Fußball

Liverpool nach 30 Jahren Meister Klopp gibt den Reds ihren Stolz zurück

Jürgen Klopp hat den FC Liverpool aus der Depression geholt und mit der ersten Meisterschaft seit 1990 von einem Trauma befreit. Die Voraussetzungen für weitere Erfolge sind besser als in Dortmund - sogar eine Dynastie könnte der Coach in Liverpool aufbauen.

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, dass Jürgen Klopp im Untergeschoss des Metropolitano-Stadions in Madrid saß und den Fans des FC Liverpool ein Versprechen gab. Der Klub hatte gerade die Champions League gewonnen durch ein 2:0 gegen Tottenham Hotspur, und für den deutschen Trainer war klar, dass seine Mission beim einstigen englischen Rekordmeister damit noch lange nicht abgeschlossen war. Im Gegenteil: "Das ist erst der Anfang", sagte er. Ein Blick in eine goldene Zukunft, der Vorgeschmack auf noch größere Taten. Klopp sollte Recht behalten mit seiner Prognose.

Der Titel, nach dem die rote Gemeinde wirklich strebte, das ist die englische Meisterschaft, die Liverpool in den 1970ern und 1980ern so regelmäßig gewonnen hatte, seit 1990 aber nie wieder. Der Verein war danach immer nur nah dran und scheiterte tragisch. 2014 zum Beispiel, als Steven Gerrard im Saison-Endspurt ausrutschte, oder in der abgelaufenen Spielzeit, als Klopps Mannschaft nur ein einziges Ligaspiel verlor und trotzdem einen Punkt hinter Manchester City landete. Das 30 Jahre lange Warten auf die Meisterschaft ist zum Trauma geworden für den FC Liverpool, die Fans glaubten an eine Verschwörung des Schicksals gegen ihren Verein, doch Klopp hat sein Versprechen wahr gemacht.

Reparaturen auf allen Ebenen

Ein Jahr nach dem Gewinn der Champions League hat er die Reds tatsächlich wieder auf den Thron des englischen Fußballs gehoben, zum 19. Mal in der Vereinsgeschichte und erstmals im Premier-League-Zeitalter. Und das auf beispiellose Weise. Nach dem 4:0 gegen Crystal Palace und Manchester Citys 1:2-Pleite bei Chelsea steht Liverpool schon sieben Spieltage vor Schluss als Meister fest, so früh wie kein englischer Champion zuvor. In den verbleibenden Partien kann die Mannschaft noch den 100-Punkte-Rekord knacken, den Manchester City vor zwei Jahren aufgestellt hat.

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Klopp hat nicht einfach nur drei Jahrzehnte der Titel-Tristesse beendet, er hat den Klub mit einem Donnerschlag von der Last der Geschichte befreit und ihm seinen Stolz zurückgegeben. Die Meisterschaft ist das Ergebnis einer beeindruckenden Transformation. Sie begann im Herbst 2015, bei Klopps Ankunft an der Anfield Road. Damals fand er einen ins Mittelmaß abgerutschten, desillusionierten Klub vor. Seitdem hat er ihn auf allen Ebenen repariert.

Der Trainer hat den Fans wieder das Gefühl gegeben, ein wichtiger Faktor für den Erfolg zu sein. Nach einem seiner ersten Heimspiele, einem tristen 2:2 gegen West Bromwich Albion, machte er mit den Spielern vor der berühmten Kop-Tribüne die Welle. Das brachte ihm viel Spott ein, wird intern im Nachhinein allerdings als Geniestreich gedeutet, um das Publikum zu Verbündeten bei Klopps Wiederaufbau zu machen. Es ist ihm gelungen, das Potenzial des leidenschaftlichen Anhangs wieder zu entfalten. Dass die Titel-Kür wegen Corona ohne Fans stattfinden muss, ist Ironie der Geschichte. Liverpools Leistung bleibt dadurch unberührt. "An die Dominanz von Jürgen Klopps Mannschaft wird man sich auch ohne den Rummel der Fan-Feiern erinnern", prognostiziert die "Daily Mail".

