Fußball

Pokal-Spektakel im Schnellcheck Ein ziemlich falscher Elfmeter

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Robert Lewandowski erlebte mit seinem FC Bayern keine Bruchlandung, sondern segelte ins Finale des DFB-Pokals.

(Foto: imago images / foto2press)

Ein Pokal-Spektakel, das eigentlich eine Verlängerung verdient gehabt hätte, wird in einem vorgezogenen, auf einen Schuss verkürzten Elfmeterschießen entschieden. Das ist nicht nur für Werder Bremen bitter, das dieses Fußballspiel zu einem besonderen gemacht hat.

Was ist im Weserstadion in Bremen passiert?

Der FC Bayern hat DFB-Pokal-Geschichte geschrieben – und das im Halbfinale. Nach 31 Jahren (und 37 Spielen) hat er dem SV Werder Bremen mal wieder eine Heimniederlage zugefügt. Da halfen auch das Flutlicht, die Atmosphäre, die Blitzgesundung von Hoffnungsträger Max Kruse und der Blitz-Doppelpack von Yuya Osako und Milot Rashica nichts. Niko Kovac hatte vor der zweiten Begegnung der beiden Teams innerhalb weniger Tage orakelt, die Pokalpartie werde "ein anderes Spiel als in der Liga" – und hat wenig überraschend recht behalten. Ging Werder am Wochenende in München buchstäblich chancenlos vom Platz, lieferten die Norddeutschen diesmal auch offensiv eine begeisternde Vorstellung ab. Das Ergebnis war ein anderes,  das Resultat war am Ende freilich dasselbe: Bayern gewinnt 3:2 unter bizarren Umständen.

Hier geht es zum Spielbericht.

Teams & Tore

Werder Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson - Möhwald, Klaassen - Maximilian Eggestein, Kruse, Osako - Rashica. - Trainer: Kohfeldt
Bayern München: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng, Hummels, Alaba - Martinez, Thiago - Gnabry, Thomas Müller, Coman - Lewandowski. - Trainer: Kovac
Tore: 0:1 Lewandowski (36.), 0:2 Müller (63.), 1:2 Osako (76.), 2:2 Rashica (77.), 2:3 Lewandowski (80., FE)
Gelbe Karten: Klaassen (24.), Kruse (84.) - Hummels (26.), James (84.), Lewandowski (90.+3)
Schiedsrichter: Daniel Siebert
Zuschauer: 42.100

Das Staffel-Finale der "Werder-Heimserie"* im Spielfilm:

10. Minute: Wenn Thomas Müller noch der Thomas Müller von früher gewesen, hätte es jetzt 1:0 für die Bayern gestanden. Eine flache Hereingabe will der Raumdeuter a.D. per Hacke brasilianisch ins lange Eck zaubern. Klappt nicht.

16. Minute: Der Stürmer bekommt die nächste flache Hereingabe auf den Fuß und möchte sie mit der Innenseite versenken. Alles schon tausendfach gelungen. Diesmal nicht, weil ein Bremer Abwehrbein dazwischen ist.

23. Minute: Davy Klaassen, am Wochenende in der Bundesligabegegnung der Unglückliche, der den Niklas-Süle-Schuss unhaltbar zum 0:1 abgefälscht hatte, setzt eine Direktabnahme aus wenigen Metern sensationell unknapp übers Tor. Werder ist trotzdem spätestens jetzt im Halbfinale angekommen.

36. Minute: TOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 0:1, LEWANDOWSKI: Jérôme Boateng beckenbauert einen gaaaaanz langen Ball irgendwo in den Strafraum, Müller steht da, von wo aus nur der Müller von früher für Gefahr sorgen kann, köpft den Ball physikalisch fragwürdig von der Torauslinie an den entfernten Innenpfosten und hebelt damit die komplette Bremer Abwehr aus. Robert Lewandowski steht dann wiederum da, wo Robert Lewandowski stehen muss und drückt den Ball über die Linie. 1:0 Bayern.

45. Minute: "Wir müssen in die Halbzeit", ruft Werder-Coach Florian Kohfeldt aufgeregt aufs Spielfeld. Wir schauen im Regelbuch des DFB nach und stellen fest: Stimmt.

49. Minute: Werder kommt dynamisch aus der Kabine, Klaassen flankt, Kevin Möhwald köpft – aber Sven Ulreich fängt. Den hätte auch Manuel Neuer gehalten, trotz Wadenblessur.

57. Minute: Serge Gnabry muss raus, Goretzka kommt. Was schade ist, denn jetzt kann niemand mehr sagen "ausgerechnet Gnabry". Letzte Hoffnung: Claudio Pizarro. Oder wie er in Bremen genannt wird: "Der junge Peruaner". Oder halt "ausgerechnet Pizarro".

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Thomas Müller und Niklas Moisander sind sich in der Bewertung des Spiels nicht ganz einig.

(Foto: imago images / Revierfoto)

63. Minute: TOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 0:2, MÜLLER! Müller ist doch noch Müller. Ein bisschen Thomas, ein bisschen Gerd. Verunglückter Abschluss von Leon Goretzka, Müller steht gerdmüllerhaft richtig und versenkt technisch ansprechend in einer fließenden Bewegung. 2:0 für den FC Bayern.

74. Minute: TOOOOOOR FÜR WERDER BREMEN - 1:2, YUYA OSAKO! Milot Rashica "macht wieder etwas, das man nicht voraussehen kann", sagt Tom Bartels in der ARD. In diesem Falle: eine starke Hereingabe auf Yuya Osako, der den Ball trocken reinhaut.

