Fußball

Warum Baumgart zum FC Köln passt Ein Malocher rettet den Karnevalsverein

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Feuer an der Seitenlinie: Steffen Baumgart soll den FC Köln wieder nach vorne peitschen.

(Foto: Kevin Voigt/Jan Huebner/Pool)

Trotz des drohenden Abstiegs darf der FC Köln jubeln: Mit der Verpflichtung Steffen Baumgarts holt man wohl endlich die richtige Trainer-Type an den Rhein. Denn der Coach könnte mit seiner Malocher-Art jeglichen Karnevals-Zirkus im Keim ersticken.

Der Effzeh ist "widder do". So jubelte man beim 1. FC Köln, als 2019 der Aufstieg ins Oberhaus gelang. Wieder einmal. Denn die Berg- und Talfahrt beim Traditionsverein droht kein Ende zu nehmen und der zur neuen Saison verpflichtete Trainer Steffen Baumgart könnte sich in seiner ersten Spielzeit um den siebten Bundesliga-Aufstieg nach 2000, 2003, 2005, 2008, 2014 und eben 2019 bemühen müssen. Doch egal, ob der Effzeh in der nächsten Saison in der ersten oder zweiten Liga kickt - mit der Verpflichtung des Paderborner Coaches ist dem Klub möglicherweise endlich der richtige Coup gelungen.

Allein vier Trainer hat Köln seit dem letzten Aufstieg verschlissen. 13 sind es in den vergangenen 10 Jahren. Kontinuität sieht anders aus - aber ein Charakter wie Baumgart könnte endlich wieder einmal für Ruhe im Verein sorgen, bei dem es historisch immer viel zu bunt läuft und zu viele Nebenkriegsschauplätze gibt. Egal, ob im Unter- oder Oberhaus. Auch die rheinische Regenbogenpresse dürfte dem medienwirksamen Trainer wohlgesonnen sein.

Natürlich ist der potenzielle Abstieg für den FC Köln nicht nur das tägliche grüßende Murmeltier, sondern auch eine große (wirtschaftliche) Gefahr, ehemaligen Ambitionen so ganz und gar nicht mehr gerecht zu werden. Zwar sind die Stadt und der Verein in den vergangenen Jahren realistischer geworden und sprechen nach zwei Siegen nicht gleich von der Champions League - aber Baumgarts Aufgabe wird es auch sein, dem Traditionsklub aus dem Rheinland ein gesundes Mittelmaß an Aspirationen und einen wirklichkeitsgetreuen Weg einzuimpfen. Doch wem könnte das besser gelingen als dem letzten Malocher-Trainer des Profifußballs?

Baumgart wird den SC Paderborn nach vier Jahren am Saisonende verlassen und erhält nun ein Arbeitspapier beim Effzeh bis 2023. Der Coach übernahm die Ostwestfalen im April 2017 in einer komplizierten Situation in der 3. Liga, konnte den Abwärtstrend aber zunächst nicht stoppen und stieg mit dem SCP in die Regionalliga ab - eigentlich. Denn Baumgarts Team profitierte davon, dass der TSV 1860 München die Liga-Zulassung nicht bekam, und blieb der 3. Liga erhalten. Daraufhin startete der Trainer seine Erfolgsgeschichte und führte den Verein innerhalb von zwei Jahren erst in die 2. Liga und dann per Durchmarsch direkt zurück in die Bundesliga.

Baumgart und Köln leben Fußball

Im Oberhaus sorgte der SCP dann mit äußerst couragierten Auftritten für ordentlich Furore. Denn Baumgart dachte gar nicht daran, seine Mannschaft wie ein kleines Aufsteiger-Mäuschen spielen zu lassen. Druckvoll, offensiv und engagiert setzten die Ostwestfalen sogar die ganz Großen gehörig unter Druck. Der FC Bayern (einmal unter Niko Kovac, einmal unter Hansi Flick) konnte in beiden Duellen nur geradeso mit 3:2 gewinnen, RB Leipzig trotzte der SCP sogar ein Unentschieden ab. Und dann war da noch der grandiose Auftritt beim BVB im ausverkauften Signal Iduna Park im November 2019: Zur Halbzeit führte der freche Aufsteiger vor gut 81.000 Zuschauern mit 3:0 (!!!). Erst durch zwei ganz späte Tore gelang es den Dortmundern noch, ein schmeichelhaftes Unentschieden zu erringen.

