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Schon in der Halbzeitpause mussten die ghanaischen Spieler unter Polizeischutz in die Kabine begleitet werden.
Schon in der Halbzeitpause mussten die ghanaischen Spieler unter Polizeischutz in die Kabine begleitet werden.(Foto: REUTERS)
Freitag, 06. Februar 2015

Pfannenstiel über den Afrika-Cup: "In 20 Minuten des Wahnsinns alles zerstört"

Schon in der Halbzeitpause ist die Stimmung im Halbfinale des Afrika-Cups zwischen Gastgeber Äquatorialguinea und Ghana beim Stand von 0:2 kritisch. Kurz vor Schluss eskaliert die Situation dann komplett, das Spiel steht vor dem Abbruch. Afrika-Experte Lutz Pfannenstiel zeigt sich schockiert über die für den afrikanischen Fußball völlig untypische Gewalteskalation. Eine unfreiwillige Mitschuld sieht er beim Trainer der Gastgeber. Dass die Partie nach 40-minütiger Unterbrechung noch einmal angepfiffen wird, kritisiert er als "unethisch".

Lutz Pfannenstiel ist Experte für internationalen Fußball.
Lutz Pfannenstiel ist Experte für internationalen Fußball.

Verängstigte Fans auf dem Rasen, Felsbrocken, Teller und Spiegelscherben als Wurfgeschosse, blutverschmierte Werbebanden, Helikopter im Stadion, Tränengas. Was ist beim Halbfinale des Afrika-Cups zwischen Äquatorialguinea und Ghana passiert?

Das war das hässliche Gesicht des Fußballs in Afrika und für mich völlig unverständlich. Es gab überhaupt keinen Grund dafür, dass die Emotionen derart hochgekocht sind. Zumal es bei diesem Turnier zuvor ordentlich zugegangen ist. Auf den Zuschauerrängen und vor dem Stadion gab es eigentlich keine Zwischenfälle.

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 12 Ländern - darunter auch 2 in Südamerika -, nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender tätig. Er ist Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortet er zudem den Bereich International Relations und Scouting. Pfannenstiel ist Mitgründer von Global United. Er ist bei Twitter aktiv.

Wie typisch ist gewalttätige Randale für den afrikanischen Fußball?

Es kommt ab und zu mal vor, dass alles komplett falsch läuft. Aber es gibt viel, viel weniger Randale als in anderen Ländern. Ein Afrika-Cup ist immer ein Turnier der Freundschaft, der Fans, der Farben, der Emotionen, ja fast der Liebe. Deswegen sind Szenen wie in Malabo völlig untypisch und keinesfalls an der Tagesordnung. Man würde ein falsches Bild zeichnen, wenn man sagt: Bei den Afrikanern geht es immer wild und aggressiv zu. Das stimmt nicht, das ist schlicht und einfach falsch.

Warum ist die Lage in Malabo derart eskaliert?

Kurz vor der Halbzeit wurde es auf den Zuschauerrängen zum ersten Mal kritisch nach dem Elfmeterpfiff für Ghana. Da hagelte es die ersten Flaschen. Als die Ghanaer dann in die Halbzeitpause wollten, wurde mehr oder weniger alles auf die ghanaischen Spieler geschmissen. Nach der Pause wurden dann die ghanaischen Fans attackiert, die gar nichts gemacht haben, sondern einfach nur Fans waren. Als die dann vor den Angriffen in den Innenraum des Stadions geflüchtet sind, wurde es immer hektischer.

Flucht in den Innenraum: Ghanaische Fans und Pressevertreter versuchten sich den Wurfgeschossen der Heimzuschauer zu entziehen.
Flucht in den Innenraum: Ghanaische Fans und Pressevertreter versuchten sich den Wurfgeschossen der Heimzuschauer zu entziehen.(Foto: imago/Xinhua)

Inwiefern?

Einige der einheimischen Zuschauer sind wirklich total durchgedreht und haben alles, was sie erwischt haben, auf den Platz und die Ghanaer geschmissen. Der Schiedsrichter hat unterbrochen, erst dann kam die Riot Police rein, hat Tränengas eingesetzt. Ganz extrem war aber, dass zwei Militärhubschrauber fast in die Tribünen reingeflogen sind. Die waren nur noch wenige Meter von den Zuschauern entfernt, um die randalierenden Fans zu erschrecken, für Ordnung zu sorgen und aus dem Stadion zu treiben.

War der Unmut der Zuschauer über den Schiedsrichter berechtigt?

Absolut nicht. Der Schiedsrichter aus Gabun hat einwandfrei gepfiffen. Es war keine Situation dabei, wo ich sagen würde: totale Fehlentscheidung! Die Ghanaer waren von A bis Z überlegen, sie waren einfach besser. Es war nichts drin in dem Spiel, um so zu reagieren. Was mich deshalb persönlich geärgert hat, war, dass sich Äquatorialguineas Trainer Esteban Becker dazu hinreißen lassen hat, die ganze Zeit mit seinen unnötigen Forderungen von Gelben Karten die Zuschauer zusätzlich aufzuputschen. Das wollte er wahrscheinlich gar nicht, aber dadurch hat er die Fans noch mehr zur Weißglut gebracht. Und dann ging es halt los mit der ganzen Schmeißerei.

Die Randale ging vor dem Stadion weiter. Trotzdem wurde nach 40-minütiger Unterbrechung beim Stand von 3:0 für Ghana in einem fast leeren Stadion noch einmal für drei Minuten angepfiffen. Warum?

Das war für mich eigentlich eine der schockierendsten Sachen und völlig unverständlich. Es war einfach nicht richtig, das Spiel beim Stand von 3:0 nochmal anzupfeifen, wenn sich draußen nur wenige Meter entfernt gewalttätige Jagdszenen abspielen. Die Heimfans sind auf die ghanaischen Fans losgegangen, dann die Polizei auf alle, es waren wirklich ganz hässliche Szenen. Dass man dann banal noch drei Minuten nachspielen lässt in einem lange entschiedenen Spiel, ist unethisch.

Die Ausrichtung in der Diktatur Äquatorialguinea war ohnehin äußerst umstritten, die schweren Ausschreitungen werfen nun einen weiteren Schatten auf das Turnier. Wie lautet Ihr bisheriges Turnierfazit?

Es war bisher ein sehr schönes Turnier. Der einzige bittere Beigeschmack war der unberechtigte Elfmeter für Äquatorialguinea im Viertelfinale gegen Tunesien. Aber gestern hat man sich innerhalb von 20 Minuten des Wahnsinns alles kaputt gemacht, was man sich aufgebaut hatte. Und nicht nur Äquatorialguinea und dieses Turnier leiden darunter, sondern der ganze afrikanische Fußball hat damit einen dunklen Fleck auf der Weste, der genauso unnötig war, wie ein Kropf.

Im Endspiel trifft Ghana am Sonntag auf die Elfenbeinküste. Welche Stimmung wird dann im Stadion herrschen?

Das ist sportlich ein Traumfinale, weil es zwei der besten Mannschaften Afrikas sind. Die Frage ist, ob das Stadion überhaupt voll sein wird. Es wäre schade, wenn ein Afrika-Cup-Finale in einem halbleeren Stadion stattfinden würde. Darum hoffe ich, dass man das Ganze relativ schnell verarbeitet und wir am Sonntag aus sportlicher Sicht ein hochklassiges Finale mit einer guten, friedlichen Stimmung sehen. Ich gehe aber davon aus, dass die ganzen einheimischen Fans nicht Ghana unterstützen werden, sondern die Elfenbeinküste.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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