Fußball

Vier Rote, viel Wut, Krawalle"Krasse Geschosse": Raketenhagel überschattet Nordderby-Traumtore

19.04.2026, 05:37 Uhr
imageVon David Bedürftig, Bremen
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Eine Leuchtrakete fliegt nach dem Nordderby aus dem Hamburger Block auf Spieler des SV Werder Bremen. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Nordderby par excellence: Werder Bremen feiert einen überlebenswichtigen Sieg gegen den Hamburger SV samt wilder Pyro-Zündelei, aufgeheizten Emotionen und Traumtoren. Doch mehrmals brennen HSV-Ultras komplett die Sicherungen durch, die Polizei marschiert im Block ein.

Als alles bereits entschieden ist, knallt es noch einmal gewaltig. Plötzlich regiert das Chaos. Werder Bremen siegt in einem hitzigen Nordderby gegen den Hamburger SV mit 3:1 (1:1) und zieht in der Tabelle mit dem ewigen Rivalen gleich - doch vermummte HSV-Ultras können die Pleite nicht verkraften und antworten mit einem regelrechten Raketen-Angriff.

Die Werder-Profis feiern bereits mehrere Minuten ihren Triumph vor den eigenen Fans, da fliegen Raketen aus dem Gästeblock über das komplette Spielfeld in die Ostkurve und knapp neben das Gewinner-Team auf den Rasen. Außerdem zünden HSV-Anhänger Gegenstände an und werfen sie in die Nachbarblöcke, die Feuerwehr rückt an, um einen Brand zu löschen. Die hässlichen Szenen werden mit wütenden Pfiffen aus dem restlichen Weserstadion begleitet.

Damit es hier keine Eskalation gibt wie zuletzt zwischen Dresden und Hertha, greift die Polizei hart durch, marschiert im HSV-Block ein und treibt die komplett in Schwarz gekleidete verbliebene Anhängerschaft aus dem Stadion. Es kommt zu Schlägereien mit den Ultras.

"Wenn Grenzen überschritten werden ..."

In den Katakomben zeigen sich danach die Beteiligten von Werder Bremen, die eigentlich ihren so prestigeträchtigen wie überlebenswichtigen Sieg bejubeln wollen, betroffen von den Ereignissen. "Das waren krasse Geschosse. Dass sie über den ganzen Platz fliegen können, damit haben wir nicht gerechnet. Das ist brutal gefährlich", sagt Werder-Verteidiger Amos Pieper schockiert. Manager Clemens Fritz unterstreicht: "Ich will kein Öl ins Feuer gießen, aber das war extrem unnötig. Sowas will kein Mensch sehen."

"Wenn Grenzen überschritten werden, gehört das nicht auf den Fußballplatz. Die Verletzungsgefahr war schon sehr groß. Ich habe gesehen, dass einiges neben uns einschlug", sagt Werder-Trainer Daniel Thioune auf der Pressekonferenz nach dem Spiel auf Nachfrage von ntv.de. HSV-Coach Merlin Polzin fügt hinzu, man könne das "in keinster Weise gutheißen" und erhoffe, "dass niemandem etwas passiert ist". Bremens Pressesprecher Christoph Pieper spricht von "Sachschäden", dagegen seien "Personenschäden bisher nicht bekannt, von daher ist es noch glimpflich ausgegangen".

Schon das ganze Spiel über zündeln beide Fanlager ununterbrochen. Mal wabern grüne, mal blaue Rauchschwaben durchs Stadion. Nach dem Tor der Bremer durch Cameron Puertas zum 3:1-Endstand, das vor dem HSV-Fanblock fällt, werfen die Hamburger Anhänger Pyrotechnik in Richtung der Werder-Spieler. Und vor dem Anpfiff muss der Sender DAZN sogar seine Übertragung unterbrechen, weil HSV-Ultras Leuchtraketen dicht neben das TV-Team schießen.

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Polizeieinsatzkräfte stürmten nach dem Spiel den HSV-Block. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Wütende Rudelbildung, Werder-Tollhaus

Heiß, heißer, Nordderby. Beim von der Polizei als Hochrisikospiel eingestuften Duell kochen auch auf dem Feld die Emotionen mehrfach über. Etwa nach Puertas' Treffer. Plötzlich fliegen die Fetzen und beide Auswechselbänke sind beteiligt. Minutenlang wollen sich die Akteure nicht einkriegen, am Ende sehen Co-Trainer Loic Favé und ein Physio auf Hamburger Seite und Werders Co-Trainer Jan Hoepner Rot.

Auch Jordan Torunarigha mischt fleißig mit. Selbst nach dem Spiel ist der HSV-Verteidiger noch auf 180, muss in den Katakomben von eigenen Mitspielern und Sicherheitskräften zurückgehalten werden, weil er wütend in Richtung der Werderaner marschieren will. Anschließend verschwindet er aus dem Blickfeld der Presse. Es sollen üble Worte gefallen sein, aber etwas Genaues weiß niemand. "Ich hab es nicht genau mitbekommen", sagt Werder-Manager Fritz auf Nachfrage von ntv.de und fügt hinzu: "Wer sieht, welche Provokationen es im Hinspiel gab, da braucht sich der HSV jetzt gar nicht beschweren."

