Fußball

Zumindest gut für Herthas Image Kann Klinsmann noch Trainer?

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"Ich habe nur kurz Zuhause angerufen, ob es okay ist, wenn ich nicht gleich heimkomme": Jürgen Klinsmann.

(Foto: imago images/Metodi Popow)

Für Beratungen um seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied kommt Jürgen Klinsmann aus Kalifornien nach Berlin - und muss dann erstmal nachfragen, ob er länger bleiben darf. Nun ist er Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Damit arbeitet der Klub an seinem Image.

Immer, wenn Legenden des Fußballs in Berlin auftauchen, ist in der Hauptstadt richtig was los. "So voll war es zuletzt bei der Vorstellung des neuen Trainers Otto Rehhagel." Das war am 9. Februar 2012. Nun ist der 27. November 2019 und Michael Preetz grinst im völlig überfüllten Pressekonferenzraum von Hertha BSC vor der mit den Logos der Sponsoren verzierten Wand in die klackernden Kameras. Neben ihm: Jürgen Klinsmann. Ihn hat der Manager des Fußball-Bundesligisten an diesem regnerischen Mittwochnachmittag als neuen Trainer vorgestellt. Der Weltmeister von 1990 ist die vorläufige Zukunft, erst einmal bis zum Saisonende. Und der Verein ist seinem eigenen Anspruch, ein "Big City Club" sein zu wollen, ein Stück nähergekommen - zumindest, was die Strahlkraft des Namens betrifft.

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Und dann flugs auf den Trainingsplatz: Klinsmann und Andreas Köpke.

(Foto: REUTERS)

Klinsmann, 55 Jahre alt, ist ein Mann von Welt für den Klub, der - geht es nach Investor Lars Windhorst - in die Phalanx der großen Vereine wie Real Madrid und Manchester City einbrechen will. Als wäre Klinsmann nicht genug, hilft Bundestorwarttrainer Andreas Köpke bis zum Ende des Jahres aus. Außerdem wird der Job des Performance-Managers - einer Art Schnittstelle zwischen Trainer und Management - geschaffen, den der frühere Herthaner und 82-malige Nationalspieler Arne Friedrich bekleiden wird. Drei klingende Namen, damit setzt Windhorst, der für 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile am Klub bekam, so langsam, aber sicher seine Ideen durch.

Als Aufsichtsratsmitglied und Berater von Windhorst war Klinsmann Anfang des Monats bei Hertha BSC eingestiegen. Er war eigentlich nur in Berlin, um diese Funktion näher zu definieren. Dann plötzlich die Wende: "Ich habe nur kurz Zuhause angerufen, ob es okay ist, wenn ich nicht gleich heimkomme." Seine Frau Debby wohnt schließlich in Kalifornien. Sein Stab dagegen, zu dem zusätzlich die Assistenztrainer Alexander Nouri und Markus Feldhoff gehören, war bereits vorbereitet, sagte Klinsmann. Er habe für alle Eventualitäten Teams parat, die in Südamerika, England oder eben in Deutschland mit ihm arbeiten wollen.

Bekommt Manager Preetz ein Problem?

Dennoch habe sich der Trainerjob bei der Hertha so spontan ergeben, dass Klinsmann bei der Vorstellung noch nicht einmal wusste, wie es nun mit seinem Posten im Aufsichtsrat weitergeht. Preetz weiß mehr: er ruht. Dabei ist seine Personalie eine sinnvolle und durchaus naheliegende Entscheidung des Vereins. Denn eine weitere Zusammenarbeit mit Trainer Ante Covic wäre nicht sinnvoll gewesen. Sein Plan vom Offensivfußball scheiterte, die Spieler waren im Vergleich zur vergangenen Saison teils wie ausgewechselt, vor allem das üble 0:4 beim FC Augsburg am vergangenen Wochenende glich einer Bankrotterklärung. In der Tabelle stehen die Berliner auf Platz 15, punktgleich mit dem 16. Fortuna Düsseldorf. Der vermeintliche Wunschkandidat Niko Kovac hatte am Dienstag gesagt, eine Auszeit nehmen zu wollen.

