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Redelings gedenkt Burgsmüller Ein Schlitzohr, das die Fans liebten

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Manfred Burgsmüller war mal "Retter", mal "Schlitzohr".

(Foto: imago images / Schüler)

Einer der beliebtesten Bundesliga-Spieler aller Zeiten ist tot: Manfred Burgsmüller. Seine eigenwillige Art machte den Torjäger bekannt. Am ehemaligen Werderaner und Dortmunder kam kein Fußballfan in den 70er- und 80er-Jahren vorbei. Seine Schlitzohrigkeit ist legendär.

Schalkes Zeugwart Hans Simon rieb sich die Augen. Vor ihm in der Kabine von Werder Bremen saß Manni Burgsmüller ganz versunken in eine sehr spezielle Tätigkeit: "Ich sah, wie Manni seine Schuhe mit unzähligen Flicken drauf im warmen Wasser fast eine halbe Stunde zärtlich durchknetete und knautschte – bis sie wieder in Passform waren." So war er, der Manni Burgsmüller, ein eigenwilliger Kauz, den die Leute genau deshalb so sehr liebten. Keiner, den man in eine Schublade packen konnte, weil er in keine hinein passte. Der "Kicker" nannte Manfred Burgsmüller einmal einen "Retter", "Rebell", "Kunstschützen", "Heckenschützen" und "Schlitzohr": "Einer, der alle Schliche auf dem Fußballplatz, aber auch hinter den Kulissen kennt."

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Mit seiner verrückten Art eckte Manni Burgsmüller aber auch das eine oder andere Mal böse an. Kein Trainer war vor ihm sicher. Das wussten die Übungsleiter – und fürchteten den gebürtigen Essener deshalb zu Recht. Burgsmüller: "Ein Trainer muss sehen, dass er mit mir klarkommt. Die meisten sind dabei gut gefahren." In der Saison 1983/84 klappte das beim Club in Nürnberg allerdings nicht ganz so gut. Nacheinander versuchten Udo Klug, Rudolf Kröner und Heinz Höher die Mannschaft auf Trab zu bringen. Immer sehr intensiv, wie Manni Burgsmüller sich einmal mit einem Augenzwinkern erinnerte: "Wir haben vier Saisonvorbereitungen in einem Jahr gemacht. Mit zwanzig 800-Meter-Läufen hintereinander." Das große Ziel Klassenerhalt wurde trotz alledem nicht erreicht. Abgeschlagen wurde der Club Letzter. Und Burgsmüller wusste auch ganz genau, warum das nicht hatte funktionieren können: "Was bringt dir im Spiel die große Pumpe, wenn du unterwegs den Ball vergisst!"

"Wenn der mir eine gescheuert hätte ..."

Der Mann, der mit seinen 213 Bundesliga-Treffern noch immer auf Platz vier der ewigen Bestenliste steht, trat einmal zum Strafstoß an – und setzte den Ball neben den Kasten. Hinterher machte Burgsmüller eine erstaunliche Aussage: "Ich habe heute einen Elfmeter verschossen. Würden mir Tore etwas bedeuten, wäre ich viel konzentrierter zu Werke gegangen." Doch die Journalisten vor Ort wollten ihm diese Sätze nicht abnehmen. Viel mehr vermuteten die Männer von der Presse, dass sich Burgsmüller so fürchterlich über sein Missgeschick geärgert hatte, dass er es selbst im Nachhinein kleinreden wollte. Denn eigentlich gab es für Manni Burgsmüller stets nur eine Richtung: Der Ball musste ins Tor – egal wie.

Und so ist auch einer der bis heute kuriosesten Bundesligatreffer aller Zeiten entstanden. Ein Tor, über das die Leute immer noch vergnügt lachen. Burgsmüller erzielte den Treffer am 28. Spieltag der Saison 1985/86 bei der Partie SV Werder Bremen gegen den 1. FC Kaiserslautern. Der damalige Werder-Stürmer schilderte den Treffer in der 55. Minute einmal so: "Der Ehrmann hält den Ball, ich liege so neben dem Tor, rappel mich auf und will zur Mitte. Da seh ich, wie der Gerry vor sich hinpennt. Ich geh zu ihm hin und schubse dem mit der Hand die Pille aus dem Arm. Fällt der Ball auf den Boden und ich schieb ihn rein." Der Lauterer Torwart war damals natürlich alles andere als erfreut und drohte Burgsmüller mit der Faust. Burgsmüller: "Der Ehrmann machte ja Bodybuilding und konnte kaum laufen vor Kraft. Wenn der mir eine gescheuert hätte …" Es wäre wohl verdient gewesen! Denn Burgsmüller flüsterte dem erregten Keeper noch ins Ohr: "Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift." Dann ging er schnell flitzen!

Rehhagel griff für Burgsmüller zum Schlapphut

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Burgsmüller mit seinem Bremen-Trainer Rehhagel.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Seine letzten Jahre zwischen 1985 und 1990 in Bremen waren sportlich die erfolgreichsten. Eigentlich wäre Burgsmüller damals vom Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen zurück zum BVB gewechselt, doch dann erinnerte sich ein anderer gebürtiger Essener an ihn – Werder-Trainer Otto Rehhagel: "Mit Bart und Schlapphut verkleidet bin ich nach Oberhausen gefahren, hab mich auf einen Stehplatz gestellt. Die Fans neben mir schwärmten von Manni. Der war körperlich noch hundertprozentig drauf. Dazu diese Leichtfüßigkeit, die Spielintelligenz. Frau Burgsmüller ist damals vom Hocker gefallen, doch dem Manni habe ich etwas geschenkt, das ist einmalig. Der wollte aufhören und wurde zwei Jahre später Deutscher Meister. Sein erster Titel."

Und auch im Europapokal konnte Manni Burgsmüller im hohen Fußballeralter noch einmal spielen. Legendär ist bis heute die Partie vom 11. Oktober 1988. Dynamo Berlin hatte das Hinspiel 3:0 gewonnen. Vor dem Rückspiel im Landesmeistercup trommelte Manni Burgsmüller mit voller Wucht gegen die Kabinentür von Dynamo und brüllte: "Kommt raus, ihr feigen Schweine!". Anschließend gingen die Berliner in einem unvergesslichen Spiel in Bremen mit 5:0 unter. Und den (vor-)entscheidenden Treffer zum 4:0 in der 70. Minute schoss natürlich und höchstpersönlich: Manfred Burgsmüller.

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Spätberufen für American Football.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Am vergangenen Samstag ist im Alter von 69 Jahren einer der beliebtesten Fußballer der Bundesligageschichte verstorben. 1986 schrieb der "Kicker" über den damals 36-Jährigen: "Ein gestandenes Mannsbild, obwohl er oft noch wie ein großer, ungebärdiger Junge wirkt". Fußballfans aller Vereine rieben sich an diesem echten Typen. Ein Original, wie es sie auch in der langen Bundesligageschichte nur selten gab. Als Manfred Burgsmüller auch mit über 50 Jahren American Football spielte, fragte ihn ein Journalist, warum er sich dies noch antue. Und Manni Burgsmüller antwortete: "Ruhe habe ich noch genug, wenn ich einmal nicht mehr auf dieser schönen Erde weile." Ruhe in Frieden, lieber Manni. Wir werden dich vermissen. Glück auf!

Quelle: n-tv.de

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