Fußball

Trainer, Spieler, Lied, Uhr Hamburger SV krempelt sich für Aufstieg um

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Mit dem neuen Trainer Dieter Hecking soll der Aufstieg gelingen. Sonst ist er wohl wieder weg.

(Foto: imago images / VI Images)

Vom Personal über die Vereinshymne bis hin zur Stadionuhr: Nach dem verpassten Aufstieg wird beim Hamburger SV gefühlt alles und jeder weggeschickt. Gelingt nun im zweiten Anlauf die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga?

Auf die Enttäuschung folgte der Umbruch. Nach dem "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußball-Geschichte", so bezeichnete Vereinsboss Bernd Hoffmann die verkorkste Zweitliga-Saison 2018/2019, wurde in Hamburg alles auf den Kopf gestellt. Die Stadionuhr, die die Jahre der Bundesliga-Zugehörigkeit und später die Zeit seit der Vereinsgründung angezeigt hat? Abmontiert! Die Vereinshymne "Hamburg, meine Perle" von Lotto King Karl? Abgeschafft! Sportvorstand Ralf Becker und Trainer Hannes Wolf? Längst weg! Langjährige Leistungsträger wie Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby und Douglas Santos? Weg, weg, weg! Was dafür geblieben ist: die Erwartungshaltung. Der Hamburger SV muss aufsteigen. Das weiß auch Dieter Hecking - der zwölfte HSV-Trainer in den vergangenen sechs Jahren.

Dennoch soll der 54-Jährige Ruhe in das hektische Umfeld des HSV bringen. "Ich habe der Mannschaft gesagt: Ich nenne einmal das Wort Aufstieg und dann bis Mai nicht mehr", erklärte der Trainer gleich beim Trainingsauftakt. "Es nützt jetzt nichts, wenn wir jeden Tag mit dem Wort Aufstieg konfrontiert werden. Das bringt uns nicht weiter."

Was für ein Kontrast zur Vorsaison, als gefühlt kaum ein Spieler an einem Journalisten vorbeiging, ohne das große Ziel Bundesliga-Aufstieg zu erwähnen. Die jüngste Mannschaft im deutschen Profifußball scheiterte damals nicht zuletzt an dem selbst erzeugten Druck. In der Rückrunde funktionierte plötzlich nichts mehr. Eine Sieglos-Serie von acht Spielen ließ den Aufstiegs-Traum zerplatzen.

Über 12 Millionen Euro für Neuzugänge?

Nun soll eine fast komplett neue Mannschaft den Aufstieg im zweiten Anlauf packen. Elf neue Spieler wurden verpflichtet, elf andere weggeschickt. "Das ist eine Fluktuation, die, glaube ich, einmalig ist, die aber auch notwendig war. Jetzt müssen wir zusehen, dass die Rädchen ineinandergreifen", sagt Hecking. 9,61 Millionen Euro hat der HSV laut transfermarkt.de bislang in neue Spieler investiert – mehr als jeder andere Zweitligist. Laut der "Bild"-Zeitung kommt in wenigen Tagen auch noch Flügelstürmer Xavier Amaechi vom FC Arsenal hinzu. Ein 18-jähriges Talent, an dem sogar der FC Bayern München interessiert gewesen sein soll. Die kolportierte Ablöse: 2,5 Millionen Euro. Trotz der Schuldenlast kann sich der HSV solche Transfers plötzlich leisten. Auf der Gegenseite stehen Transfereinnahmen von 21,25 Millionen Euro.

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Xavier Amaechi soll den HSV noch verstärken.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Zudem sollen die neuen Verträge sehr leistungsorientiert sein. Der Vertrag von Dieter Hecking verlängert sich beispielsweise nur dann um ein weiteres Jahr, wenn der Aufstieg gelingt. Auch die Verträge der neuen Spieler wurden möglichst so gestaltet, dass sie nur im Erfolgsfall richtig teuer werden. Die "Sport Bild" hat errechnet: Mindestens 8,2 Millionen Euro an Prämien wären zu zahlen, sollte der Aufstieg gelingen. Die Bosse würden diese Summen dennoch gerne ausschütten. Schließlich winken in der Bundesliga deutlich höhere Einnahmen.

Doch ob der Aufstieg im zweiten Anlauf wirklich gelingt? Der Blick in die Vergangenheit stimmt eher pessimistisch: In den vergangenen zehn Jahren gelang nur einem Verein der Aufstieg im zweiten Anlauf – und zwar dem 1. FC Köln in der Saison 2013/2014. Was nötig ist, damit der HSV es ebenfalls packt? "Die Mannschaft muss harmonisch sein, muss intern ein gutes Betriebsklima haben, muss leistungswillig sein, muss leistungsorientiert sein", erklärt Hecking und fügt hinzu: "Dann wollen wir das Vertrauen, das die letzten Jahre verloren gegangen ist, zurückgewinnen – nicht nur auf dem Platz, sondern auch neben dem Platz." Was er damit meint? "Ein geschlossenes Bild nach außen geben, wenig Angriffsfläche bieten", sagt der Trainer. Und wenn das gelingt? "Dann bin ich sicher, dass wir eine gute Saison spielen", erklärt Hecking, ohne sich auf einen bestimmten Tabellenplatz festlegen zu wollen: "Wo es uns hinführt, werden wir dann sehen."

Hecking rechnet mit Rückschlägen

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Kühne bleibt pessimistisch - wie immer.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Das Interesse am Hamburger SV ist unverändert groß. Rund 23.500 Dauerkarten wurden verkauft - nur etwa 1500 weniger als in der Vorsaison. Für das erste Saisonspiel gegen den SV Darmstadt (13.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) waren am Freitag bereits 40.500 Tickets vergriffen. Der Fanandrang ist allerdings gleichbedeutend mit einem immensen Druck. Hecking bittet angesichts der vielen Neuzugänge um Geduld: "Wir müssen damit rechnen, dass es auch Rückschläge gibt. Wir können keine Garantie dafür geben, dass wir Sonntag gegen Darmstadt mit einem Heimsieg starten. Das würden wir gerne. Wir wissen aber auch, was los wäre, wenn wir nicht gewinnen würden."

In Hamburg wäre ein verpatzter Auftakt wohl gleichbedeutend mit Pfiffen, negativen Schlagzeilen und unzähligen Experten, die ihre negative Meinung zum HSV kundtun. Anteilseigner Klaus Michael-Kühne hat bereits öffentlich gesagt, was die Mannschaft für ihn ist: "ein zusammengewürfelter Haufen". Weitere Statements dürften folgen, sollte der Erfolg ausbleiben. Doch darüber möchte sich Hecking keine Gedanken machen. Vor allem sollen die Spieler sich damit nicht befassen müssen. "Wir wollen den Druck von der Mannschaft fernhalten. Das ist auch meine Aufgabe", weiß der Trainer.

Und wenn das alles nicht hilft? Wenn der Aufstieg auch im zweiten Anlauf nicht gelingt? Dann folgt in einem Jahr auf die Enttäuschung vermutlich der nächste Umbruch - und zwar laut Vertragswerk ohne Hecking.

Quelle: ntv.de