Fußball

Rekorde, TV-Zeiten, Hoffnungen Kick für die Bundesliga: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

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Alex Popp spielt bereits ihre elfte Saison beim VfL Wolfsburg.

(Foto: IMAGO/Beautiful Sports)

Vor 47 Tagen verliert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft knapp das EM-Finale gegen England. Nun stehen sich die DFB-Spielerinnen wieder gegenüber - in der Bundesliga. Was vom Hype geblieben ist, was die finanziellen Forderungen sind und wo die Spiele zu sehen sind.

Nach der EM ist vor der Bundesliga - bleibt der Hype?

Das wünschen sich zumindest alle beteiligten. Nur 47 Tage nach dem gegen England verlorenen EM-Finale von Wembley hoffen Eintracht Frankfurt und der FC Bayern München mit zahlreichen EM-Teilnehmerinnen (19.15 Uhr/Magentasport und Eurosport) auf mehr als 20.000 Fans im Deutsche Bank Park, wo normalerweise Frankfurts Bundesliga-Männer spielen. Angaben zum Stand der verkauften Tickets machte die Eintracht nicht. Die bisherige Besucher-Bestmarke solle aber geknackt werden, sie stammt von 2014, als der VfL Wolfsburg gegen den 1. FFC Frankfurt vor 12.464 Fans spielte.

Frankfurts Nationalspielerin Nicole Anyomi sagte im ntv.de-Interview: "Ich hoffe, dass wir viele Menschen, vor allem Mädchen und Frauen begeistern konnten, die sich jetzt Frauenfußball anschauen und anfangen, selbst zu spielen." Mit Blick auf die guten Zuschauerzahlen zuletzt im DFB-Pokal sieht sie die Folgen des Hypes. "Das ist für uns etwas ganz Besonderes und Schönes. Damit wissen wir auch, dass wir den Leuten bei der EM etwas Gutes gezeigt und sie bereichert haben."

Auch DFB-Kapitänin Alexandra Popp sagte: "Ich hoffe natürlich schon, dass gerade in den Bundesliga-Spielen viele, viele Zuschauer kommen. Gerade die, die wir neu begeistert haben." Und betonte: "Da sage ich auch ganz ehrlich: Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Wie geht's los in der Fußball-Bundesliga?

Den Auftakt macht das Highlight Frankfurt und die Bayern, der Titelverteidiger und DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg um Popp startet am Samstag gegen die SGS Essen (13 Uhr, alle Spiele im ntv.de-Liveticker).

Auch am zweiten Spieltag gibt es ein Spiel in einer großen Arena: Die TSG 1899 Hoffenheim fordert am 24. September (17.55 Uhr) in Sinsheim die Wolfsburgerinnen. Fest steht auch, dass die Partie von Werder Bremen gegen den SC Freiburg am achten Spieltag im Weserstadion ausgetragen wird. Alleine durch diese Maßnahmen dürfte der Zuschauerschnitt in der neuen Runde deutlich ansteigen - zuletzt lag er bei nur gut 800.

Wolfsburgs EM-Star Lena Oberdorf betonte: "Man kann nicht erwarten, dass es jetzt von null auf hundert geht und mit 40.000 Zuschauern auf einmal alles ausverkauft ist." Dies sei ein Prozess, der sich "erst über Jahre oder vielleicht in dieser Saison entwickeln muss". Doch sie zog auch einen Vergleich mit der englischen Women's Super League: "Ich würde mir wünschen, dass die deutsche Liga dadurch mehr Sichtbarkeit erlangt, dass man sie für alle zugänglich machen kann."

Wer sorgte für die populärsten Wechsel des Sommers?

Die Double-Siegerinnen aus Wolfsburg haben mit Jule Brand, Torhüterin Merle Frohms und Verteidigerin Marina Hegering gleich drei DFB-Asse verpflichtet. Der VfL würde mit dem Gewinn des achten Titels alleiniger Rekordmeister werden und den 1. FFC Frankfurt (beide sieben) übertrumpfen. Die Bayern verpflichteten die einzige Europameisterin der Liga: die Engländerin Georgia Stanway. Sie musste bei ihrem Start im Team singen - und suchte sich prompt "Sweet Caroline" aus, zu dem die Engländerinnen im Turnier mit ihren Fans feierten. "Das war schon ein bisschen frech", hatte Giulia Gwinn bei Sky gesagt.

Wer sind die Stars der Liga?

Alexandra Popp geht mit dem VfL Wolfsburg bereits in ihre elfte Saison. Bei der EM stellte sie einmal mehr ihre Klasse unter Beweis. Musste sich mit sechs Turniertreffern nur knapp Beth Mead geschlagen geben, die mit mehr Vorlagen den Titel als beste Schützin einheimste.

