Fußball

Everton überrascht die "Big Six" Ex-Bayern machen Premier League nervös

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Garanten für den Erfolg beim FC Everton: James und Trainer Ancelotti.

(Foto: imago images/Sportimage)

Eigentlich hat der FC Everton das Image einer grauen Maus in der englischen Premier League. In der eigenen Stadt regiert der große FC Liverpool und ligaweit ging es für die "Toffees" in den letzten Jahren allenfalls um Mittelfeldplätze. Das könnte sich nun dank zweier Ex-Bayern ändern.

Die Wege von Carlo Ancelotti und James Rodríguez kreuzen sich seit Jahren immer wieder. Erst holte Ancelotti den kolumbianischen Offensivspieler zu Real Madrid, dann zu Bayern München und nun wieder zum FC Everton. Es scheint so, als würde James stets mit etwas Zeitverzögerung dem italienischen Trainerveteranen folgen - und das, obwohl die Zusammenarbeit bis dato nicht von übermäßigem Erfolg gekrönt war.

In Madrid kam James nie über den Status eines Edelreservisten hinaus und in Bayern musste Ancelotti bereits zwei Monate nach James' Ankunft die Koffer packen, bevor für den Kolumbianer weitere anderthalb Jahre in München folgten, in denen er oftmals hinter den Erwartungen zurückblieb. James selbst hat keine guten Erinnerungen an jene Zeit. "Sie denken immer nur an die Arbeit. Sie sind wie Maschinen, das ist der Wahnsinn", sagte er kürzlich in einem Interview auf die Frage nach der deutschen Mentalität.

Nachdem sowohl Ancelotti als auch James bei den Bayern gescheitert waren, standen sie in ihren jeweiligen Karrieren am Scheideweg. Für Ancelotti ging es darum, seine ramponierte Reputation wieder aufzubessern. Doch die darauffolgende Station beim SSC Neapel verlief ebenfalls durchwachsen und endete erneut mit einer Entlassung Ancelottis in der zweiten Spielzeit. James selbst musste nach dem Ende der Ausleihe an den FC Bayern zurück nach Madrid, wo er wieder in die gewohnte Reservisten-Rolle schlüpfte.

Teil einer Transferoffensive

Dass beide nun beim FC Everton wieder zusammenarbeiten, könnten Außenstehende natürlich als gehörigen Abstieg interpretieren. Der dreifache Champions-League-Gewinner Ancelotti und der einstige Superstar der WM 2014 James finden sich im maroden Goodison Park, der Heimstätte der "Toffees" wieder. Aber dem Anschein nach sind Ancelotti und James nicht nur nach Liverpool gekommen, um im Herbst ihrer beiden Karrieren noch hochdotierte Jahresgehälter einzukassieren.

Everton startete im zurückliegenden Sommer eine wahre Transferoffensive. Während man bei Manchester United oder Liverpool eher zurückhaltend blieb und versuchte, die Preise für neue Spieler zu drücken, zückte Everton-Eigentümer Farhad Moshiri das Scheckbuch und investierte vergleichsweise viel Geld. Für 25 Millionen Euro kam Allan aus Neapel, für 27,5 Millionen Ben Godfrey aus Norwich und für 22 Millionen Abdoulaye Doucouré aus Watford. James unterschrieb indes ablösefrei in Everton.

Dass Ancelotti bereits einige Monate zuvor das Traineramt der "Toffees" übernahm, stellte sich als wegweisend für die strategische Ausrichtung des Vereins heraus. Everton möchte nicht mehr die graue Maus der Premier League sein, der vielleicht das Potenzial für die Top-Ränge zugeschrieben wird, die dieses Potenzial aber nie wirklich abrufen kann. Mit Ancelotti kam ein Trainer von Weltrang und mit James ein Spieler, der zumindest vor einigen Jahren zu den größten Offensivtalenten überhaupt zählte.

Ancelotti in neuer Rolle

Bis jetzt wirkt das aggressive Vorgehen von Moshiri und den sportlich Verantwortlichen erfolgversprechend. Nach vier Spieltagen steht Everton auf Rang eins der Premier League und konnte in allen bisher absolvierten Partien überzeugen. Die größte Prüfung für die Mannschaft wartet nun am Samstag, wenn Everton den Stadtrivalen FC Liverpool empfängt, der sich noch von einer 2:7-Niederlage gegen Aston Villa erholen muss.

Dass Spieler wie James, Doucouré oder auch die bereits etablierten Stammkräfte Dominic Calvert-Lewin und Richarlison phasenweise für Furore sorgen können, mag nicht einmal überraschen. Überraschender ist die Rolle Ancelottis in alledem. Der Italiener musste seit seiner Anfangszeit beim AC Milan in der Saison 2001/2002 keine Mannschaft mehr zu einem Spitzenteam formen. Seit über 15 Jahren trainierte er nur noch große Starensembles mit erfahrenen Veteranen und hochkarätigen Talenten. Die strukturelle und taktische Aufbauarbeit, die vielleicht einem Jürgen Klopp oder Marcelo Bielsa zu liegen scheint, gehörte nicht zum Traineralltag Ancelottis. Er war in vielfacher Hinsicht ein Starflüsterer, der bestehende Strukturen weiterentwickelte und starke Teams noch stärker machte.

