Fußball

Kritik gehört zum Journalismus Kroos' Ärger über ein schweres Missverständnis

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Toni Kroos distanziert sich, verbal und räumlich.

(Foto: IMAGO/Moritz Müller)

Das abgebrochene Interview von Toni Kroos nach dem Gewinn der Champions League wird in Deutschland fast mehr diskutiert als das Spiel selbst. In den Sozialen Medien pflichten die meisten dem Fußballer bei, arbeiten sich an ZDF-Reporter Nils Kaben ab. Dabei macht der seinen Job, so wie er sein sollte.

Wie kann es sein, dass Real Madrid die Champions League gewonnen hat? Hätte das Team von Trainer Carlo Ancelotti nicht einen herausragenden Keeper Thibaut Courtois im Tor stehen gehabt, der einen überirdischen Tag erwischt hatte, es wäre wohl nichts geworden. 24 zu 4 Torschüsse für den FC Liverpool allein sprechen eine deutliche Sprache. Dieses Finale, es wurde vom Team von Jürgen Klopp dominiert, gewonnen aber hat es Real Madrid. Das widerspricht jeder Logik - und das darf, nein muss thematisiert werden.

Bekanntermaßen sah Toni Kroos das anders, als ZDF-Reporter Nils Kaben genau deswegen nachhakte. "War das überraschend für Sie, dass Real Madrid doch ganz schön in Bedrängnis geraten ist?", lautete seine Frage beim Field Interview, die der nun fünfmalige Champions-League-Sieger flapsig abtat: "Du hattest 90 Minuten Zeit, dir vernünftige Fragen zu überlegen, ehrlich. Und dann stellst du mir zwei so Scheißfragen. Wahnsinn." Die erklärende Nachfrage Kabens, dass Real ja auch schon in der Gruppenphase zweimal fast ausgeschieden wäre, hörte sich der 32-Jährige gar nicht mehr zu Ende an, drehte sich weg, brach das Interview ab. Es zeigt ein merkwürdiges Verständnis des Fußballers von Journalismus - das in der Gesellschaft offenbar weit verbreitet ist.

Mehr als Lobhudelei

Denn in den Sozialen Medien sprangen die meisten dem früheren Nationalspieler bei, schimpften auf den bösen, ach was, unfähigen Journalisten. Dabei hat dieser seinen Job gemacht. Nachzuhaken, was ist, Erklärungen einzufordern und nicht des Fußballers Hofberichterstatter zu sein. Lobhudelei und eine Bühne bereiten für die Gute-Laune-Gefühlsduselei, schön und gut, das hatte Kaben bereits zuvor abgehandelt, als Kroos über den besonderen Abend sprechen durfte, bei dem seine ganze Familie im Stadion dabei war. Anders als manche Kollegen, die ihren Job damit beendet sehen, hatte der ZDF-Journalist aber mehr zu bieten. Eben das Klären einer berechtigten Frage. Ob er etwas feinfühliger hätte sein können beim Nachhaken, ist Ansichtssache.

Dieses kritische Nachhaken aber ist es, was besagte Hofberichterstattung vom echten Journalismus unterscheidet. Der Moment, in dem es um Inhalte geht, ungefärbte noch dazu, bei denen Pressesprecher nicht die Chance haben, alles glattzubügeln und jeden Angriffspunkt vorab unangreifbar zu moderieren. Wer nur auf gute Laune aus ist, wird es bei Lobhudelei belassen. So wie im Anschluss an das ZDF-Interview, als Kroos sich erst noch im Off darüber aufregte, man hätte allein an den negativ gefärbten Fragen schon erkennen können, "dass du aus Deutschland kommst", und sich dann bei DAZN interviewen ließ. Dort durfte er seinen Emotionen freien Lauf lassen - und wurde permanent als Sir Toni Kroos bezeichnet. Das war es wohl, was Kroos erwartet hatte.

Kaben aber ging es um mehr, er wollte rein in die Analyse des Spiels, dessen, was Kroos' Madrid da 90 Minuten zuvor für den Titelgewinn angeboten hatte. Das diskussionswürdig ist. Das Format des Field Interviews aber ist ein schwieriges. Wer gerade ein Spiel absolviert hat, ist k.o., adrenalingeladen, entweder euphorisiert oder schwer enttäuscht. Das endete auch schon bei der WM 2014 bei Per Mertesacker im mittlerweile berühmten Eistonnen-Interview. Für prägnante Analysen ist so kurz nach dem Spiel kaum ein Gedanke da. Mit seiner flapsigen Art hat sich Thomas Müller eingebrannt, meist aber ist der Gehalt eines solchen Interviews nicht so groß, als dass es lange in Erinnerung bleibt. Für journalistische Distanz, in anderen Ressorts wie in Politik und Wirtschaft völlig selbstverständlich, ist auf dem Fußballfeld zu wenig Zeit und Platz.

Fehlende Distanz als Problem

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Es ist zudem ein Problem des Sportjournalismus, dass kritische Distanz zu wenig erwartet wird. In einem Metier, in dem teilweise immer noch ein Vereinsmitglied den Spielbericht für die Lokalzeitung verfasst. In dem Klubs eine große Macht für sich entdeckt haben und mit vereinseigenen Medien nutzen. Die viele Fans als echten Journalismus ansehen und auf eine Stufe mit der Arbeit von Medien stellen, dann noch den Pressevertreter kritisieren, dass "XY"-TV den Wechsel dieses und jenes Spielers doch früher verkündet hatte. Nachfragen wie die von Kaben sind da nicht zu erwarten, will man es sich doch mit den eigenen Spielern nicht verscherzen.

Natürlich lebt der Sport von Emotionen, und die müssen transportiert werden. Doch es geht auch um kritisches Nachfragen, um das Klären berechtigter Fragen. Die von Kaben war so eine. Sie muss Kroos nicht gefallen. Aber er muss ihn deswegen auch nicht einfach stehen lassen.

Quelle: ntv.de

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