"Es tut wahnsinnig weh"Mainz 05 zwischen "Geschichte schreiben" und "zu doof für Europa"
Mainz 05 steht vor einem klubhistorisch großen Schritt. Er soll in eine neue Dimension für die Abstiegskämpfer aus der Fußball-Bundesliga führen. Und dann kann man noch hässliche Erinnerungen weit hinter sich lassen.
Kennen Sie Gaz Metan Medias und Asteras Tripolis? Nein? Das spricht ganz und gar nicht gegen Ihren Fachverstand als Fußballfan. Doch spricht man einen Mainzer auf die beiden Kleinklubs aus Rumänien und Griechenland, werden sie auch im Jahre 2026 noch heftige Reaktionen ernten: Es sind Orte der Schande, wo man die süßen Früchte einer jeweils überragenden Vorsaison einfach und deprimierend wegwarf. Und sie anschließend noch zertrampelte.
Depressionen statt rot-weißer Ekstase. 2011 mussten die Mainzer unter ihrem Trainer Thomas Tuchel ihre Träume von der Europa League im rumänischen Regen im Elfmeterschießen beerdigen, drei Jahre später war es unter dem heutigen Leverkusen-Trainer Kasper Hjulmand in Tripoli ähnlich trostlos: Der Bundesligist kassierte in der 86. Minute des Rückspiels den finalen Nackenschlag.
"Geschichte schreiben"
Später qualifizierte man sich tatsächlich einmal für die Gruppenphase des Wettbewerbs, doch nach sechs zumeist wenig berauschenden Spielen war schon wieder Schluss. Mainz 05 und die Europareisen, das war über zwei Jahrzehnte ein zuverlässiger Stimmungskiller noch vor dem närrischen Treiben. Nun kann alles anders werden: Mainz 05 will und kann sich mit Europa versöhnen.
Wenn Mainz 05 am Abend (18.45 Uhr/RTL+ und im Liveticker auf ntv.de) Sigma Olmütz zum Rückspiel im Achtelfinale der Conference League empfängt, wollen sie "Geschichte schreiben", wie der wieder erstarkte Mittelfeldspieler Paul Nebel auf der Vereinsseite verkündete. Es ist die Chance auf den Schritt in eine neue Dimension: Das Viertelfinale eines internationalen Wettbewerbs, das gab es in Mainz noch nie. Vom Hinspiel in Tschechien haben sie ein 0:0 mitgebracht.
Ins Rückspiel geht der Bundesligist, der sich nach einem desaströsen ersten Saisonhalbjahr unter dem neuen Trainer Urs Fischer nachhaltig berappelt hat, als Favorit - und mit großer Vorfreude: "Das ist ein Wahnsinnsspiel. Ein europäisches Viertelfinale geschieht nicht jedes Jahr. Die Freude ist riesig", sagte Fischer.
"Das haben normal andere"
"Wir haben die Chance, was Großes zu erreichen. Wir gehen mit maximaler Überzeugung rein", freut sich Torwart Daniel Batz, der den Großteil seiner Laufbahn in der dritten Liga verbracht hat und jetzt in Mainz zu großer Form aufläuft. Es sei schön, das mal als Fußballer zu erleben. "Ende März, dass man in so einem Rhythmus spielen kann alle paar Tage, haben normal andere Mannschaften."
Den schweren Schock, den die Horror-Verletzung von Stürmer Silas in der zweiten Halbzeit durchs Team gejagt hat, haben sie abgeschüttelt, das folgende 2:0 im Kellerknaller bei Werder Bremen war eine bemerkenswerte Vorstellung.
Ein Selbstläufer wird die Sache in der Mewa-Arena nicht, das ist allen klar. "Ich denke, es wird ein enges Match. Das ist ein Team, das kompakt steht und sich nicht vor Zweikämpfen scheut", sagte Fischer mit Blick auf den Fünften der tschechischen Liga. Im Viertelfinale würde Racing Straßburg oder HNK Rijeka warten (Hinspiel: 2:1).
Finanzieller Erfolg
Ein Weiterkommen würde die Kasse der Mainzer, die im Winter mit Silas, Phillip Tietz, Verteidiger Stefan Posch und Sheraldo Becker kräftig personell nachjustieren mussten, spürbar weiter füllen. Schon jetzt ist der fünfte Europapokal-Ausflug der Mainzer ein finanzieller Erfolg.
Sportvorstand Christian Heidel bezifferte die bisherigen Einnahmen im "Kicker" auf rund 14 Millionen Euro. Nach Abzug von Prämien und diversen Kosten bleibt demnach ein Überschuss von rund 8 Millionen. 31.000 Fans kamen bisher im Schnitt zu den Heimspielen, das Duell am Abend ist ausverkauft. Es herrscht gute Laune, die noch besser werden soll.
Es wäre das Ende von zwei Jahrzehnten schwerer seelischer Schäden, die sie sich selbst zufügten. Dank immer wieder enttäuschter Sehnsucht, die der kleine Verein im Kampf mit den Großen der Branche in langen Bundesligasaisons unter schwersten Anstrengungen entfachte, um sie dann schmerzhaft wieder verglühen lassen zu müssen. "Wir ärgern uns wie verrückt. Es tut wahnsinnig weh", rang der damalige Abwehrspieler und heutige Sportdirektor Niko Bungert nach dem Medias-Desaster nach Worten. "Mainz zu doof für Europa" hieß es nach der peinlichen Nummer in Griechenland.
Es gab auch schöne Tage
Statt sich wieder selbst vernichten zu müssen, will man sich nach den 90, 120 oder mehr Minuten heute Abend lieber kollektiv wohlig an die Anfänge der eigenen Europa-Historie erinnern: 2004 preschten die Mainzer, die zuvor vom Schicksal durch ungeheure Nicht-Aufstiegs-Dramen schwerst geprüft worden waren, doch noch in die Bundesliga.
Die folgende Runde geriet zum emotionalen Ausnahmezustand, befeuert durch den jungen Trainer Jürgen Klopp, dank der gewonnenen Fair-Play-Wertung der Bundesliga und etwas Losglück bei der UEFA wurde der kleine Klub auch noch in die Qualifikation für den UEFA-Cup gespült. Feiertage auf Island und in Armenien, große Erinnerungen an das letztlich verlorene Duell mit dem späteren Serien-Europapokalsieger FC Sevilla - es waren rauschende Tage, bevor in Siebenbürgen und auf dem Peloponnes der Dauerkater quälte. Nun wollen sie zurück zum fröhlichen Schwips, der Kopfschmerz kommt schon früh genug ...
