Fußball

"Das ist eine kuriose Wende" Ilkay Gündogan - der stolze DFB-Kapitän

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Das Tragen der Kapitänsbinde hat Ilkay Gündogan "stolz" gemacht.

(Foto: dpa)

Der Sommer des vergangenen Jahres hat Ilkay Gündogan schwer getroffen. Für sein Foto mit Recep Tayyip Erdogan wird er heftig angefeindet. Seine Zukunft in der DFB-Elf? Offen. Gut neun Monate später tritt er als Kapitän der Mannschaft auf. Eine erstaunlich gute Geschichte.

Der Bundestrainer hätte die Kapitänsbinde natürlich auch Marco Reus geben können. Mit 29 Jahren war der Dortmunder nun schließlich der älteste deutsche Fußballer auf dem Platz - vertraut mit der Rolle aus seinem Verein. Auch Joshua Kimmich hätte sich angeboten. Der variable Bayern-Spieler verhält sich in der Nationalmannschaft zunehmend chefig. Auf dem Platz und als meinungsstarker Gesprächspartner. Mit 39 Einsätzen war er in der zweiten Halbzeit des Testspiels gegen Serbien am Mittwochabend in Wolfsburg (1:1) außerdem der länderspielerfahrenste Mann der neuen Zeitrechnung. Aber Joachim Löw entschied anders. Er wies seinen Torwart und Kapitän Manuel Neuer, der nach 45 Minuten planmäßig durch seinen ambitionierten Herausforderer Marc-André ter Stegen ersetzt wurde, an, die schwarzrotgoldene Binde an Ilkay Gündogan weiterzureichen. Ausgerechnet an Ilkay Gündogan.

"Das ist schon eine kuriose Wende irgendwie nach dem, was in den vergangenen Monaten alles passiert ist", erklärte der Spielmacher von Manchester City in den Katakomben der Wolfsburger Arena, gefasst, aber auch irgendwie ein bisschen aufgewühlt. So aufregend der Moment zwischen den Halbzeiten für den 28-Jährigen war, so unaufregend empfand Löw seine Entscheidung: "Ich habe mich umgeschaut und hatte das Gefühl, dass Ilkay von den Spielern die dafür infrage kamen, der erfahrenste ist."

Ein rein sportliche Entscheidung?

Deutschland - Serbien 1:1 (0:1)

Deutschland: Neuer (46. ter Stegen) - Klostermann (90. Kehrer), Tah, Süle, Halstenberg - Kimmich - Havertz (46. Reus), Gündogan - Brandt (56. Goretzka), Werner, Sané (90.) Schulz

Serbien: Dmitrovic - Rukavina, Spajic, Milenkovic, Bogosavac (79. Mitrovic) - Milinkovic-Savic (62. Lukic), Maksimovic (88. Jovicic), Gacinovic (62. Radonjic) - Ljajic, Jovic (70. Pavkov), Lazovic

Schiedsrichter: Madden (Schottland)

Tore: 0:1 (12.) Jovic, 1:1 (69.) Goretzka

Rote Karte: Pavkov (90.+3)

Eine rein sportliche, keine politische Entscheidung - so mochte der Trainer die Verantwortungsübertragung offenbar verstanden wissen. Die Turbulenzen des vergangenen Jahres - abgehakt. Auch bei den Fans. Keine kollektiven Pfiffe, keine offene Ablehnung wie noch am 9. Juni 2018, als Gündogan beim WM-Härtetest in Leverkusen gegen Saudi-Arabien gnadenlos verachtet worden war, als jeder Ballverlust, jedes Foul gefeiert wurde. Gündogan - das war kein Deutscher. Schon gar kein stolzer DFB'ler. Diese Botschaft bekam er vermittelt.

Ein Foto war über die sozialen Medien verbereitet worden. Knapp vier Wochen vorher, nur zwei Tage vor der deutschen Kaderbekanntgabe für die Weltmeisterschaft in Russland. Ilkay Gündogan war auf diesem Foto. Auch Mesut Özil. Auch Cenk Tosun. Und mit ihnen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die beiden deutschen Nationalspieler und der in Deutschland geborene türkische Auswahlspieler hatten Erdogan in London getroffen. Und mit ihm einen Mann, der das Grundverständnis von Demokratie komplett aussetzt und in seiner Heimat gegen alle oppositionellen Gruppen extrem repressiv agiert. Es war ein Foto, das die deutsche Gesellschaft an ihrer Achillesferse wochenlang heftig reizte. Es war ein Foto, das eine verbreitete Feindseligkeit gegen deutsche Fußballer mit Migrationshintergrund offenbarte.

"Zweifel, ob es jemals wie früher werden kann"

Dem Fußballer Gündogan nahm der Hass das Selbstvertrauen. Seine Erklärung "kein politisches Statement setzen zu wollen" verhallte. Sein Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (auch Özil nahm daran teil) wurde von vielen als Inszenierung zur Schadensbegrenzung abgetan. Bei der WM bekam er nur gegen Schweden eine Chance, als er für den verletzten Sebastian Rudy nach 31 Minuten eingewechselt wurde. In einer mäßigen Mannschaft fiel er nicht groß auf. In unserer Einzelkritik bewerteten wir seine Leistung dennoch als "gehemmt". Über die schwierige Zeit sagte er in einem Interview mit der "Berliner Morgenpost": "Es gab zwar keine Rücktrittsgedanken, aber es gab Zweifel nach der Sache mit den Fotos, ob es jemals wieder so werden kann wie früher. Wenn man von vielen so attackiert wird, von den eigenen Fans ausgepfiffen und von einem deutschen Politiker beleidigt wird, dann macht man sich Gedanken. Aber ich will nicht davonlaufen. Ich will mich der Situation stellen."

Das hat Gündogan getan. Nun auch als Kapitän. Als ballsicherer und mutiger Stratege mit intelligenten Pässen in die Breite, in die Tiefe. Mit klaren Anweisungen an seine jungen Mitspieler, mit der indirekten Vorbereitungen des Treffers von Leon Goretzka (69.) als er den direkten Vorbereiter Reus perfekt freigespielt hatte. Und beinahe auch mit seinem fünften Treffer für Deutschland - der jedoch wurde durch eine gerade noch heranfliegende Grätsche des Serben Nikola Maksimovic vor dem leeren Tor spektakulär verhindert (65.). Für Gündogan, der vorerst nur den geschonten Toni Kroos ersetzte und dem am Sonntag beim EM-Qualifikationsauftakt in Amsterdam gegen die Niederlande (20.45 Uhr bei RTL und im ntv.de-Liveticker) wieder die Bank droht, war's dennoch ein überragender Abend: "Ich habe die Kapitänsbinde voller Respekt angenommen von Manu. Die Binde zum ersten Mal zu tragen, war etwas Besonderes. Ich war natürlich stolz!" Gündogan ist ein wichtiger Teil des deutschen Teams. Selbstverständlich - wieder.

Quelle: n-tv.de

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