Sport
Dieses Foto ist so alt, dass es nachträglich koloriert wurde: Der FC Schalke 04 feiert am 18. Mai 1958 die deutsche Fußballmeisterschaft. Zu sehen sind, oben, von links: Heinz Kördel, Manfred Kreuz, Willi Koslowski, Otto Laszig, Berni Klodt mit der Schale, Trainer Edi Frühwirth, Günter Siebert und Günter Karnhof. Vorne: Herbert Sadlowski, Torwart Manfred Orzessek und Günter Brocker.
Dieses Foto ist so alt, dass es nachträglich koloriert wurde: Der FC Schalke 04 feiert am 18. Mai 1958 die deutsche Fußballmeisterschaft. Zu sehen sind, oben, von links: Heinz Kördel, Manfred Kreuz, Willi Koslowski, Otto Laszig, Berni Klodt mit der Schale, Trainer Edi Frühwirth, Günter Siebert und Günter Karnhof. Vorne: Herbert Sadlowski, Torwart Manfred Orzessek und Günter Brocker.(Foto: imago/Horstmüller)
Freitag, 18. Mai 2018

Schalke 60 Jahre kein Meister: Irgendwann mit der Schale in der Hand?

Von Ben Redelings

Eine Geschichte von zwei Geburten, einem sehr glücklichen Kapitän und frischgebackenen Vater und von einem Leben ohne Schale in der Hand. Das ganze Ruhrgebiet schaut heute auf den FC Schalke 04 - und unser Kolumnist gratuliert zum Geburtstag.

Für Menschen aus anderen Teilen der Republik ist die Sache sonnenklar: Im Ruhrgebiet sind sich die Vereine und ihre Fans spinnefeind. Alle. Da regiert die Parole: "Tod und Hass dem ..."! Wehe, einer vom anderen Lager wagt es Feindesland zu betreten. Dann hat der Arsch aber schön Kirmes. Niemals würde ein Anhänger aus Herne-West einem Fan aus Lüdenscheid-Nord die Hand geben. Eher würde er sich die Hand abhacken lassen. Und ein RWE-Anhänger, der staubedingt durch Gelsenkirchen umgeleitet wird (nicht umsonst heißt unsere Schnellstraße hier "Ruhrschleichweg"), stellt vorher nicht nur die Klimaanlage aus, sondern verschließt seine Karre vor der Durchfahrt durch die No-Go-Area erst einmal von innen luftdicht mit Silikon. Eine Tube hat er selbstverständlich für den Notfall stets im Auto dabei.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Dass sich die Realität im Pott jedoch im Alltag nicht immer ganz so martialisch gestaltet und gut und böse sich nicht so feinsäuberlich trennen lassen, wie man das vielleicht möchte, ist eine andere Geschichte. Wo so viele Millionen Menschen auf engstem Raum leben, ist eine natürliche Durchmischung der einzelnen Fanlager einfach nicht zu vermeiden – auch wenn das nicht jeder wahrhaben will: "Hömma, bist du Scheiße? Ich soll ne Zecke kennen? Ich gib dir gleich mal ne Zecke, du!" "Und was ist mit Onkel Günter?" "Wat soll mit dem sein? Oh, ja gut. Haste Recht. Aber der ist Familie. Da kann ich nichts für!"

Als am Morgen des 18. Mai 1958 in der Straße "Am Freibad" in Wanne-Eickel die Sonne aufging, ahnte noch niemand, dass an diesem Tag gleich zwei ganz besondere Dinge geschehen sollten. Ruhig war es draußen, ungewöhnlich ruhig für einen Sonntag. Nur einige Kinder spielten, wie sie es immer taten, auf der Straße Fußball. Aber ihre Väter waren weit und breit nicht zu sehen. Margret J. blickte aus dem Fenster. Diese Ruhe gefiel ihr. Sie setzte sich auf die Couch und hielt sich ihren kugelrunden Bauch. Ja, dachte sie, heute könnte es soweit sein. Endlich. Wenn doch nur ihr Mann da wäre!

