Fußball

Emotionale Ausnahmesituation Klopp will sich nicht verabschieden

Samstag, 15.30 Uhr. Die vorerst letzten 90-Bundesliga-Minuten für Jürgen Klopp beim BVB werden angepfiffen. Der Trainer bemüht das Sportliche, Sentimentalitäten lässt er nicht zu. Er verbittet sich sogar einen offiziellen Abschied durch den Klub.

Sascha Fligge hat eine etwas sperrige Berufsbezeichnung. Er ist "Direktor Kommunikation Borussia Dortmund". In dieser Funktion eröffnet er stets die obligatorische Pressekonferenz vor den Partien. So auch am Donnerstag. Während sich Trainer Jürgen Klopp seinem liebgewonnenen Ritual hingibt - er gießt sich einen Kaffee in seine BVB-Tasse - spricht Fligge die einleitenden Worte. Er begrüßt die Journalisten zum anstehenden Heimspiel gegen Hertha BSC in der Fußball-Bundesliga. Ähm, bitte was? Dortmund gegen Berlin? Nee, da kann etwas nicht stimmen, Herr Direktor. Eigentlich haben doch Viktor Skripniks Bremer die Adresse des Signal-Iduna-Parks schon in ihr Navi getippt - völlig zu Recht übrigens. Fligge ist mit seinen Gedanken woanders, wie so viele derzeit in Dortmund. Verständlich.

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Die Fans werden ihren "Kloppo" garantiert nicht ohne Abschied aus dem Stadion entlassen.

(Foto: imago/Team 2)

Sieben Jahre lang hat Jürgen Klopp Borussia Dortmund trainiert, im Sommer ist Schluss. In jenen sieben Jahren hat er vieles geschaffen, viel mehr, als mit dem BVB zwei Deutsche Meisterschaften und einmal den DFB-Pokal zu gewinnen. Der Klub hat etwas Sinnstiftendes für die Stadt. Wenn "Spieltach is", ist Freudentag. Die Stadt schmückt sich in schwarz-gelbes Gewand. Den Weg zum Stadion oder in die Kneipe zelebrieren die Fans meist bestens gelaunt. Ein Spiel des BVB, ein Höhepunkt der Woche. Beinahe jeder in der Stadt weiß, wann Anpfiff ist, welcher Gegner kommt - und natürlich wissen sie nach Schlusspfiff auch immer, wie ihr Verein gespielt hat. Diesen Zusammenhalt gab es schon vor der Klopp-Ära, doch erst unter dem "Pöhler" ist "Echte Liebe" entstanden. Jürgen Klopp hat diese Beziehung aufgebaut. Er hat sie genossen. Er wird es noch einmal tun, wenn er am Samstag ins Stadion kommt. Bis dahin aber gilt: Wettkampfmodus.

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Die direkte Qualifikation für die Europa League - Platz sieben würde der Borussia reichen - ist das  große Ziel an diesem letzten Spieltag der Saison. Bereits ein Remis gegen Werder Bremen würde den Weg ebnen. Und so bemüht sich Klopp, das Sportliche in den Vordergrund zu stellen: "Ich wünsche mir ganz einfach, dass wir es noch einmal schaffen, ein absolutes BVB-Heimspiel draus zu machen." Ein Spiel voller Zielstrebigkeit, voller Intensität und voller Leidenschaft. Gerade der kann sich Klopp sicher sein - allein schon von den Rängen, denn die Fans werden ihren "Kloppo" garantiert nicht einfach so ziehen lassen.

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Groß waren Schock und Trauer vieler Fans nach dem angekündigten Rücktritt zum Saisonende. In Dortmund gab es tagelang nur ein Thema: Jürgen Klopp. Der 48-Jährige hat sich die Stadt in sieben Jahren zum Freund gemacht. Er war gerade einmal ein Jahr Trainer des BVB, da besuchte er die Geburtsstätte des Klubs, den Saal der Gaststätte Wildschütz. Hier gründeten 17 Männer am 19. Dezember 1909 den Ballsportverein Borussia Dortmund. Der Saal in der Oesterholzstraße, nahe dem Borsigplatz, liegt mitten in der Nordstadt. Ein Stadtviertel mit vielen Problemen; Arbeitslosigkeit, Drogen, Prostitution. Ein Ort, den viele gerne meiden. Jürgen Klopp ging hin, ohne Berührungsangst. Er scheute nie den Kontakt, er war immer irgendwie greifbar, keine von einer unnahbaren Aura umgebene Trainerpersönlichkeit wie Bayerns Josep Guardiola. Jürgen Klopp wurde einer von ihnen, von den Menschen "ausm Pott". Der Stuttgarter wurde Dortmunder. Diese Bodenständigkeit, der Kontakt zu den Fans - daraus erwuchs diese innige Trainer-Verein-Fan-Beziehung. Diese Beziehung, die nun zu Ende geht.

Keine Sentimentalitäten, Fokus aufs Sportliche

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Puh, nochmal durchpusten: Jürgen Klopp erwartet am Samstag eine emotionale Ausnahmesituation.

(Foto: imago/MIS)

Einen offiziellen Abschied beim letzten Heimspiel wird es für Jürgen Klopp trotzallem nicht geben. Anders als für Sebastian Kehl. Der 35-jährige, langjähriger Kapitän der Mannschaft, beendet im Sommer seine Karriere. Er wird vor dem Spiel gegen Bremen nach 13 Jahren in Schwarz-Gelb offiziell verabschiedet. Eine emotionale Sache, ganz gewiss. Aber verglichen mit dem letzten Auftritt des Trainers im Signal-Iduna-Park vermutlich nicht mehr als Randnotiz an diesem Samstag. Klopp ahnt das. Deswegen wünscht er sich ausdrücklich keinen inszenierten Abschied durch die Kluboberen.

Klopp will sich, so sagt er, vor den letzten beiden Spielen ausnahmslos auf das Sportliche konzentrieren. Das sieht er als seine Pflicht an. Einen Gedanken an die emotionale Ausnahmesituation will er nicht verschwenden. Das ist vermutlich Selbstschutz. Denn lässt er all seine Gefühlt zu, droht eine schier unerträgliche Portion Wehmut. Er werde Tschüss sagen, kurz bevor er geht, kündigt er an. Das klingt recht nüchtern, wird aber es ganz sicher werden. Doch diesen Moment schiebt der scheidende Coach auch jetzt noch, wenige Stunden vor seinem letzten Heimspiel, ganz weit von sich.

Und so windet sich Klopp am Donnerstag noch im Gespräch mit den Journalisten um das Thema letztes Heimspiel. Er lässt nur einen kurz Blick in sein Inneres zu, als er sagt: "Ich möchte mir nicht vorstellen, was sich in mir abspielt, wenn das Ding abgepfiffen ist und ich dann feststelle, dass ich mit Sicherheit für einen langen Zeitraum nicht mehr als Verantwortlicher in diesem Stadion sein werde. Aber im Moment ist es noch so, dass ich es nicht zulassen, mich damit zu beschäftigen." Ein Abschied auf ewig klingt anders. Aber egal. Punkt. Blick wieder aufs Sportliche. Erleichterung. Bis Samstag, 17.15 Uhr. Oder ein paar Minuten später.

Quelle: n-tv.de

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