Mit ihr im Klub spielt auch EM-Star Lena Oberdorf, die als beste Jungspielerin ausgezeichnet wurde. Auch ihre Zimmerkollegin Sveindis Jane Jonsdottir aus Island macht mit ihren gerade einmal 21 Jahren bereits nachhaltig auf sich aufmerksam. Kollegin Ewa Pajor aus Polen gehört seit Jahren zu den gefährlichsten Stürmerinnen der Liga. Der jungen Jule Brand gehört die Zukunft, bei der TSG Hoffenheim zeigte sie in der vergangenen Saison ihre Klasse, auch bei der EM spielte sie gut auf - und gehört nun dem vermeintlich besten Team der Liga an.

Bei den wohl ärgsten Konkurrentinnen aus München gehört Neuzugang Stanway als Europameisterin zu den "Players to watch". Lea Schüller ist die amtierende Torschützenkönigin der Liga, auch ihre Positionskollegin Jovana Damjanovic ist seit Jahren eine Stütze des Teams. Bei ihrer Vertragsverlängerung im Juni nannte die Sportliche Leiterin Bianca Rech die Serbin eine " unglaubliche Persönlichkeit", die aus dem Team nicht wegzudenken sei.

Wer spielt um die Titel und die Champions League?

Die Double-Gewinnerinnen aus Wolfsburg gehen erneut als Favoritinnen in die Saison. Die größte Konkurrenz kommt von den Vize-Meisterinnen aus München, die mit ihrem neuen Trainer Alexander Straus einen dominanten Ballbesitzfußball spielen wollen.

Diese beiden Teams scheinen auch in dieser Saison enteilt, würden sich damit erneut für die Champions League qualifizieren. Dahinter aber wird es eng. In der vergangenen Saison setzte sich Eintracht Frankfurt als Dritter durch, die Frankfurterinnen verpassten dann aber die Champions League im Qualifikationsturnier. Ebenfalls mit im Geschäft um den europäischen Wettbewerb dabei sein dürften die TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen.

Der Traditionsklub Turbine Potsdam dagegen muss sich wohl weiter unten in der Tabelle umschauen. Die vergangenen Jahre waren bereits nicht mehr so erfolgreich, zuletzt gab es Turbulenzen in der Vereinsführung, auch der Trainer wechselte von Sofian Chahed zu Sebastian Middeke. 14 Spielerinnen verließen im Sommer den Verein, 16 Neue kamen hinzu. Der Verein in Hauptstadtnähe könnte in den kommenden ohnehin unter den vielfältigen Bestrebungen der Berliner Klubs leiden. Mit Union und Viktoria haben zwei ihre Bemühungen, die erste Liga zu erreichen, bereits intensiviert. Bis zur 1. Liga haben die beiden Klubs aber noch einen weiten Weg mit zwei Aufstiegen aus der Regionalliga vor sich.

Wie stehen die Chancen im europäischen Wettbewerb?

Als Meisterinnen sind die Wölfinnen bereits für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. In der vergangenen Saison war erst im Halbfinale gegen das vermeintlich beste Team der Welt, den FC Barcelona, Schluss. Aufgrund der personellen Verstärkungen zählen die Wolfsburgerinnen auch diesmal zum Kreis der Favoritinnen.

Für den FC Bayern steht bereits am 20. September das Hinspiel gegen die spanischen Vize-Meisterinnen von Real Sociedad an, am 29. September geht es im Rückspiel dann endgültig um die Qualifikation für die Gruppenphase. Die Münchnerinnen müssen sich zum ersten Mal für die Königsklasse qualifizieren. Trainer Straus sagte nach der Auslosung: "Es wird ein interessantes Spiel, aber ich denke wir haben gute Chancen, uns zu qualifizieren. Da sind wir optimistisch und positiv gestimmt." Zuletzt mussten sich die Bayern im Viertelfinale dem französischen Topklub Paris St. Germain geschlagen geben.

Gibt es denn mit mehr Aufmerksamkeit auch mehr Geld für die Spielerinnen?

Im Social-Media-Zeitalter sind die Vermarktungsmöglichkeiten ganz andere - und der gesellschaftliche Druck auf Verbände und Vereine, den Fußballerinnen endlich bessere Bedingungen zu bieten, ist hoch. So schaute selbst Kanzler Olaf Scholz kurz nach dem EM-Turnier in der neuen DFB-Zentrale in Frankfurt vorbei, um seiner Forderung nach gleicher Bezahlung der Nationalspielerinnen Nachdruck zu verleihen.