In Everton hat er diesen Luxus, sofern es überhaupt ein Luxus ist, nicht. Ancelotti musste das vorhandene Talent nehmen, um einige Neuzugänge ergänzen und daraus eine konkurrenzfähige Mannschaft formen. Natürlich verfügten die "Toffees" mit Calvert-Lewin, Richarlison, dem Linksverteidiger Lucas Digne oder auch Abwehrchef Yerry Mina über ein qualitativ hochwertiges Gerüst. Aber dieses Gerüst lag im Dezember 2019, als Ancelotti das Traineramt übernahm, nur auf Rang 16.

Ancelotti kehrt zu seinen Wurzeln zurück

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In dieser Grundordnung spielt Everton.

Nach knapp elf Monaten sagt die Spielweise von Everton nun viel über Ancelottis heutige Vorstellung von Fußball aus, die immer noch wie einst in Mailand vom Offensivgeist geprägt ist. "Die Öffentlichkeit möchte Unterhaltung und diese Unterhaltung kann durch schnelle Lösungen, einer variablen Offensive, mit dem finalen Ziel vor das Tor zu gelangen, kreiert werden", schrieb Ancelotti einst in seiner Abschlussarbeit für die Trainerausbildung, die unter dem Titel "Die Zukunft des Fußballs. Mehr Dynamik" erschien.

Auch heute noch scheint er trotz allen Erfolgsdrucks dieser Maßgabe zu folgen. Die Mannschaft des FC Everton möchte nicht nur den Ball sicher durch die eigenen Reihen laufen lassen, sondern auch druckvoll und dynamisch in die offensiven Räume vorstoßen. Ancelotti ist davon überzeugt, dass jener Druck aber nur regelmäßig aufgebaut werden kann, wenn die einzelnen Bewegungen seiner Spieler perfekt abgestimmt und die Pässe präzise gespielt sind. "Um das Spiel effizient zu machen, ist es unabdingbar, dass die Bewegungen fernab des Balles sowie das Passspiel perfekt synchronisiert sind", schrieb einst der Trainerlehrling Ancelotti.

Ein wichtiges Duo in dieser Choreografie im Ballbesitzspiel bilden James und Doucouré. Letzterer fungiert als eine Art Mittelfeldpendel, indem er sich vielfach auf der halbrechten Seite auf und ab bewegt und damit die Defensivstruktur des Gegners stört. Doucourés erste Aufgabe besteht nicht darin, sich von Gegenspielern zu lösen und selbst an den Ball zu kommen. Vielmehr soll er Raum für James schaffen. In dem Moment, in dem Doucouré sich nach hinten bewegt und die Lücke im Defensivverbund reißt, geht James in den offenen Raum und erhält im richtigen Moment den Pass von hinten.

Goodison Park ist kein San Siro

Ancelotti schrieb dazu einst: "Falls zwischen der Person, die den Pass spielt, und der Person, die den Pass empfängt, keine Synchronisation herrscht, schlägt das Konzept der Dynamik fehl." Deshalb lässt Ancelotti diese Abläufe, das Zusammenspiel von ballferner und ballnaher Bewegung wie auch das daraus resultierende Timing des Passes im Training perfektionieren. James übernimmt die Rolle des Fokusspielers in diesem Offensivkonstrukt. Er soll auf halber Höhe den Ball erhalten und sich als Linksfuß auf der rechten Seite mit dem Körper ins Feld hineindrehen und die ballfernen Akteure -beispielsweise den torgefährlichen Linksaußen Richarlison - anspielen.

Ancelotti gelang in den Nullerjahren der Durchbruch mit Milan und einem ausgeklügelten Offensivsystem, das zumeist auf einer Tannenbaumformation aufbaute und von den intelligenten Bewegungen eines Rui Costas oder Kakás profitierte. 15 Jahre später verfügt Ancelotti vielleicht nicht mehr über jenes Starensemble wie einst in Mailand und auch der Goodison Park ist nicht mit dem glorreichen San Siro vergleichbar. Aber Ancelotti stellt in diesen Tagen unter Beweis, dass er auch nach enttäuschenden Jahren in München und andernorts immer noch das Spielverständnis eines hochklassigen Trainers besitzt.

Härtetest gegen den FC Liverpool

Für Everton selbst geht es in dieser Saison eventuell darum, in die Phalanx der sogenannten "Big Six" vorzudringen. Gerade weil Manchester United strauchelt und auch Teams wie Chelsea und Manchester City alles andere als gefestigt wirken, ist die Chance vielleicht aktuell größer als je zuvor. Allerdings muss Everton noch unter Beweis stellen, dass es sein Spielsystem auch gegen die ganz Großen der Premier League umsetzen kann. Gegen Tottenham klappte das beim 1:0-Sieg am ersten Spieltag bereits sehr gut.

Mit dem FC Liverpool wartet nun jedoch am Samstag ein Gegner auf die "Toffees", der mit dem bekannten Klopp-Pressing den Spielaufbau Evertons einem Stresstest unterziehen dürfte. Wenn dann James und Co. trotzdem den Ball flüssig durch die eigenen Reihen laufen lassen, wenn dann trotzdem die Synchronisierung zwischen Bewegungen und Passspiel funktioniert, dann ist Everton wirklich bereit, ganz oben anzugreifen.

Quelle: ntv.de