Fußball

Streit um 66 Millionen US-Dollar Fußball-Boss scheitert an seinem Sexismus

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Carlos Cordeiro ist nicht länger Präsident des US-Fußballs.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Rechtsstreit zwischen dem US-Fußball-Verband und der US-Frauen-Nationalmannschaft eskaliert. Während die Spielerinnen um Megan Rapinoe weiter um Gleichberechtigung und gleiche Bezahlung kämpfen, ist der Verbandspräsident zurückgetreten. Die Probleme löst das nicht.

Sonntag, 7. Juli 2019, WM-Finale der Frauen in Frankreich. Im Stadion in Lyon läuft ein packendes Endspiel zwischen dem Favoriten aus den USA und den Spielerinnen aus den Niederlanden, als US-Star Megan Rapinoe in der 61. Minute zur Führung für die Amerikanerinnen trifft. Während die US-Frauen kurz davor sind, ihren WM-Titel zu verteidigen und zum insgesamt vierten Mal Weltmeisterinnen zu werden, ist von den Anhängern der Amerikanerinnen nur eins zu hören, immer und immer wieder: "Equal Pay! Equal Pay!" Was sich in der deutschen Übersetzung "Gleichwertige Bezahlung" zwar nicht ganz so gut skandieren lässt, aber genauso wichtig ist.

Nach dem Sieg des WM-Titels wurde die Mannschaft um Rapinoe euphorisch gefeiert, in New York sogar mit einer Konfetti-Parade begrüßt. Ständig in der ersten Reihe der Gratulanten: Verbandsboss Carlos Cordeiro. Er versuchte sich im anhaltenden Konflikt mit den Spielerinnen um gleiche Bezahlung nichts anmerken zu lassen und beteuerte immer wieder: "Alle Sportlerinnen verdienen eine faire und gleichberechtigte Behandlung." Wie wenig ernst ihm diese Beteuerung offenbar war, das wird in diesen Tagen deutlich.

Doch erst ein Blick zurück: Im März 2019 hatten 28 US-Nationalspielerinnen Klage eingereicht gegen "institutionalisierte geschlechtsspezifische Diskriminierung" im Verband und gleichzeitig die gleiche Bezahlung von Fußballern und Fußballerinnen gefordert. Eine Anklage und eine Forderung, die vor allem einer ablehnte: US-Verbandschef Carlos Cordeiro. Zunächst veröffentlichte der 64-Jährige einen offenen Brief, in dem er behauptete, dass die amerikanische Frauen-Nationalmannschaft zwischen 2010 und 2018 insgesamt 34,1 Millionen Dollar an Gehältern und Spielboni erhalten haben, der Männer-Mannschaft seien im gleichen Zeitraum nur 24,4 Millionen Euro ausgezahlt worden.

Äpfel mit Äpfeln vergleichen

Mit diesen Zahlen stieß Cordeiro auf jede Menge Unmut, insbesondere bei Molly Levinson, Sprecherin des US-Teams der Frauen. Cordeiro habe die Einnahmen der Frauen aufgebläht, in dem auch die Gehälter der Spielerinnen in der US-Liga einberechnet wurden, so Levinson: "Jeder Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln zeigt, dass die Männer weitaus mehr verdienen als die Frauen." Jeder Profi des US-Männer-Teams erhalte für jedes einzelne Spiel im Nationaltrikot ein höheres Grundgehalt als eine Spielerin und auch Siegprämien seien bei den Männern deutlich höher. "Das ist die eigentliche Definition von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts", beschwerte sich Levinson weiter.

Im weiteren Verlauf der gerichtlichen Auseinandersetzung versuchte Cordeiro den Unterschied in der Bezahlung dann nicht mehr zu leugnen, sondern zu rechtfertigen: Der Job eines Spielers aus dem Herren-Nationalteams verlange ein höheres Niveau an Fähigkeiten. Außerdem seien Männer den Frauen auch in Schnelligkeit und Stärke deutlich überlegen. Laut den Gerichtsunterlagen meint Cordeiro, Frauen erbrächten "nicht die gleiche Arbeit, was Können und Einsatz betrifft".

Cordeiro tritt und rudert zurück

Die gerichtliche Auseinandersetzung spitzte sich seither immer weiter zu und forderte jetzt personelle Konsequenzen: Carlos Cordeiro ist am vergangenen Donnerstag zurückgetreten. Seine Äußerungen im Gleichstellungskonflikt wurden heftig kritisiert. Cordeiro selbst versuchte noch zurückzurudern und sich zu erklären - vergeblich. Besonders für seine Ausdrucksweise versuchte er sich zu entschuldigen: Seine Worte hätten "große Schmerzen verursacht, insbesondere bei unseren außergewöhnlichen Spielerinnen der Frauen-Nationalmannschaft, die es besser verdienen. Es war inakzeptabel und unentschuldbar", sagte Cordeiro. Er habe die Unterlagen, die Anwälte des Verbandes an das Gericht geschickt hatten, nicht noch einmal überprüft. Dafür übernehme er jetzt die Verantwortung. Verantwortung für eine Eskalation in einem Konflikt, der noch lange kein Ende gefunden hat.

Star-Spielerin und Sprachrohr Megan Rapinoe steht seit dem Prozessbeginn vor einem Jahr an der Spitze der Klägerinnen, die Gleichbehandlung fordern, insbesondere in finanzieller Hinsicht. Das Ziel: eine Rückvergütung in Höhe von 66 Millionen US-Dollar nach dem "Equal Pay Act". Unterstützung erhalten die US-Frauen dabei unter anderem von der Spielergewerkschaft der Männer. "Das ist mal wieder das Gleiche von einem Verband, der ständig in Konflikte und Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist und sich auf die Steigerung von Einnahmen und Gewinnen konzentriert, ohne zu wissen, wie man dieses Geld für die Entwicklung des Sports verwenden kann. Die Frauen-Nationalspielerinnen verdienen gleiche Bezahlung und es ist richtig, Rechtsmittel vor Gericht einzulegen." Und auch Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, macht ihrer Zustimmung Luft: "Das Frauen-Nationalteam hat uns seine Größe gezeigt - jetzt gebt ihnen das Geld."

Bis heute ist der Konflikt nicht gelöst - das Gericht soll am 5. Mai entscheiden. Doch auch eine außergerichtliche Einigung ist jetzt denkbar. Die wichtigsten Eckdaten der Klage liegen auf der Hand: Megan Rapinoe, Alex Morgan und Co. erzielen ebenso hohe Einnahmen für den US-Verband wie die Männer. Ein starkes Argument für die nachträgliche Auszahlung der 66 Millionen Dollar. Cordeiro wird derweil erst einmal von einer Frau ersetzt: Die bisherige Vize-Präsidentin Cindy Parlow Cowe übernimmt bis Februar 2012. Dann wird ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin gewählt. Und vielleicht feuern die Zuschauer bei der nächsten WM dann wieder mit Namen der Spielerinnen an, statt "Equal Pay" zu fordern.

Quelle: ntv.de