Fußball

Norwichs Trainer Daniel Farke Klopps Liverpool? "Gier ist bemerkenswert"

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Man kennt sich: Daniel Farke und Jürgen Klopp beim Hinspiel am 9. August. Das gewann der FC Liverpool zum Saisonauftakt an der Anfield Road mit 4:1.

(Foto: imago images / Focus Images)

Vor dem Premier-League-Spiel gegen den FC Liverpool an diesem Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) spricht Fußballtrainer Daniel Farke vom Tabellenletzten Norwich City mit ntv.de über die kalte Realität im Abstiegskampf, seine persönliche Zukunft und seinen deutschen Kollegen Jürgen Klopp. "Da haben wir nichts zu verlieren."

ntv.de: Herr Farke, der ehemalige Liverpool-Profi Danny Murphy hat gerade in seiner Eigenschaft als TV-Experte gesagt, dass Ihre Mannschaft der beste Tabellenletzte sei, den er je gesehen habe. Können Sie sich über so ein Kompliment freuen?

Daniel Farke: Die Aussage zeigt, dass in England wahrgenommen wird, dass wir guten Fußball spielen. Schauen Sie sich nur unsere jüngsten vier Partien an: Sieg gegen Bournemouth, eine ganz unglückliche Niederlage bei Tottenham, Sieg im FA-Cup gegen Burnley, und dann ein 0:0 gegen Newcastle, nachdem wir eigentlich über 90 Minuten dominiert haben. Leistungstechnisch sind wir nicht weit weg vom Rest der Liga.

Nach dem Aufstieg im Sommer begann die Saison gut für Ihre Mannschaft. Am fünften Spieltag gab es sogar einen Heimsieg gegen Manchester City. Warum liegt Norwich mittlerweile abgeschlagen am Tabellenende?

Wir waren immer total klar in unserer Einschätzung, was unsere Möglichkeiten angeht. Wir haben in der vergangenen Saison die Championship mit einer Mannschaft dominiert, der man das nie zugetraut hätte. Durch den Aufstieg konnten wir ein paar Altlasten abtragen und in die Infrastruktur investieren. Doch während zum Beispiel Mit-Aufsteiger Aston Villa mehr als 150 Millionen Euro in neue Spieler investiert hat, fehlt uns für große Transfers das Geld. Wir spielen im Prinzip mit einer Zweitliga-Mannschaft in der besten Liga der Welt ...

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Alter Finne: Teemu Pukki spielte einst, von 2011 bis 2013, für den FC Schalke 04 in der Bundesliga.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

… unter anderem mit alten Bekannten aus Deutschland wie Mario Vrancic, Moritz Leitner, Marco Stiepermann und Teemu Pukki.

Man muss aber auch sagen, dass wir zu Anfang der Saison ein Verletzungspech wie kein anderes Team der Liga hatten. Zwischenzeitlich haben uns zehn Spieler gefehlt. Und mal ehrlich: bei Manchester City wird es schon eng, wenn da der Abwehrchef Aymeric Laporte ausfällt. Wenn man eine solche Verletzungsseuche hat und vom Start an hinterher hinkt, wird es schwer.

Trotzdem müssen Sie doch enttäuscht sein über die Saison-Bilanz: nur vier Siege aus 25 Spielen, die mit Abstand schlechteste Tordifferenz der Liga, sieben Punkte Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz.

Es ist doch klar, dass man nicht den Champagner öffnet, wenn man Letzter ist. Aber wir können unsere Situation realistisch einschätzen. Vor der Saison haben wir gesagt, dass wir krasser Außenseiter sind. Da können wir von den Spielern nicht plötzlich Wunder erwarten. Trotzdem hilft natürlich kein Wehklagen. Wir werden bis zum Schluss alles für den Klassenerhalt tun.

Was ist für Sie interessanter: die zweite Liga zu dominieren wie in der vergangenen Saison - oder in der Premier League gegen den Abstieg zu spielen?

Natürlich macht es mehr Spaß, wenn man Erfolg hat. Aber wir erleben in dieser Saison genau das, was wir wollten: Wir spielen gegen die besten Mannschaften und die besten Spieler der Welt. Ein Stück weit kommen wir gerade in der kalten Realität an. Dieser Prozess ist vor allem bei den jungen Spielern wichtig für die Entwicklung.

Trotz der trüben sportlichen Lage wirken Sie zuversichtlich. Wie machen Sie das?