75. Minute: TOOOOOOOOR FÜR WERDER BREMEN - 2:2, MILOT RASHICA! Ist das schon ein Doppelpack oder doch noch ein Spielzug mit zwei Toren? Rashica macht etwas ganz Verrücktes: Er schießt den Ball rein. Gefühlte 15 Sekunden nach dem Anschlusstreffer. Wahnsinn. Alles auf null. Oder eher: Auf zwei. Zu Hause freut sich übrigens Niklas Süle in sich hinein: Gegen Heidenheim hat er das auch nicht uneleganter gemacht als sein Stellvertreter Mats Hummels.

80. Minute: TOOOOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 2:3, ROBERT LEWANDOWSKI! Elfmeter Bayern, Kingsley Coman wird vom sicher wild durchs Weserstadion pfeifenden Wind von der Küste her umgeblasen und Schiedsrichter Daniel Siebert tut es dem Wind gleich - und pfeift. Lewandowski verwandelt sicher. Gerecht ist das nicht, außer für Uli Hoeneß. Dem einzigen Menschen im Lande, der sich zu 100 Prozent sicher ist, hier einen glasklaren Elfmeter erlebt zu haben.

90+3. Minute: Lewandowski schießt aus einem Meter an den Pfosten des leeren Tores. Warum aus diesem Halbfinal-Finale auch vor dem allerletzten Pfiff ein wenig Druck rausnehmen?

Der Tweet zum Spiel

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Was war gut?

Werder Bremen. Und Bayern München. Beide Mannschaften lieferten vor allem in der zweiten Halbzeit ein großartiges Pokal-Spiel ab. Werder-Trainer Kohfeldt lobte hinterher zu Recht: "Es war ein geiles Spiel. Ich kann mich nur bei meiner Mannschaft bedanken für den Mut, den sie gezeigt hat. Sie haben alles reingeworfen. Wir werden hart daran arbeiten, öfter solche Abende hier im Weserstadion zu erleben." Der Fußballfan muss sich da anschließen.

Was war nicht gut?

Das Ende. Und zwar nicht, weil der FC Bayern das Spiel gewonnen hat. Nein, es ist nur schade, dass ein solches Spektakel durch eine mindestens fragwürdige Entscheidung seinen Sieger findet. "Einen leichten Rempler von hinten muss man erkennen", sagte Bayern-Trainer Niko Kovac nach dem Spiel in der ARD und ließ offen, ob man diesen Elfmeter geben müsse. Was soll er auch sagen? Schade für dieses sehr gute Spiel, schade für Werder Bremen, gut für den FC Bayern, dem das Ende am Ende des Tages egal sein wird.

Wie war der Schiedsrichter?

Daniel Siebert hat sich selbst den Abend vermiest. Eigentlich hatte der Unparteiische ein rassiges, begeisterndes, körperliches, aber nie überhartes Spiel völlig unter Kontrolle. Beide Mannschaften waren ja viel zu sehr damit beschäftigt, eben jenes Spektakel auf dem Platz zu zelebrieren. Und dann kam diese vermaledeite Szene, in der der 34-Jährige die Partie unnötig massiv beeinflusste. "Das ist lächerlich. Wenn das ein Elfmeter ist ... Wozu haben wir den Videobeweis? Wenn er das nicht sieht, können wir ihn wieder abschaffen", schimpfte Werders Max Kruse über die Situation. Niko Kovac wies leicht verschämt auf einen Rempler von hinten an Coman hin, "ob das ein Elfmeter ist, darüber kann man diskutieren." Was soll er auch sagen? Einzig Uli Hoeneß war sich zu 100 Prozent sicher, dass der Elfmeter berechtigt gewesen sei, schließlich habe das der "gefoulte" (besser: der zu Fall gekommene) Bayern-Flügelflitzer so gesagt.

Das Hindernis des Spiels

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Gänsehautatmosphäre: Bremen erlebte einen begeisternden Abend.

(Foto: imago images / Nordphoto)

Was war das für eine Anreise der Heimmannschaft zum Weserstadion? Wahnsinn. Tausende Fans am sommerlich glühenden Osterdeich, grün-weiße Pyrotechnik, das komplette Repertoire der musikalischen Glückseligkeit: "Zieht den Bayern die Lederhose aus", "Europapokaaaaal, Europapokaaaaal, Europapokaaaaal" "oh SVW, oh SVWeeeeeeee". Über zehn Minuten schlängelte sich der Bus im schneckigsten Schneckentempo die Einfahrt vom Deich hinab zur Stadioneinfahrt. Coach Kohfeldt, erste Reihe, vorne rechts, blickte immer wieder verstohlen aus dem Fenster, ungläubig, emotional überwältigt: entschlossene Gesichter, die maximale Euphorie, der unerschütterliche Mut. Wenn jemand noch nicht heiß war wie 'ne geschwollene Backe, dann jetzt!

Und wie war's im Stadion?

Sekunden wie jene zwischen der 74. und 75. Minute hat selbst das Weserstadion noch nicht erlebt. Und das Weserstadion hat schon verdammt viel erlebt, seit es 1947 eröffnet worden ist. Als dieser DFB-Pokalabend dem vermeintlich gemütlichen Ende aus Sicht der Münchener entgegenschwofte, da sorgte erst Osaka für einen leichten und schließlich Rashica für einen brutalen Erschütterungstest der Tribünen am Osterdeich. Der kollektive Wahnsinn, der sich über die Anfahrt zum Stadion, über den Anpfiff inklusive euphorisierender Choreo und den offenen Schlagabtausch zum 0:1 hochgepeitscht hatte, der nach dem 0:2 beinahe kollabierte, knallte in jener Sekunde des 2:2 bis weit über den Osterdeich. Eine laute Fassungslosigkeit weit über zulässiger Lärmbelastung. DAS war Pokal.

Quelle: n-tv.de

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