30.000 Schalker im Niedersachsenstadion

Einige Kilometer weiter in Gelsenkirchen ging es einer anderen Frau ganz ähnlich. Annette Klodt lag in den Wehen und ihr Mann war ebenfalls nicht an ihrer Seite. Berni Klodt saß derweil in Hannover und wartete sehnsüchtig darauf, dass er endlich Vater wird - denn er hatte an diesem Tage noch etwas Wichtiges vor. Um 15 Uhr würde das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft im Niedersachsenstadion angepfiffen werden und Bernis Mannschaftskameraden seines Vereins, dem FC Schalke 04, hätten ihren Kapitän natürlich gerne mit auf dem Platz.

Und nochmal Bernie Klodt - mit der Meisterschale inmitten der Fans. Damals ahnte ja keiner, dass es die letzte Meisterschaft für sehr, sehr, sehr lange Zeit sein würde.
Und nochmal Bernie Klodt - mit der Meisterschale inmitten der Fans. Damals ahnte ja keiner, dass es die letzte Meisterschaft für sehr, sehr, sehr lange Zeit sein würde.(Foto: imago/Horstmüller)

In Wanne-Eickel hatte die Familie von Margret J. mit Fußball nicht viel am Hut. Ihr Mann Heinz war als Fernfahrer viel unterwegs und wenn er denn einmal zu Hause bei seiner Familie war, dann freute er sich auf seine Couch, ein leckeres Bierchen und seine Ruhe. Dass die komplette Nachbarschaft schon seit Tagen auf das Spiel in Hannover hinfieberte, hatte Margret mitbekommen, aber im nächsten Moment bereits wieder vergessen. Deshalb wunderte sie sich immer noch über die herrliche Ruhe in der Siedlung.

Kein Wunder, dass es "Am Freibad" in Wanne-Eickel so friedlich und überschaubar zuging, denn über 30.000 Schalker hatten sich schon im Morgengrauen aus dem Revier auf die Reise ins Niedersachsenstadion begeben. Nun konnten sie es kaum erwarten, dass das Spiel endlich angepfiffen wird. Und als dann auch noch die Runde machte, dass Berni Klodt aus der Heimat die erfreuliche Nachricht erhalten habe, er wäre Papa geworden, kannte die Vorfreude keine Grenzen mehr.

Geboren am 18. Mai 1958

Doch nicht nur in Gelsenkirchen und Hannover freute man sich, auch in Wanne-Eickel stieg die Spannungskurve. Margret J. hatte nach der Hebamme geschickt. Mittlerweile war im Niedersachsenstadion eine halbe Stunde gespielt. Berni Klodt, der frischgebackene Vater, trumpfte groß auf. Nach fünf Minuten hatte er sein Team mit 1:0 in Führung geschossen und nach 30 Minuten das 2:0 für seine Schalkeer gegen den Hamburger SV nachgelegt. Die Königsblauen standen Kopf. Das 3:0 kurz vor Ende der Partie durch Manfred Kreuz ging im Freudentaumel fast schon unter. Der FC Schalke 04 holte an diesem 18. Mai 1958 in Hannover seine siebte Meisterschaft. Was für ein wunderschöner Tag für alle Fans der Königsblauen.

In Wanne-Eickel war es mit der Ruhe unterdessen auch vorbei. Die Menschen liefen freudestrahlend auf die Straßen und feierten. Auch "Am Freibad" war man in einer kleinen Wohnung sehr glücklich und zufrieden, aber auch erschöpft. Abseits des Trubels um den FC Schalke 04 hatte Magret J. eine Tochter geboren. Marion wird heute 60 Jahre jung. Ihr Mann, ein glühender Fan des S04, wartet gemeinsam mit seiner Frau und vielen, vielen Schalkern seit 60 Jahren darauf, endlich mit seinem Verein Deutscher Meister zu werden.

Im Ruhrgebiet kannst du dir nicht aussuchen, in welche Familie du reinheiratest. Mein Schwiegervater ist wie ich Anhänger des VfL Bochum. Doch der Rest der angeheirateten Sippe ist königsblau gefärbt. Das ist nicht schön - aber es geht. Und an diesem ganz besonderen Tag, liebe Marion, wünsche ich dir deshalb nicht nur alles Gute zum Geburtstag, sondern auch, dass du einmal in deinem Leben zusammen mit deinem Mann die Meisterschaft bejubeln kannst. Der Satz fällt mir nicht leicht - aber er kommt von Herzen. Herzlichen Glückwunsch & Glück auf!

Das neue Buch unseres Kolumnisten: "55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum" bei Amazon bestellen. Redelings ist deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Datenschutz

Quelle: n-tv.de