Fußball

Topspiel gegen Man City Klopps FC Liverpool hat einen sechsten Sinn

Der FC Liverpool zeigt in dieser Fußballsaison sehr erstaunliche Comeback-Qualitäten. Das ist mehr als nur Glück und macht dem Tabellenführer der Premier League auch für das Spitzenspiel gegen Manchester City Mut. In England sprechen sie von der "Kloppage time".

Um den Charakter des FC Liverpool im Herbst 2019 zu erfassen, bietet es sich an, Andrew Robertsons Treffer zum 1:1 bei Aston Villa am vergangenen Wochenende zu studieren. Beziehungsweise: seinen Torjubel. Nachdem der Außenverteidiger den Ball in der 87. Minute per Kopf ins Netz gewuchtet hatte, drehte er ab und rannte ohne Halt zurück auf seinen Posten. Anstatt Glückwünsche der Kollegen entgegen zu nehmen, klatschte er die Mitspieler nur im Vorbeilaufen ab. Weiter, immer weiter, schien Robertson zu rufen. Viele Mannschaften hätten sich nach einem komplizierten Auswärtsspiel gegen einen wackeren Aufsteiger mit dem Ausgleich zufrieden gegeben, sie hätten sich mit einem Punkt begnügt. Manchmal geht es eben nicht besser.

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Siegtor bei Aston Villa: Sadio Mané.

(Foto: imago images/Sportimage)

Der FC Liverpool im Herbst 2019 ist anders. Jürgen Klopps Mannschaft macht weiter, immer weiter, und sie wird dafür belohnt. Gegen Aston Villa gelang ihr nach Robertsons spätem 1:1 der noch spätere 2:1-Siegtreffer durch Sadio Mané. Die Partie offenbarte wieder einmal die Spezialität des englischen Tabellenführers, nach Rückständen zurück zu kommen und durch späte Tore wichtige Punkte einzufahren. Diese Gabe war eigentlich ein Merkmal von Manchester United unter Sir Alex Ferguson. In Abwandlung der "Fergie time" sprechen englische Medien mittlerweile von der "Kloppage time". Das macht Liverpool auch für das Spitzenspiel an diesem Sonntag (ab 17.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen Manchester City Mut. Mit einem Sieg gegen den Titelverteidiger könnte Klopps Mannschaft ihren Vorsprung auf neun Punkte ausweiten.

Wie der Datenanbieter Opta errechnet hat, war Manès 2:1 gegen Aston Villa schon Liverpools 35. Siegtreffer in der 90. Minute oder danach im Zeitalter der Premier League. Kein anderes Team erreicht einen ähnlichen Wert. Alleine fünf dieser Tore fielen seit Anfang der vergangenen Saison. In der laufenden Spielzeit hat Liverpool schon zehn Punkte nach Rückstand geholt, auch das ist Liga-Höchstwert. Natürlich ist es aus Klopps Sicht nicht wünschenswert, dass seine Mannschaft oft mehr Mühe hat als erwartet. Allerdings kann er sich darüber freuen, dass es Liverpool immer wieder gelingt, sich aus dem Schlamassel zu befreien. Zuvor hatte der einstige Rekordmeister in dieser Saison schon gegen Leicester, Tottenham (beide 2:1), Sheffield United (1:0) und beim 1:1 bei Manchester United spät getroffen. Mit Rückschlägen umzugehen, nicht aufzugeben und auch in mageren Spielen noch Punkte zu erbeuten – das ist eine Qualität, die Meister macht.

"Wenn wir ein Tor machen, dann gilt es"

Die Voraussetzung dafür ist der Glaube an sich selbst. Klopp hat einem tief verunsicherten Verein nach seiner Ankunft im Oktober 2015 das Vertrauen in die eigene Stärke zurück gegeben. Mittelfeldspieler Adam Lallana gab nach dem Sieg bei Aston Villa einen Einblick in die Seele der Mannschaft. "Es ist fast wie ein sechster Sinn. Wir wussten: Wenn wir ein Tor machen, dann gilt es. Es hat mich nicht überrascht, dass wir auch noch das zweite gemacht haben." Dieser sechste Sinn speist sich aus Erlebnissen wie dem 4:3 gegen Borussia Dortmund in Klopps erster Saison oder dem wundersamen 4:0 gegen den FC Barcelona auf dem Weg zum Champions-League-Titel im Frühjahr. Seine Spieler seien "verdammte Mentalitätsriesen" schwärmte der Trainer hinterher.

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Trainingsdrill: Jürgen Klopp.

(Foto: Action Images via Reuters)

Das ist allerdings nicht der einzige Grund für Liverpools Comeback-Qualitäten. Der Journalist Simon Hughes, Autor mehrerer Bücher über den Verein, hat gerade im neuen Sportportal "The Athletic" berichtet, dass Klopp seine Mannschaft im Training gezielt darauf drillt, zum Beispiel mit Übungsformen, bei denen die angreifende Seite in Unterzahl einen Rückstand aufholen muss. Glück und Cleverness spielen auch eine Rolle. Liverpool hat in der jüngeren Vergangenheit immer wieder von schweren Fehlern oder Tölpeleien des Gegners profitiert.

Die Siege gegen Leicester und Tottenham kamen durch Elfmetertore zustande. Beide Male verhielten sich die Gegner ungeschickt, beide Male war Mané der Gefoulte. Der Angreifer ist im Vorlauf auf das Duell mit Manchester City unfreiwillig zur Hauptfigur geworden, weil Josep Guardiola ihn mit ein paar nebulösen Sätzen unter Schwalben-Verdacht stellte. Mittlerweile wollte der Meistertrainer das ganz anders gemeint haben.

Auch er ist zu der Auffassung gekommen, dass sich die späten Tore des Tabellenführers nicht mit schwarzer Magie erklären lassen. Er sagt: "Liverpool schafft das immer und immer wieder, weil die Mannschaft diese unglaubliche Qualität und dieses unglaubliche Talent hat, bis zum Ende zu kämpfen." Und natürlich den Willen. Robertsons Jubel nach dem Ausgleich gegen Aston Villa verdeutlichte das.

Quelle: n-tv.de