Fußball

Schon wieder ist Löw enttäuscht Ein Fußballspiel, das niemandem weiterhilft

Neue Mannschaft, alte Probleme: Beim Testspiel gegen die Türkei bringt auch Joachim Löws zweite Garde drei Führungen nicht über die Zeit. Der Bundestrainer ist nicht nur "enttäuscht", sondern "angefressen" und benennt eine überraschend lange Mängelliste.

Joachim Löw war nicht nur wütend. Ein paar schöne Momente, auch wenn es nur wenige waren, hatte er an diesem Mittwochabend beim Testspiel seiner deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Türkei (3:3) schon auch erlebt. Für einen hatte Florian Neuhaus gesorgt. Das ist ein Mann, der zuvor noch nie für das A-Team seines Landes gespielt hatte, dies aber in Zukunft womöglich deutlich häufiger tun wird. Denn dieser Florian Neuhaus, ein zentraler Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach, hatte "ein gutes Debüt gemacht", wie Löw schließlich fand. "Er hatte viele gute Aktionen, vor allem auch beim Tor, da hat er superschön in die Ecke geschlenzt."

Deutschland - Türkei 3:3 (1:0)

Deutschland: Leno - Can, Koch, Rüdiger (59. Tah) - Henrichs, Neuhaus (79. Dahoud), Brandt (86. Stark), Schulz (70. Gosens) - Havertz (90. Amiri), Waldschmidt, Draxler (59. Hofmann). - Trainer: Löw
Türkei: Günok - Sangare, Demiral, Ayhan (76. Kabak), Kaldirim - Tufan, Okay (63. Karaman) - Karaca (70. Tekdemir), Yazici (46. Toköz), Kilinc (46. Cengiz Ünder) - Enes Ünal (85. Ömür). - Trainer: Günes
Schiedsrichter: Benoit Bastien (Frankreich)
Tore: 1:0 Draxler (45.+1), 1:1 Tufan (50.), 2:1 Neuhaus (58.), 2:2 Karaca (67.), 3:2 Waldschmidt (81.), 3:3 Karaman (90.+4)
Zuschauer in Köln: 300
Gelbe Karten: Rüdiger, Draxler, Can - Cengiz Ünder

Neuhaus hatte das zwischenzeitliche 2:1 erzielt. Es war die zweite Führung für seine Mannschaft. Für die erste hatte Julian Draxler, ebenfalls superschön (dieses Mal leider kein O-Ton vom Bundestrainer), gesorgt. Kurz vor der Pause hatte er das 1:0 für Deutschland erlupft. Tatsächlich gab es später, in der 81. Minute, noch eine dritte Führung. Für diese war Luca Waldschmidt verantwortlich. Der hat auch noch nicht allzu oft für Deutschlands wichtigste Mannschaft gespielt, deswegen wunderte sich vermutlich auch niemand, dass das 3:2 sein Premierentreffer war. Worüber sich derweil deutlich mehr Beobachter wunderten: Wieder einmal hatte die Auswahl von Löw eine Führung nicht gerettet.

Das Mentalitätsthema erreicht DFB-Team

Und es ist ja nicht so, als wäre das dem Bundestrainer, der ja so oft die Entwicklung des Teams über die Ergebnisse stellt, nicht schon vor dem Spiel in Köln gehörig auf den Senkel gegangen. "Wir müssen reden", hatte er noch am Dienstag gesagt: "Wir haben zu oft Führungen abgegeben, wir bringen uns um den Lohn unserer Arbeit." Und nach diesem bitteren Déjà-vu, trotz aller Warnungen und Mahnungen, brach es nun aus dem 60-Jährigen heraus. "Ich bin enttäuscht und angefressen", gestand er. Seine aus Rücksicht (auf die Belastungen der Corona-Saison) und Verlegenheit (Absagen und Verletzungen) zusammengestellte Auswahl wollte er indes nicht zu hart verurteilen. "Dieser Mannschaft, die nie so zusammengespielt hat, kann man keinen Vorwurf machen. Das ist mit den anderen Spielern auch schon passiert."

Ohne tiefergehende Analyse wollte er dieses Fußballspiel, das eigentlich niemandem weitergeholfen hat, allerdings nicht auf den Ablagestapel packen. Und so benannte er in aller Deutlichkeit eine überraschend lange Mängelliste. "Da geht es um Verlust der Spielkontrolle, Chancenverwertung, einfache Ballverluste in Zonen, in denen man nicht immer quer spielen muss. Auch bei der Organisation nach Ballverlust haben wir offene Positionen, die der Gegner bespielen kann", fand Löw. "Bei der Zuordnung müssen wir sagen: Im Sechzehner ist Mann gegen Mann, da gibt es keine Raumdeckung. Auch Konzentration und Mentalität spielen eine Rolle."

Rüdiger und Schulz fehlt die Form

Natürlich war dieser B- oder gar C-Formation anzusehen, dass es sich um eine improvisierte Lösung handelte. Einige Protagonisten wie der Dortmunder Nico Schulz oder aber Antonio Rüdiger vom FC Chelsea waren ohne Spielpraxis in ihren Klubs angereist. Gegen die bisweilen mutig und munter spielenden Türken fehlten ihnen immer wieder Timing in eigenen Aktionen und Abstimmung mit den Mitspielern. Aber sei's nun drum. Diese Mannschaft wird so ja nicht und nie mehr zusammenspielen. Schon am Samstag nicht, wenn es in der Nations League nach Kiew geht, gegen die Ukraine (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei ntv.de), die am Mittwoch (Corona-geschwächt) in Frankreich ordentlich paniert wurde.

Ob Löw beim nächsten Versuch, endlich den ersten Sieg in diesem Wettbewerb einzufahren, Spieler vom Mittwochabend für seine erste Elf berücksichtigt? Womöglich wird das zwingend nötig, denn mit Timo Werner (grippeähnliche Symptome) und Toni Kroos (Probleme am Gesäßmuskel) drohen zwei gesetzte Spieler auszufallen oder nicht gänzlich fit zu sein. Kai Havertz, der neue deutsche 100-Millionen-Euro-Mann, könnte einspringen. Gegen die Türkei war er zwar nur selten auffällig, bereitete aber zwei Tore, das von Draxler sogar sehr sehenswert. Und sonst so? Die "Julians" (Anmerk. d. Red.: Brandt und Draxler) deuteten immer wieder an, warum man ihnen so gerne beim Fußballspielen zusieht. Sie zeigten aber auch immer wieder, warum man bisweilen an ihnen verzweifelt. Denn in ihre hochfeine Kunst am Ball mischten sich immer wieder unnötige Schlampigkeiten. Eine stets sichere Nummer ist dagegen Emre Can. Mit seiner Robustheit gibt er dem deutschen Spiel etwas Exklusives.

Und womöglich überrascht Löw gegen die Ukraine ja wieder mit Neuhaus. Der hatte an diesem irgendwie dann doch frustrierenden Mittwochabend schließlich für ein paar schöne Momente - und auch für einen erfolgreichen gesorgt. Diesen (einen erfolgreichen nach 90 Minuten) braucht nun auch der Bundestrainer dringend. Denn er spürt mittlerweile auch gewaltig den Druck. "Jetzt gibt's nur einen Weg: punkten und punkten!", hatte DFB-Boss Fritz Keller Anfang dieser Woche vor dem DFB-Dreiakter gesagt. "Wir können es uns nicht leisten, abzusteigen."

Quelle: ntv.de

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