Die Namen Klinsmann, Köpke, Friedrich strahlen ohnehin viel mehr als Covic. Dass der gescheitert ist, wirft aber auch kein gutes Licht auf Preetz. Klinsmann ist nun schon der elfte Trainer in seinen zehn Jahren als Manager. Und so muss er sich Fragen gefallen lassen, ob die jüngste Personalentscheidung etwa einen bevorstehenden Machtwechsel bedeutet. Preetz‘ resolute Antwort: "Es gibt keine Machtübernahme, es gibt ein Miteinander."

Während personell also angeblich alles gut ist, zählt für Klinsmann nur eins: "Das wichtigste ist nach oben zu klettern. Wenn man dann mal hoffentlich wieder im gesicherten Tabellenmittelfeld ist, gilt auch da wieder: nach oben klettern." Etwas, das er seinen Spielern schnell eintrichtern muss, schließlich steht am Samstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) das schwere Spiel gegen die ebenfalls angeschlagene, aber immer noch ungleich erfolgreichere Borussia aus Dortmund an. Wenn BVB-Trainer Lucien Favre um seinen Job spielt, könnten Neu-Nationalspieler Niklas Stark, Abwehrhühne Karim Rekik, Rekord-Transfer Dodi Lukebakio, Dedryck Boyata, Javairo Dilrosun, Ondrej Duda und den Sturm-Oldies Vedad Ibisevic sowie Salomon Kalou dank neuem Trainer zu alter Stärke auflaufen. Was ein Wechsel bewirken kann, zeigt sich gerade erst beim FC Bayern.

Buddhas? "Mit mir nie etwas zu tun gehabt"

Ein Verein, dem Hertha BSC möglichst bald ebenbürtig sein will. Da kommt Klinsmann gerade recht, der weiß, wie man aus einer Krise den Aufstieg schaffen kann. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat er nach den grausigen Jahren um die Jahrtausendwende wiederbelebt und allen Fans das Fußball-Sommermärchen von 2006 beschert. Und dass von seiner zehnmonatigen Zeit beim FC Bayern nur die Buddha-Figuren in Erinnerung geblieben sind, sei gar nicht seine Schuld: "Die haben mit mir nie etwas zu tun gehabt - das war eine gern gelesene Mediengeschichte". Auch ohne Buddhas, sein Engagement als US-Nationaltrainer von 2011 bis 2016 war ebenfalls nicht so erfolgreich, wie es sich der Verband gewünscht hätte - der Fußball dümpelt in den USA dahin.

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Helfer in der Not: Alexander Nouri.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Seit gut drei Jahren hat Klinsmann keine Mannschaft mehr trainiert, Nouri hat bei seinem bisher letzten Engagement beim FC Ingolstadt in acht Spielen nicht einen Sieg gelandet. Nun übernehmen beide ein Team in der Krise - und vor allem Klinsmann halst sich damit durchaus Verantwortung auf. Zu Hertha BSC hat er bislang vor allem eine emotionale Verbindung: Schon als kleiner Junge kam er durch seinen Vater - "er würde diese Situation sehr gerne miterleben, aber er ist nun einmal nicht mehr da" - mit dem Klub in Verbindung, er ist Mitglied, sein Sohn Jonathan war zwei Jahre lang als Torhüter angestellt.

Ähnlich geht es übrigens Köpke: Sohn Pascal ist Stürmer - und in dieser Funktion seit eineinhalb Jahren im Klub, hat aber noch nicht für die Profis gespielt. Klinsmann und Köpke, diese beiden Persönlichkeiten des deutschen Fußballs, strahlen ab sofort also aus Berlin. Sie überstrahlen womöglich vorerst die sportliche Krise. Doch ab Samstag geht es ausschließlich um Punkte, die werden ganz schnöde zusammengezählt. Und so bleibt offen, ob Hertha BSC das große Tor zur großen, schillernden Fußballwelt so einfach aufstoßen kann. Dazu gehört dann doch so einiges mehr als Namen mit Strahlkraft. Mit Otto Rehhagel sind die Berliner seinerzeit in die zweite Liga abgestiegen.

Quelle: n-tv.de