Fußball

"Beschissener Abend" gegen Ajax Historische BVB-Blamage wirft Fragen auf

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Schon nach dem frühen 0:1 hingen die Köpfe der Dortmunder.

(Foto: picture alliance/dpa)

Erling Haaland trifft nicht, die Abwehr lässt sich überrollen. Ajax Amsterdam spielt sich in einen Rausch, Borussia Dortmund ergibt sich. Es ist die erste große Prüfung der Saison. Daran scheitert die Mannschaft von Marco Rose krachend. Für den Trainer ist es "ein beschissener Abend".

Der von allen Vereinen der Welt umworbene Erling Haaland stand an der Mittellinie und wartete auf den Anstoß zur zweiten Halbzeit. Kurz vor der Pause hatte er eine gute Chance vergeben. Aber für den BVB war noch alles drin. Noch einmal würden sie sich nicht so überrollen lassen. Das war ja unmöglich. Zu dominant hatte Ajax die erste Halbzeit gestaltet. Haaland blickte sich um. Er sah, was um ihn passierte.

Das Publikum in der Johan-Cruyff-Arena sang lauthals Bob Marleys "Three Little Birds" und wenn man genau hinschaute, sah man den Norweger die Zeile "every little thing gonna be alright" mitsingen. Wenig später krallte sich der 21-Jährige einen langen Hummels-Pass und hämmerte ihn auf das Tor von Keeper Remko Pasveer, der nach langem Tingeln durch die Eredivisie und die zweite niederländische Liga plötzlich Ajax-Stammtorhüter ist.

Pasveer lenkte Haalands Schuss in dem bislang größten Spiel seiner Karriere an die Latte. Weiter 2:0 für Amsterdam. Dem 37-Jährigen gefiel das, was er sah, einfach zu gut. "Kurz vor Pause und kurz nach der Pause habe ich zwei wichtige Paraden gehabt", sagte er nach dem erst dritten Champions-League-Spiel seiner Karriere. "Dortmund hatte nicht das Gefühl, dass sie wieder ins Spiel zurückkommen können." Damit hatte er einerseits recht, denn der BVB kam nicht zurück. Aber er hatte auch unrecht. An dem Abend, an dem Ajax den Bundesliga-Vertreter in Grund und Boden spielte, war der BVB nie ins Spiel gekommen.

Schon 19 Gegentreffer

Beim ersten großen Test der Saison zeigte die Mannschaft von Trainer Marco Rose keine Gegenwehr, verlor sich im Untergang und ließ sich von einem leidenschaftlich attackierenden Gegner und der überwältigenden Vor-Pandemie-Kulisse einschüchtern. "Wie nimmt man solche Situationen an gegen einen richtig starken Gegner?", fragte der Trainer der Dortmunder nach dem Spiel und antwortet direkt: "Ein Joshua Kimmich rastet da aus, und da ist dann Feuer unter dem Dach." Aber anstatt Kimmich standen eben anderen Spieler, Dortmunder Spieler dort, und die hatten Ajax bis auf vereinzelte Entlastungsangriffe über Haaland nichts entgegenzusetzen. Sie übten nicht einmal Druck auf den Gegner aus, sie ließen Räume zum Abschluss, gaben Geleitschutz, wie Verteidiger Emre Can vor Antonys 3:0 oder Sebastien Hallers 4:0. Es waren die Gegentreffer 18 und 19 in erst elf Pflichtspielen in Bundesliga und Champions League. Bemerkenswert schlecht.

"So stand das nicht auf dem Plan, dass wir hier so untergehen", sagte BVB-Kapitän Marco Reus nach dem Spiel und Rose sprach von einer Niederlage, "die uns zeigt, dass wir sehr hart arbeiten müssen." Die hoffnungslos unterlegenen Dortmunder suchten nach der Demontage in der Johan-Cruyff-Arena also erst gar nicht nach Ausreden. Noch nie hatten sie in einem Champions-League-Spiel höher verloren.

Hin und wieder kassierten sie 0:3-Pleiten, unter anderem gegen Rosenborg Trondheim in der desolaten 1999/2000er-Saison, bei der der spätere BVB-Profi Jan Derek Sorensen einen Doppelpack erzielte. Die Zeiten haben sich nicht geändert. Es ist durchaus möglich, dass auch im kommenden Jahr mit Sebastien Haller ein Torschütze die Seite wechselt und sein Glück erneut in der Bundesliga suchen wird. Doch das zählte gestern nicht, sondern nur die spektakulärste Nacht seit Beginn der Pandemie, die von den Fans im Stadium mit der Erinnerung an Trainerlegende Michels Ausspruch "Fußball ist Krieg" eingeleitet wurde.