Zwar folgte der sofortige Wiederabstieg, aber dem Gedächtnis der Bundesliga bleiben die Malocher-Auftritte Baumgarts an der Seitenlinie in Erinnerung. Immer lautstark und wild gestikulierend, oft hatte der Trainer bei den Interviews nach dem Spiel gar keine Stimme mehr. Und wenn ihm etwas nicht passte, dann sagte er das auch. So eine Type gibt es in der Bundesliga-Trainerriege eigentlich gar nicht mehr, zu sehr sind die Spielleiter heute auf ihr öffentliches Bild bedacht. Aber Baumgart posaunte gerne mal darauf los: "Ich werde allen versprechen, dass ich nicht die Schnauze halte, wenn ich das Gefühl habe, es war ein Fehlverhalten der Schiedsrichter. Dann werde ich was dazu sagen", schimpfte er etwa, als er Anfang 2020 mal wieder mit einer Gelben Karte am Spielfeldrand verwarnt wurde. "Viel schlimmer ist, dass immer gleich dieses Wort 'Respekt' kommt. Ich habe vor jedem Schiedsrichter Respekt, ich erwarte es aber von beiden Seiten." Als ehrlicher Typ gab der Trainer aber auch zu, wenn er mal zu emotional ausgeholt hatte und hatte kein Problem damit, sich zu entschuldigen.

In der Rheinmetropole lechzt man schon länger nach einer Trainer-Type - Markus Anfang, Achim Beierlorzer oder Markus Gisdol - sie alle waren das nicht. Wer Baumgart einmal an der Seitenlinie gesehen hat, weiß, dass der emotionale Trainer nicht der einfachste Mensch der Welt sein dürfte, aber wohl jeden Fußballer und Fan mitreißen kann. Der Coach lebt Fußball. So wie die Domstadt Fußball lebt. Er weiß mit wenigen (finanziellen, spielerischen) Mitteln viel anzustellen. Darüber hinaus lässt er einen mutigen Fußball spielen, für den die leidenschaftlichen Kölner Anhänger ihn lieben werden. Hier könnte frei nach Willy Brandt zusammenwachsen, was zusammengehört.

Karneval-Zirkus hat kein Platz mehr

In der Erinnerung bleibt auch Baumgarts Wutrede für die Ewigkeit nach der im Februar verlorenen Partie im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund: Der Zweitligist hatte auf dramatische Art und Weise einen 0:2-Rückstand gegen den Champions-League-Verein aufgeholt, um dann durch eine strittige VAR-Entscheidung den 3:2-Todesstoß zu kassieren. Erling Haaland stand dabei zwar im Abseits, aber ein SCP-Spieler soll den Ball vor dem Zuspiel auf den Norweger noch minimal berührt haben. "Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken und dann eine Entscheidung zu treffen. Das ist respektvoller Umgang mit dem Gegner und nicht mit den Kleinen, denen wir wieder in den Arsch getreten haben", wetterte Baumgart nach dem Spiel.

Steffen Baumgart ist zu ehrlich, zu sehr Fußball-Malocher für jeglichen Karneval-Zirkus, der Köln in der Vergangenheit oft dominiert und von innen heraus zerstört hat. Der neue Trainer in der Domstadt könnte dem Effzeh mal wieder Kontinuität an der Seitenlinie und damit auch einen einheitlichen und erfolgreichen Spielstil bescheren. Es bleibt nur die Frage, ob in 2. Liga oder in der Bundesliga. So bitter der Gang ins Unterhaus wäre, einen besseren Trainer für die Zukunft hätten sich die seit Jahren strauchelnden Kölner nicht wünschen können: Und mit Aufstiegen kennen sich Verein und Baumgart ja beide ganz gut aus.

Quelle: ntv.de

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