Fußball

Die Krise des Hamburger SV Glücklos, sieglos - aber nicht hoffnungslos

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Michael Gregoritsch traf zweimal - diese Miene machte er nach einer vergebenen Möglichkeit.

(Foto: imago/Contrast)

Der Hamburger SV ist weiterhin die einzige sieglose Mannschaft der Bundesliga. Nach zwei Unentschieden ist zwar ein Fünkchen Hoffnung zurückgekehrt. Doch die Situation bleibt schwierig.

Kaum ein Fan wusste so richtig, wie er das Unentschieden gegen den Nordrivalen Werder Bremen einordnen sollte. Einige pfiffen, weil der HSV auch im zwölften Saisonspiel keinen Sieg hinbekam. Die meisten Zuschauer aber applaudierten. Ganz so als wollten sie sagen: Immerhin habt ihr es versucht! Der HSV lieferte beim 2:2 die beste Leistung der Saison ab. Kritische Stimmen könnten allerdings behaupten: Wer selbst solche Spiele nicht gewinnt, hat einen Abstiegsplatz reserviert. Doch davon wollte niemand etwas hören, als die Spieler den Platz verließen. Der zweifache Torschütze Michael Gregoritsch sagte: "Wichtig ist, dass wir leben, dass wir Herz und Leidenschaft zeigen. Wenn wir so weiterspielen, bin ich guter Dinge, dass es aufwärts geht. Es macht wieder Spaß, auf dem Platz zu stehen."

Überhaupt waren viele Stimmen zu hören, die eigentlich nur nach einem Sieg angebracht wären. Matthias Ostrzolek schwärmte geradewegs, dass man jetzt als Team auftritt und gemeinsam mit dem Trainerteam die Situation durchstehen wolle. Torhüter Christian Mathenia berichtete, wie gut das kurze Trainingslager in Barsinghausen getan habe und dass man als Mannschaft zusammengewachsen sei. Der neue Kapitän Gotoku Sakai sagte gegenüber den Pressevertretern sogar: "Wir sind jetzt gut drauf." Manch ein Journalist hätte den Beteiligten am liebsten schnell die Tabelle gezeigt und gesagt: Schau mal da ganz unten auf den letzten Platz, da steht ihr!

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Jaroslav Drobny und Lewis Holtby konsterniert - auch die beste Saisonleistung reichte nicht zum ersten Sieg.

(Foto: dpa)

Wobei es tatsächlich einige Aspekte gibt, die im Spiel des Hamburger SV Mut machen. Nachdem über sieben Bundesligaspiele kein Tor gelang, haben sie in den letzten drei Partien immerhin sechs Treffer erzielt. Nicolai Müller hat zu seiner starken Form der letzten Saison zurückgefunden. In den letzten drei Spielen gelangen ihm drei Tore und eine Vorlage. Die starke Vorarbeit zum 2:1 erinnerte daran, warum der 29-Jährige einmal Nationalspieler war. Auch der 14-Millionen-Mann Filip Kostic findet sich im Spiel des HSV langsam zurecht. Und mit Michael Gregoritsch, der gegen Bremen beide Tore erzielte, und Bobby Wood, der nun seine Rot-Sperre abgesessen hat, stehen gleich zwei starke Mittelstürmer parat. Markus Gisdol sagte vor einigen Wochen noch: "Meinen Mannschaften konnte man bisher alles nachsagen. Aber nicht, dass sie zu wenig Tore schießen. Wir kriegen das hin." Offenbar hat er Wort gehalten. Das Offensivspiel des HSV funktioniert.

Doch nützt ein guter Angriff wenig, wenn die Abwehr löchrig ist. 27 Gegentore gab es bereits. Nur Werder Bremen (traditionell die Schießbude der Liga) ist noch schlechter. Selbst innerhalb der Mannschaft gibt es Kritik am Abwehrverhalten. "Wir müssen in der Defensive mutiger rangehen. Bei den beiden Gegentoren waren wir zu passiv", sagt Sakai. Auch Gisdol kritisiert: "Wir waren nachlässig in der Rückwärtsbewegung. Wir haben dem Gegner zu viele Gassen gelassen, es gab zu viele Konter. In den Eins-zu-Eins-Situationen hätten wir früher auf den Ball gehen müssen."

Trotz dutzender Millionen am Tabellenende

Die Probleme sind hausgemacht: Die Innenverteidigung bestand am Samstag aus Johan Djourou, der nach wiederkehrenden Problemen am Oberschenkel noch immer seine Form sucht, und dem 22-jährigen Gideon Jung, der eigentlich im Mittelfeld zu Hause ist. Emir Spahic und Cleber Reis fehlten verletzungsbedingt. Der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer hatte im Sommer (dank der Unterstützung von Investor Klaus-Michael Kühne) zwar knapp 33 Millionen Euro in die Mannschaft investiert. Für die defensive Zentrale allerdings, wo der Schuh am meisten drückte, wurde kein einziger Spieler verpflichtet. In der Winterpause dürfte nachgebessert werden. Doch wer soll die Transfers überhaupt abwickeln?

Die Suche nach einem Sportdirektor wurde in Hamburg längst zu einer Farce. Die Gespräche mit Nico-Jan Hoogma, Horst Heldt, Jonas Boldt und Christian Hochstätter scheiterten. Unter der Woche berichtete Sport1, der Aufsichtsratchef Karl Gernandt habe sich mit Felix Magath getroffen. Dazu muss man wissen: Investor Kühne träumt seit Jahren davon, dass die Vereinslegende zum HSV zurückkehrt. Im Jahre 2014 schrieb er Magath sogar persönlich an und bat ihn, nach Hamburg zu kommen. Doch wäre eine Doppellösung mit Magath und Beiersdorfer kaum vorstellbar. Es könnte wohl nur einen geben.

Weil der HSV nun immerhin zwei Spiele hintereinander unentschieden spielte, man also fast schon von einem Aufwärtstrend sprechen kann, erscheint eine Entlassung von Beiersdorfer derzeit unwahrscheinlich. Möglicherweise wird Jens Todt als Sportdirektor dazugeholt, der diese Woche vom Karlsruher SC freigestellt wurde. Todt arbeitete bereits als Nachwuchskoordinator beim HSV und hat ein gutes Verhältnis zu Beiersdorfer.

Wichtiger als ein Sportdirektor wäre allerdings, dass der HSV in den letzten vier Spielen des Jahres 2016 endlich mit dem Siegen anfängt. "Wenn wir weiter so auftreten wie heute, werden wir die Punkte holen", versprach Gisdol. Er weiß, dass der Klassenerhalt sonst in unerreichbare Ferne rücken würde.

Eine gute Nachricht zum Abschluss: Sollte der HSV wirklich absteigen, würde der neue Verteilungsschlüssel der Fernsehgelder fast schon als Rettungsschirm dienen. Eine lange Bundesligazugehörigkeit wird ab der Saison 2017 / 2018 belohnt. Hier ist der Bundesliga-Dino vorne dabei. Laut einer Rechnung des Hamburger Abendblatts würde der HSV in der 2. Liga fünfmal so viel kassieren wie die Konkurrenten aus Heidenheim und Würzburg. Allerdings hat der HSV mehrfach bewiesen, dass Geld nicht unbedingt zum Erfolg führt.

Quelle: n-tv.de

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