gefunden haben.

Lazio Rom - Borussia Dortmund 3:1 (2:0)

Lazio Rom: Strakosha - Patric, Luis Felipe (51. Hoedt), Acerbi - Lucas Leiva - Marusic, Milinkovic-Savic (67. Akpa Akpro), Luis Alberto (80. Parolo), Fares - Correa (67. Muriqi), Immobile (81. Caicedo). - Trainer: Inzaghi
Dortmund: Hitz - Piszczek (65. Brandt), Hummels, Delaney - Meunier, Bellingham (46. Reyna), Witsel, Guerreiro - Sancho, Reus (78. Reinier) - Haaland. - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Clement Turpin (Frankreich)
Tore: 1:0 Immobile (6.), 2:0 Hitz (23., Eigentor), 2:1 Haaland (71.), 3:1 Akpa Akpro (76.)
Zuschauer: 1000
Gelbe Karten: Luis Alberto, Strakosha - Reyna

Die Kulisse ist trist, das ist nicht der Festakt, den diese Begegnung verdient gehabt hätte. Aber die Spiele müssen ja weitergehen, um das Multi-Millionengeschäft der Königsklasse am Leben zu erhalten. Die Gastgeber durften zufrieden sein, weil sie bei ihrem Champions-League-Comeback nach 13-jähriger Abstinenz eine überzeugende Vorstellung boten und das Spiel überaus verdient mit 3:1 gewannen. Dagegen erwischte der BVB einen ganz schwachen Abend und hinterließ wieder einmal viele ratlose Gesichter.

Vor allem mit einem Spieler des Gegners hatten die Dortmunder ihre liebe Mühe: Ciro Immobile, bei dem das Aufeinandertreffen mit seinem Ex-Klub für jede Menge Genugtuung gesorgt haben dürfte. Während seiner Dortmunder Zeit fühlte sich der Torjäger nicht richtig angenommen, im Ruhrgebiet vermisste er die italienische Herzenswärme und Gastfreundschaft, worüber er sich in der Heimat bitterlich beschwerte. In Rom blühte der Stürmer förmlich auf, in der vergangenen Saison wurde er mit 36 Treffern in 37 Partien mit dem Goldenen Schuh ausgezeichnet, den Europas erfolgreichster Torjäger verliehen bekommt. Nun zeigte der 30-Jährige seinem Ex-Arbeitgeber, wie Stürmer erfolgreich agieren. Dabei hatte Mats Hummels vor dem Spiel noch bekundet, diesen Mann müsse die neuformierte Dreierkette im Verbund stoppen.

Hinten schwach, vorne schwach

So weit die Theorie, in der Praxis bekam die Dortmunder Hintermannschaft den quirligen Gegenspieler nie in den Griff. Immobile hätte noch mehr persönliche Erfolge feiern können als sein Tor zur frühen Führung. Die Defensive des BVB war in dieser noch jungen Spielzeit in vier ihrer fünf Pflichtspiele ohne Gegentor geblieben, auf gehobenem europäischen Niveau bekam sie jedoch deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Doch das Fazit, in Rom gewogen und für zu leicht befunden worden zu sein, galt nicht nur für die Defensive, sondern auch für die mit Topspielern gespickte Offensive, die sich mit Ausnahme von Mittelstürmer Erling Haaland erschreckend harmlos präsentierte. So wenig Willen, so wenig Ausstrahlung, wenn sich in den kommenden Wochen nichts Signifikantes ereignet, wird der BVB in der Königsklasse kläglich scheitern.

Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, fand deutliche Worte für den erschreckend blutleeren Kick einer Mannschaft, die sich ohne Gegenwehr in die Niederlage fügte. Der ehemalige Profi sprach von einer "desolaten Leistung in der ersten Halbzeit. So darf man sich nicht einmal ansatzweise präsentieren." Diese Analyse war ebenso schonungslos wie zutreffend. Was für die ganze Borussia im Allgemeinen galt, stimmte bei Thomas Meunier ganz besonders. Der Belgier erwischte einen rabenschwarzen Tag, war an zwei Gegentreffern beteiligt und vergab auch noch eine riesige Möglichkeit kläglich aus kurzer Entfernung. Insgesamt zählten die Statistiker beim aus Paris gekommenen Profi 19 Fehlpässe, eine exorbitante Quote, die selbst in der Kreisklasse nicht alltäglich ist.

"Das ist ein Kampf, und da müssen alle da sein"

Über einzelne Spieler mochte Trainer Lucien Favre allerdings nicht sprechen, als er die 90 Minuten beurteilte. Sein Ensemble sei "nicht gut bei der Balleroberung" gewesen, monierte der Schweizer. Als weiteres Manko kam hinzu, "dass wir zu spät in den Zweikämpfen sind. Das fängt vorne an und setzt sich über das Mittelfeld nach hinten fort. Das ist ein Kampf, und da müssen alle da sein."

Es fällt auf, dass die mit Edeltechnikern bestückte Dortmunder Mannschaft immer dann Probleme bekommt, wenn es darum geht, einem aggressiv und physisch auftretenden Gegner Paroli zu bieten. In Rom sah Favre "zu wenig Gegenwehr, zu wenig Zweikämpfe. Du musst laufen, aber wir haben das nicht gut gemacht." Ganz klar, der Auftritt in der Ewigen Stadt war ein erneuter Rückschlag für ein Team, das weiter auf der Suche nach einer Konstanz ist, die ihrem Talent entspricht. Am Samstag spielt der FC Schalke 04 in Dortmund vor, sollte es im Revierderby keinen überzeugenden Sieg geben, dürfte das Klima für Favre im beginnenden Herbst deutlich rauer werden.

Quelle: ntv.de