Fußball

"Das so umzusetzen, ist geil" "Hasi" treibt Leipzig den Bayern-Komplex aus

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Bayern-Trauma-Besieger.

(Foto: imago/Eibner)

Mutig stürmt RB Leipzig ins Bundesliga-Topspiel gegen den FC Bayern und entzaubert die Münchner nicht nur mit "Vollgas-Pressing", sondern auch taktisch und personell. Möglich macht den wertvollen Coup ein verwegener Plan von Trainer-Held "Hasi".

Nachdem RB Leipzigs Spieler euphorisch vor der Fankurve auf und abgehüpft waren, forderten die Leipziger Anhänger auch Trainer Ralph Hasenhüttl. "Hasi, Hasi" hallte es nach dem 2:1 (1:1)-Triumph für die Leipziger gegen den FC Bayern München durch das trotz eisigen Windes noch immer zur Hälfte gefüllte Stadion. Hasenhüttl schritt nach dem ersten und so immens wichtigen Leipziger Sieg gegen den großen FCB zu den Zuschauern und warf die Arme nach oben. Dass er den gesamten Abend über nur einen dünnen, schwarzen Trenchcoat trug, spürte der Fußballlehrer gar nicht, so sehr musste es innerlich in ihm geglüht haben während dieses Spiels.

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Bis Berlin waren die "Hasi, Hasi"-Sprechchöre in Leipzig nicht ganz zu hören, aber fast.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Die Zuschauer feierten Hasenhüttl völlig zu recht. Denn diesmal waren nicht zuallererst seine Spieler, sondern der Trainer selbst der Held des Abends. Mutig entschied er, dass die Leipziger nicht wie gewohnt im 4-2-2-2-System aufliefen oder sich gegen den Rekordmeister gar mit einer Fünferkette in der Defensive verschanzten, sondern verordnete seiner Mannschaft eine offensive 3-4-3-Grundordnung - allerdings ohne Leistungsträger wie Timo Werner, Emil Forsberg und Kapitän Willi Orban in der Startelf. Der verwegene Plan ging auf, er war der Schlüssel zum ersten Leipziger Erfolg gegen

"Die große Frage war: Verunsichern wir die Jungs damit oder helfen wir ihnen damit gegen einen Gegner etwas zu holen gegen den wir bislang nix geholt haben? Wir haben uns dafür entschieden, das durchzuziehen", erklärte Hasenhüttl. Der Mut wurde belohnt. Mittelfeld-Spieler Diego Demme berichtete euphorisiert: "Wir haben das neue System nur einmal trainiert. Das dann so umzusetzen, ist geil", so der Ersatz-Kapitän. "Wir haben heute 70 Minuten Vollgas-Pressing gespielt, die Bayern kaum zur Entfaltung kommen lassen."

Experiment ohne Absicherung

RB begann aggressiv und drängend und setzte die Gäste früh unter Druck. Gleichwohl nutzte der designierte Meister gleich die erste Gelegenheit, als sich die neu formierte Leipziger Abwehr noch nicht gefunden hatte. Thomas Müller hebelte mit einem einfachen Pass auf James Rodriguez das Defensivgerüst aus. Dessen Flanke fand den Kopf von Stürmer Sandro Wagner, der ohne Bedrängnis zur frühen Führung einnickte (12.). In dieser Situation waren weder der aufgerückte Bruma, noch die Defensivreihe auf dem Posten. Eine Szene, die zeigte: Es hätte auch schief gehen können mit dem Experiment.

Doch RB ließ sich nicht beeindrucken, begann ab Mitte der ersten Hälfte mit seiner Drangperiode, die nach guten Chancen von Yussuf Poulsen (14., 34.), Werner (19., 27.), Bruma (27.) im Ausgleich durch Naby Keita mündete (37.). Der Guineer verwandelte einen Abpraller von FCB-Torhüter Sven Ulreich nach Schuss von Werner. Nicht nur wegen seines Tores wirkte der Spielmacher als offensiver Zehner hinter den Spitzen wie befreit. Timo Werners Siegtreffer, der früh für den mit einem Bänderriss ausgewechselten Marcel Sabitzer gekommen war (10.), legte Keita genial auf (56.).

Auch das zweite Leipziger Tor war folgerichtig gefallen, immer wieder eroberten die Gastgeber im Mittelfeld Bälle und konterten im eigenen Stadion. Überhaupt entfesselte das neue System sowie der ungewohnte Platz, den die Bayern den Leipzigern ließen, die zuletzt oft statische RB-Offensive. So konnte sich Leipzig an diesem Abend höchstens vorwerfen lassen, einige Gegenstöße nach Balleroberungen nicht effizient und genau genug ausgespielt zu haben.

Zwar drängten die Bayern in der Schlussphase auf das 2:2, doch den ganz großen Druck entwickelten die Münchner nicht. Der Tabellensechste aus Leipzig ließ sich das Spiel anders als noch beim wilden 5:4 vor einem Jahr oder im Herbst im DFB-Pokal diesmal nicht mehr aus der Hand nehmen.

"Kein Beinbruch gegen solch gute Mannschaft"

Die Münchner trugen die dritte Saisonniederlage freilich mit Fassung. "Für uns ist es kein Beinbruch gegen eine solch gute Mannschaft zu verlieren. Das muss man auch mal einkalkulieren", sagte Trainer Jupp Heynckes. Auch Hummels redete die Leipziger als "absolute Toptruppe mit einem schwierigen System" stark. Das galt besonders an diesem Abend, an dem Hasenhüttl die Bayern taktisch und personell überrascht hatte, auch wenn Heynckes das nicht zugeben mochte.

RB und auch Trainer Hasenhüttl selbst, der zuletzt mit der Kritik an seinem Team und der Erwartungshaltung haderte, gehen extrem gestärkt aus diesem Spiel. Nur noch zwei Punkte Rückstand hat der Vizemeister des Vorjahres nun auf Champions-League-Platz vier. Sportdirektor Ralf Rangnick sagte: "Jetzt sind wir wieder dabei, und ich traue uns auch zu, in zwei Wochen in Hannover zu gewinnen, wenn wir so auftreten wie heute gegen die Bayern, und dann sieht die Situation Richtung Platz vier schon mal wieder ganz anders aus." Und das Verhältnis zu Hasenhüttl nach dessen Kritik am Freitag, die auch auf Rangnick und den internen Erfolgsdruck bezogen wurde? Er habe sich nicht angesprochen gefühlt, so der Manager. "Unser Miteinander ist so gut wie am ersten Tag." Auch Rangnick lobte den Matchplan des Coaches: "Das Vorgehen war genau das richtige. So wie wir es heute gemacht haben, haben wir enorm viel für unsere Selbstvertrauen getan."

Quelle: ntv.de

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