Amsterdam siegt mit eigener Identität

Es schien, als habe ganz Amsterdam auf dieses Spiel hingefiebert. Zwar verschwanden die ersten zehn Minuten unter dem Pyro-Nebel, der sich lange über das Spielfeld ausbreitete und zumindest für die Dortmunder nie hätte verschwinden dürfen. Denn kaum war die Sicht klar, schoben die vom wilden Publikum angetriebenen Amsterdamer immer wieder an. "Es war fantastisch", sagte Daley Blind, der mit seinem fulminanten Treffer zum 2:0 das Spiel frühzeitig beendete. "Die Fans standen wieder voll hinter uns. Das gab einen Schub. Borussia ist eine Mannschaft, die sehr komplex spielt. Es ist nicht einfach, sie ständig unter Druck zu setzen. Ich denke, wir konnten das mit unserer eigenen Identität sehr gut machen." Er meinte damit natürlich den "voetbal total" für den Ajax schon immer stehen will und der unter Trainer Erik ten Hag eine Renaissance erlebt.

Eine Identität, die den Dortmundern bei ihrer ersten großen Bewährungsprobe der Saison komplett abging. Die Mannschaft ist im späten Oktober 2021, nach gut einem Viertel der aktuellen Spielzeit, weiter eine große Baustelle. Die langjährigen Versäumnisse in der Transferpolitik, die für eine Unwucht im Kader gesorgt hat, fielen erneut überdeutlich auf. An guten Tagen trägt die individuelle Klasse der Offensivspieler den BVB in Bundesliga-Spielen, die eben Bundesliga-Spiele gegen Mannschaften mit weniger individueller Klasse sind. An schlechten Tagen wiegen die Versäumnisse auf den defensiven Außenpositionen, auf denen nur der momentan verletzte Raphael Guerreiro internationale Klasse darstellt, schwer. So war es auch in Amsterdam.

Auf der linken Seite kämpfte erst der bemitleidenswerte Ex-Nationalspieler Nico Schulz mit seinem Selbstvertrauen und mit der Ajax-Übermacht und dann Emre Can, der Schulz an diesem für Borussia so desaströsen Abend eins zu eins ersetzte und sich von seiner schwächsten Seite zeigte. Auch er hatte dem überragenden Außenverteidiger Noussair Mazraoui und dem 21-jährigen Brasilianer Antony nichts entgegenzusetzen. Sie überrannten Schulz, sie zwangen den nach Form und Fitness ringenden Mats Hummels immer wieder zu Fehlern, die letztendlich zu den ersten beiden Treffern führten. All das geschah auch, weil Neuzugang Donyell Malen die Defensivarbeit maximal vernachlässigte und weil der BVB sich ein ums andere Mal aus der Verteidigung locken ließ.

BVB sucht Identität

Die Demontage in Amsterdam war ein Warnschuss für den BVB, der seine Champions-League-Gruppe nun kaum noch aus eigener Kraft gewinnen kann, und im Rückspiel dringend einen Sieg braucht, um nicht bis zum letzten Spiel in Lissabon um den Einzug ins Achtelfinale bangen zu müssen. Viel mehr geht international ohnehin nicht. Doch all das Gerede um einen Bundesliga-Titelkampf kann nun ebenfalls verstummen. Bayern München hat Joshua Kimmich und Dortmund nicht.

Bayern München ist seit zehn Jahren die Gegenwart des deutschen Fußballs und Borussia Dortmund immer nur ein Versprechen. Daran wird sich nichts ändern. Spielte aber an diesem Abend auch keine große Rolle. Außer bei Marco Rose. Der sagte noch: "Die Jungs finden den Abend genauso beschissen wie wir. Wir müssen das selbstkritisch aufarbeiten und weitermachen. Meine Mannschaft hat Charakter, das sind tolle Jungs. Wir müssen weitermachen und dann trotzdem Borussia Dortmund ausstrahlen." Was auch immer das bedeutet.

Einen Kimmich können sie sich nicht schnitzen. Sie müssen mit dem arbeiten, was sie haben. Sie müssen eine Identität entwickeln. Und seit Jahren will es ihnen nicht gelingen. Oder anders formuliert: Seit Jahren messen sie sich mit Bayern und zerbrechen daran. Eine übergeordnete Idee fehlt. Selten aber ist ein Untergang so historisch wie in Amsterdam. "Herrliches Ajax demütigte die Deutschen so wie Deutsche beinahe nie gedemütigt werden. Mit Fußball von einer erstaunlichen Überlegenheit walzte Ajax Borussia Dortmund nieder", schrieb die niederländische Zeitung "De Volkskrant". Was so nicht stimmt. Denn Deutsche werden sonst nur von Deutschen so gedemütigt. Genauer: von Bayern München, für die Trainer Erik ten Hag früher arbeitete.

Für Erling Haaland wird alles "alright" werden. Er ist ein Reisender am Beginn einer Welt-Karriere, aber auch einer, der immer den maximalen Erfolg will. Findet er ihn nicht in Dortmund, findet er ihn woanders. Amsterdam-Keeper Pasveer kann glücklich in Richtung Karriereende schauen. So eine Nacht hat er noch nie erlebt. Sie war die Krönung seiner bisherigen Karriere. Ajax hatte Borussia Dortmund einfach überrollt. Zum ersten Mal seit der letzten Finalsaison der Niederländer im Jahr 1995/1996 konnte Ajax die ersten drei Spiele in einer Champions-League-Saison gewinnen. "Für die Fans war es heute Abend sehr angenehm", sagte der Torhüter.

Quelle: ntv.de

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