"Fucking mentality giants"

Klopp hat das Team fußballerisch Schritt für Schritt entwickelt, in den ersten Jahren noch schleppend, seit Anfang 2018 um so schneller. Nachdem es der Mannschaft unter seinem Vorgänger Brendan Rodgers an einer festen Struktur gefehlt hatte, hat er ein klares System mit unverkennbarer Spielweise etabliert. Je mehr die Evolution der Reds voranschritt, desto weiter bewegte sich die Mannschaft allerdings weg von einer reinen Gegenpressing-Maschine zu einem Team, das auch mit dem Ball umgehen kann. Das aktuelle Liverpool ist gebaut auf Kreativität auf den Flügeln, einem soliden Zentrum und der Unwiderstehlichkeit der Sturmreihe um Mohamed Salah.

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"Von Zweiflern zu Glaubenden" wolle er den Verein machen, so hat es Klopp bei seinem Amtsantritt verfügt, und genau das ist ihm gelungen. Er hat die einstige Drama-Queen des englischen Fußballs mental gefestigt und ihr ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke eingepflanzt. Als "fucking mentality giants" bezeichnete er seine Mannschaft nach dem 4:0 im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals gegen den FC Barcelona in der vergangenen Saison. Damals hatte Barcelona das Hinspiel 3:0 für sich entschieden, sah schon dem scheinbar sicheren Einzug ins Finale entgegen - doch dann kam eben jenes Rückspiel, die bisher größte Partie der Ära Klopp. Auf dem Weg zur Meisterschaft wurde die geistige Reife damit bestätigt, dass die Mannschaft viele Spiele knapp oder durch späte Tore gewann. Aber sie gewann eben (fast) immer. "Unsere Mentalität und unsere Widerstandskraft ist unglaublich in dieser Saison. Das ist etwas, das der Trainer seit seinem ersten Tag in der Mannschaft verankern wollte", sagte Kapitän Jordan Henderson Anfang April bei Sky Sports.

Darüber hinaus hat Klopp den Kader konsequent umgebaut. Er hat die Mannschaft stetig aufgewertet mit Zugängen wie Sadio Mané, Georginio Wijnaldum oder Salah. Dazu machten Entdeckungen wie die Außenverteidiger Andrew Robertson (kam 2017 von Absteiger Hull) und Trent Alexander-Arnold (aus dem eigenen Nachwuchs) einen ungeahnten Karrieresprung. Den entscheidenden Schritt zur Weltklasse vollzogen die Reds mit der Verpflichtung von Torwart Alisson, Abwehrchef Virgil Van Dijk und Mittelfeld-Prellbock Fabinho im Jahr 2018 für insgesamt mehr als 190 Millionen Euro. Auch Liverpool wäre ohne großes Geld nicht da, wo es jetzt ist.

Baut Klopp eine Dynastie auf?

Viele Indizien sprechen dafür, dass die Mannschaft auf Dauer ihre Stellung behaupten kann. Das glauben jedenfalls Fachleute wie Englands Rekord-Torschütze Wayne Rooney, mittlerweile altersweiser "Times"-Kolumnist: "Wenn Klopp für die nächsten zehn Jahre in Anfield bleibt, könnte Liverpool mindestens fünfmal Meister werden", schreibt er. Ob der deutsche Trainer tatsächlich eine derartige Dynastie errichtet, muss sich zeigen, aber fest steht, dass die erste Meisterschaft seit 30 Jahren die Basis für längerfristigen Ruhm sein kann. Die Mannschaft ist in einem guten Alter und kann noch länger auf höchstem Niveau zusammen spielen. Anders als nach seinen Erfolgen bei Borussia Dortmund muss Klopp auch nicht fürchten, dass ihm die besten Spieler weggekauft werden.

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Und Ziele gibt es ja noch genug für den FC Liverpool: Wenn die Feierlichkeiten zum 19. Titel vorbei sind, könnte sich am Himmel über Anfield schon die nächste Wegmarke abzeichnen. Mit der 20. Meisterschaft würde der Klub mit Manchester United gleichziehen und den Rekordmeister-Status zurückerobern.

Quelle: ntv.de