Fußball

Neuer Hertha-Coach hat viel vor Klinsmann will "schlafenden Riesen" wecken

Die Hauptstadt bekommt einen Fußball-Weltmeister als Trainer. Jürgen Klinsmann löst den glücklosen Ante Covic als Hertha-Coach ab. Der ehemalige Bundestrainer will in Berlin etwas aufbauen und versteht sein Engagement als langfristig. Jetzt soll es Schritt für Schritt nach oben gehen.

Mit der Verpflichtung von Jürgen Klinsmann will Hertha BSC einen Absturz wie 2010 und 2012 verhindern. Drei Tage nach der blamablen 0:4-Niederlage beim FC Augsburg beendete Herthas Manager Michael Preetz das gescheiterte Experiment mit dem Bundesliga-Neuling Ante Covic auf der Trainerbank und sorgte mit dem Engagement von Klinsmann für einen kräftigen Aha-Effekt. Der sagte bei seiner Vorstellung in Berlin: "Dinge im Fußball passieren manchmal über Nacht. Aber ich stand schon als Bub in der Kurve mit einer blau-weißen Fahne bei meinem ersten Bundesligaspiel, weil mein Vater Hertha-Fan war."

Klinsmann erklärte weiter: "Gestern kam das lange Gespräch mit der Bitte, ob ich einspringen kann. Es ist eine Ehre, mithelfen zu dürfen. Berlin wartet auf etwas Großes. Viele sagen: Berlin ist ein schlafender Riese." Seinen Job trete er mit viel "Lust und Freude" an und er wolle "so schnell wie möglich nach oben klettern." "Es ist keine einfache Aufgabe. Aber wenn ich so was übernehme, mache ich das nicht halb, sondern hundertprozentig. Selbst wenn alles über Nacht passiert, bin ich vorbereitet", sagte Klinsmann über sein bis zum Saisonende laufendes Engagement.

"Es wird kein leichter Weg, aber das wäre ja auch langweilig." Für den neuen Trainer zählten erst einmal nur Siege. "Jeder Trainer hat eine Idealvorstellung, wie er gerne Fußball spielen lassen möchte. In der jetzigen Situation geht es für uns aber nicht darum, den aufregendsten oder attraktivsten Fußball zu spielen - zunächst brauchen wir Punkte." Derweil bedankte sich Preetz artig bei Covic, sagte aber auch, dass habe handeln müssen. Hertha steht in der Tabelle mit nur elf Punkten auf Platz 15 und ist damit nah an die gefürchtete Abstiegszone herangerückt.

Neue System-Ausrichtung

Dabei waren die Herthaner vor fünf Monaten noch stolz darauf, einen eigenen Berliner Weg eingeschlagen zu haben. Nach Fan-Liebling Pal Dardai durfte der 44 Jahre alte Deutsch-Kroate Covic aus der Jugendabteilung das Profiteam übernehmen. "Wir hatten von Anfang an gesagt, dass wir einen Trainer wollen, der die Hertha-DNA behütet. Ante Covic versteht diese DNA mehr als jeder andere Kandidat", hatte Preetz am 12. Mai gesagt - nach einem 4:3 der Berliner beim FC Augsburg. Fünf Monate später muss er das als Fehler einordnen.

Covic wollte dem defensiv geprägten Stil seines ungarischen Vorgängers mehr Pepp und Offensive einhauchen. Ein neues Gesicht konnte der frühere Offensivspieler der Mannschaft aber nicht geben. Drei Siege, dafür aber 25 Gegentore in zwölf Ligaspielen sprachen gegen ihn. Zuletzt war er von seinen ursprünglichen Plänen zur Schadensbegrenzung übergegangen - ebenso erfolglos. Vier Niederlagen ließen Preetz nun handeln, um nicht den dritten Abstieg nach 2010 und 2012 erleben zu müssen.

"Das Sportliche ist problematisch, da brauchen wir nicht drumherumzureden", sagte Klinsmann, der bei seinem Comeback zehn Jahre nach dem Trainer-Aus beim FC Bayern am Samstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker auf ntv.de und beim Bezahlsender Sky) im Olympiatadion auf Borussia Dortmund trifft. "Ein kleiner Brocken" sei der BVB, sagte Klinsmann, der am Mittwochnachmittag erstmals mit seiner Mannschaft trainiert hat.

Mit Klinsmann, der 2004 als Teamchef der Nationalmannschaft mit dem Motto angetreten war, "keinen Stein auf dem anderen zu lassen", bekommt das komplette Hertha-System eine neue Ausrichtung. Mit Alexander Nouri und Markus Feldhoff als Assistenten sowie Andreas Köpke als Torwart-Trainer sowie Arne Friedrich als Team-Manager (Klinsmann nennt ihn neudeutsch "Performance-Manager") zauberte der neue Hertha-Coach ebenso überraschende Personalien aus dem Hut wie bei seinem Amtsantritt als Bundestrainer. "Wir haben ein Funktionsteam, das ist der Lage sein wird, die Dinge so in die Hand zu nehmen, um so schnell wie möglich Punkte zu holen", sagte Klinsmann.

Gelingt Klinsmann die Wende?

Die Installierung zeigt aber auch den gewonnenen Machtbereich des neuen Investors Lars Windhorst, der für 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA übernommen hatte. Windhorst will auf dem angestrebten Weg zu einem "Big City Club" in Europa offenbar schneller Ergebnisse sehen als offiziell kommuniziert. Bereits mit Klinsmanns Berufung in den Aufsichtsrat als "Bevollmächtigter der Tennor Holding" des Geldgebers Windhorst wurde der Investor erstmals aktiv. Dass bei Hertha jetzt ein Vertrauter des umtriebigen Finanzmanagers auf der Trainerbank sitzen wird, kann als weiterer Vorstoß gewertet werden. Ein Abstieg würde die Pläne von Windhorst konterkarieren.

"Letztlich waren wir mit Blick auf die Entwicklung und die letzten Resultate der Meinung, dass Handlungsbedarf bestand. Wir bedauern diese Entwicklung", sagte Preetz. "Ein Risiko gibt es bei jedem neuen Trainer. Das war bei Pal nicht anders. Aber wir bei Hertha BSC sind bereit, ein gewisses Risiko zu gehen", hatte Preetz im Mai gesagt. Mit Klinsmann soll nun eine schnelle Wende gelingen. Eine Garantie aber bietet auch der 55 Jahre alte Schwabe nicht. Als Cheftrainer des FC Bayern München 2008/2009 war er schon vor Ablauf der Saison gescheitert.

Der Plan ist, dass Klinsmann nach der Saison wieder in seine Position im Aufsichtsrat rutscht. Aber klar scheint das noch nicht, vielleicht behält er auch seinen Trainerjob, wenn er seine Sache gut macht. "Durch meinen schnellen Einstieg in der vergangenen Wochen ist meine Rolle noch in der Definition. Wir waren noch im Austausch, als ich meine Rolle wieder geändert hat", sagte der neuer Hertha-Coach. "Geplant ist, dass ich bis Mai 2020 diesen Job mache. So hat Michael Zeit, einen Plan zu entwickeln."

Quelle: ntv.de, dbe/dpa