Karl-Heinz Rummenigge, ehemaliger Vorstandsboss des FC Bayern, forderte die Topklubs der Männer zu weiteren Finanzspritzen auf. "Der Erfolg bei der EM darf nicht nur ein Aufflackern gewesen sein. Deshalb sage ich: Es ist eine conditio sine qua non (notwendige Bedingung, Anm.d.Red.), dass der Machosport Fußball jetzt auch in den Frauenfußball investiert", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Münchens Sportliche Leiterin Bianca Rech hat sich für die Einführung eines Mindestgehalts in der Frauenfußball-Bundesliga ausgesprochen. "Es sollte eine Grenze geben, die jede Spielerin mindestens verdienen muss, damit sie von diesem Sport leben kann", sagte sie und erklärte: "Wenn eine Bundesliga-Spielerin sechsmal pro Woche trainiert und am Wochenende mit ihrem Team unterwegs ist, dann können wir nicht mehr von einer Freizeitbeschäftigung sprechen." Dieser "Mindestlohn" könne "über Zulassungsvoraussetzungen geregelt werden".

Trainer Tommy Stroot vom deutschen Meister VfL Wolfsburg hält ein Grundgehalt ebenfalls für richtig, weist aber auf die nötige Vereinbarkeit für finanzschwächere Klubs hin. "Es darf nicht dafür sorgen, dass manche Vereine ein Grundgehalt umsetzen, aber so kleinere Vereine auf allen anderen Ebenen wie beim Staff und der medizinischen Abteilung einsparen müssen", sagte er. "In dem Moment, in dem diese Rahmenbedingungen nicht da sind, da können wir die einzelnen Spielerinnen zwar besser bezahlen, aber bekommen nicht die strukturellen Verbesserungen, die der Frauenfußball benötigt."

Der VfL-Coach meint damit Rahmenbedingungen wie die Anreise zum Spiel, bessere Videoanalysen und die medizinischen Abteilungen der Teams. In erster Linie müsse laut Stroot nicht nur auf den Männerfußball geschaut werden: "Ich glaube, dass die Unterschiede - zum Männerbereich sowieso - aber auch zwischen erster und zweiter Frauen-Bundesliga zu extrem sind. Da müssen wir dafür sorgen, dass an den Standorten überall professionelle Bedingungen herrschen."

Wie viele Männer-Bundesligisten sind auch bei den Frauen vertreten?

Acht Klubs in der neuen Saison spielen erstklassig, die auch Mannschaften in der Männer-Bundesliga aufbieten. Grundsätzlich ist die Tendenz steigend, da Fußballerinnen unter dem Dach eines großen Klubs bessere Bedingungen vorfinden. Allerdings besteht die Frauen-Bundesliga nur aus zwölf Vereinen. Die DFL schreibt den Männer-Vereinen der 1. und 2. Liga nicht vor, dass sie Frauen-Teams haben müssen. Dennoch stehen die Profiklubs zunehmend unter Druck, sich (mehr) zu engagieren. Manche sind auch Kooperationen eingegangen, um den Frauen- und Mädchenfußball zu fördern.

Wo gibt es die Bundesliga im TV zu sehen?

Magentasport zeigt wie schon in der Vorsaison alle 132 Partien. "Die Europameisterschaft in England hat gezeigt, welches Potenzial Frauenfußball besitzt", sagte Telekom-TV-Chef Arnim Butzen. "Das wird auch der Liga einen zusätzlichen Popularitätsschub geben." Das Angebot an Live-Spielen im Free-TV ist zudem größer als bei den Männern. Wie in der Vorsaison zeigt Eurosport eine Partie pro Spieltag, steigt direkt mit dem Auftaktspiel in Frankfurt ein. Zudem zeigt auch die ARD "zehn bis zwölf Spiele im Ersten und in den Dritten", sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. "Wir wollen jeden Samstag eine Zusammenfassung in der Sportschau zeigen."

"Immer mehr Ableger der Männer-Bundesliga mischen mit und locken damit Fans aus diesen Vereinen an", sagte Medien-Wissenschaftlerin Jana Wiske von der Hochschule Ansbach. Für die Wissenschaftlerin bleiben aber "medial Fragezeichen, die Männer-Ligen überstrahlen weiter alles". Die Professorin sagte: Wiske "Es gilt, durch weiter wachsende professionelle Strukturen und damit steigende Attraktivität medial seinen Platz zu finden und sich dabei nicht an den Einschaltquoten der Männer zu orientieren."

Quelle: ntv.de, ara/dpa/sid

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