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Erfolgreich auch in Lippstadt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Da hilft die Erfahrung als Trainer. Ich hatte in meiner jungen Karriere das Privileg, schon dreimal Meister zu sein (zweimal mit Lippstadt 08, einmal mit Norwich, d. Red.). Das ist angenehm und hilft auch. Aber ich habe auch schon das eine oder andere Mal gegen den Abstieg gespielt. Die Prozesse, die Titelkampf oder Abstiegskampf auslösen, sind immer gleich - egal ob in Deutschland oder England, ob in einer unteren Liga oder der Premier League. Zudem hängen wir unsere Entwicklung nicht an der Tabelle auf. Es geht darum, unseren Fußball abzurufen. Das gelingt uns meistens.

Das klingt alles sehr harmonisch. Werden Sie gegenüber Ihrer Mannschaft nie laut?

Man muss als Trainer die ganze Klaviatur spielen können, sonst hat man keine Chance. Eine meiner wichtigsten Überzeugungen im Fußball ist, dass man absolut ehrlich sein muss. Wir sind weit davon entfernt, alles rosarot zu sehen. Vor etwas mehr als einem Monat haben wir 0:4 bei Manchester United verloren. Danach waren wir unfassbar kritisch mit uns. Aber nach knappen Niederlagen kann ich nicht alles schlecht reden. Manchmal muss man die Ergebnisse ausblenden.

Das scheint auch die Vereinsführung zu tun. Sie vertraut Ihnen trotz des drohenden Abstiegs.

Ja, und dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt in ganz Westeuropa wahrscheinlich keinen Trainer, der so eine Rückendeckung und so eine sichere Position hat wie ich. Es ist eher so, dass die Verantwortlichen und viele Fans Angst haben, dass mir die geringen Möglichkeiten in Norwich irgendwann nicht mehr reichen.

Wie berechtigt ist diese Angst? David Wagner hat Huddersfield Town als Sprungbrett zum FC Schalke 04 genutzt.

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Sprungbrett genutzt, in Gelsenkirchen gelandet: David Wagner.

(Foto: dpa)

David hat einen unfassbaren Job in Huddersfield gemacht. Aber unser Weg ist nicht zu vergleichen. Ich habe in Norwich voller Überzeugung einen langfristigen Vertrag unterschrieben und fühle mich genau am richtigen Ort. Wenn Sie sich meinen Lebenslauf anschauen, werden Sie feststellen, dass ich meine Verträge in elf Jahren als Trainer immer erfüllt habe.

Sie gehen also auf jeden Fall mit Norwich zurück in die zweite Liga?

Mein Vertrag gilt bis 2022. Für andere Szenarien ist momentan kein Raum. Und noch mal: So lange wir die Chance auf den Klassenerhalt haben, werden wir alles tun, um dieses kleine Wunder zu schaffen.

Ein Sieg am Samstag gegen den fast schon sicheren Meister Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp wäre ein guter Anfang.

Ja, den würde ich nehmen. Ich fürchte nur, dass Jürgen und seine Mannschaft etwas dagegen haben. Wir haben noch 13 Spiele. Wenn wir sechs davon gewinnen, besser sieben, geben wir uns eine Chance, in der Liga zu bleiben. Zwei Spiele sind so etwas wie ein Free Hit. Das ist die Partie am letzten Spieltag bei Manchester City - und jetzt das Spiel gegen Liverpool. Da haben wir nichts zu verlieren.

Liverpool ist im Moment die vielleicht beste Mannschaft der Welt und steuert auf eine Premier-League-Saison ohne Niederlage zu. Was hat Klopp im Vergleich zur vergangenen Spielzeit verändert?

Schon die vergangene Saison war ja unfassbar. Was mich beeindruckt, ist diese Konstanz - gerade nach dem Gewinn der Champions League im Frühjahr. Normalerweise hat man danach Probleme, sich zu fokussieren. Weiterhin diese Ergebnisgier zu haben, ist bemerkenswert. Das zeigt einfach, wie sehr Jürgen die Geisteshaltung dieser Mannschaft beeinflusst.

Mit Daniel Farke sprach Hendrik Buchheister

Apropos Jürgen Klopp: Der will gerne den deutschen Nationalspieler Timo Werner verpflichten, um seine Elite-Mannschaft noch besser zu machen. Liverpool darf bei allen Siegen nicht den Hunger auf Erfolge verlieren und der Leipziger Angreifer würde nahezu perfekt ins Spielsystem passen. Aber was, wenn auf einmal auch der französische Weltmeister Kylian Mbappé bei den Reds aufspielt?

Quelle: ntv.de