Zum Glück wird im Weserstadion an diesem Nachmittag aber auch Fußball gespielt. Und was für welcher. Nach einer beeindruckenden Choreo der Werder-Fans mit Konfetti-Regen beginnt das Spiel zwar überaus ungenau und nervös auf beiden Seiten, doch in der 37. Minute ändert sich alles. Bremen spielt endlich einmal zielstrebig und Yukinari Sugawaras butterweiche Flanke an den Elfmeterpunkt donnert Jens Stage per Kopf ins rechte Toreck. Das Weserstadion wird erstmals zum Tollhaus.

Pieper kann über Matchwinner Stage nur lachen

Aber typisch Werder in dieser Saison: Hinten steht die Mannschaft gleich darauf so unsicher, dass die Führung nur knapp vier Minuten hält. Und der Ausgleich ist spektakulär: Robert Glatzel kocht an der Mittellinie den jungen Abdoul Coulibaly ab, spurtet in den Strafraum und hämmert die Kugel per Sonntagsschuss in den linken Dreiangel zum Ausgleich. Plötzlich verstummt das Stadion - bis auf den wild auf und ab hüpfenden HSV-Block.

Doch nach der Pause machen es die Grün-Weißen noch schöner (57.): Über Romano Schmid und Puertas kommt die Kugel zu Stage. Der Bremer Chef nimmt das Spielgerät kurz vor dem Strafraum an und zirkelt es dann wunderschön an die Lattenunterkante in den rechten Winkel. Traumtor. Die Party ist wieder in vollem Gange.

Auch wenn sie ausgelutscht ist, muss zu dieser Floskel gegriffen werden: Ausgerechnet Jens Stage sorgt mit seinem Doppelpack für Werders Derbysieg. Der Mittelfeldmotor fehlte bei der Pleite in Köln verletzt und konnte sich mit seiner Tonus-Störung die gesamte Woche kaum bewegen. Bis kurz vor der Partie steht sein Einsatz auf der Kippe - und dann bringt die Bremer Lebensversicherung seine Mannschaft mit seinem neunten Saisontor (Top-Wert im Team), mit diesem Gedicht zum 2:1, geschrieben mit dänischen Füßen, zurück auf die Siegerstraße.

Pieper bricht nach der Partie gar in ehrfürchtiges Lachen über seinen Mitspieler aus: "Der Junge trainiert die Woche gar nicht und macht dann das." Keeper Mio Backhaus fallen für den Dänen nur die Superlative "unglaublich" und "unfassbar" ein. Der Doppeltorschütze selbst gibt zwar zu, dass sein zweites "eins meiner schönsten Tore" sei, aber gibt sich ganz bescheiden: "Der Dank muss an meinen Physiotherapeuten Flo gehen."

Rot: Schiedsrichter und VAR im Fokus

Vor dem 3:1, das mit einer Hackenvorlage von Schmid ebenfalls toll herausgespielt ist, sorgen aber Schiedsrichter Florian Exner und VAR Katrin Rafalski für Aufregung, Wut und erhitzte Gemüter. Gleich zweimal sogar. Auch das darf bei einem Nordderby natürlich nicht fehlen.

In der 79. Minute steigt der erst kurz zuvor eingewechselte Philip Otele Gegenspieler Puertas aufs Schienbein, als dieser einen Ball abgrätscht. Ein hartes und schmerzhaftes, aber wohl unabsichtliches Foul. Exner lässt zunächst weiterspielen, aber schaut sich die Szene dann auf dem Videobildschirm an, spricht per Mikrofon ein "grobes Foulspiel" aus und zeigt glatt Rot. Der HSV kann es nicht fassen.

Nur sechs Minuten später zückt der Referee erneut Rot. Marco Grüll nimmt einen langen Ball von Sugawara schön mit, dann rauscht Bakery Jatta von hinten in ihn rein. Wieder gibt es eine VAR-Überprüfung und der Unparteiische korrigiert sich. "Rücksichtsloses Einsteigen", sagt er, doch dafür gibt es nur Gelb. Diesmal wüten die Werderaner.

Werder und HSV unter Druck

Da ist sie irgendwann zu Ende, die Nordderby-Nervenschlacht mit vier Treffern, vier Roten, viel Chaos und hässlichen Pyro-Attacken. Am Ende steht ein Ergebnis, das nur den Grün-Weißen schmeckt: Sie haben sich soeben noch einmal vor dem Abgrund gerettet, schließlich hätte eine Pleite nur noch zwei Punkte Vorsprung auf Rang 16 bedeutet, und den HSV zurück in den Abstiegssumpf hineingezogen.

Doch beide Teams müssen bei vier verbleibenden Partien noch immer höllisch aufpassen. Denn die nächsten Gegner für Werder heißen Stuttgart, Augsburg, Hoffenheim und Dortmund, die für Hamburg lauten Hoffenheim, Frankfurt, Freiburg, Leverkusen. Beide Hanseaten werden nicht mehr allzu viele Punkte für den Klassenerhalt sammeln können. Der Dreier im Nordderby ist so wild, wie überlebenswichtig für Werder.

Quelle: ntv.de

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