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"Habe einen gewissen Anspruch" Leipzigs Krise nagt an Nagelsmann

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"Ich hinke meinen eigenen Ansprüchen hinterher": Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Julian Nagelsmann hinterfragt vor dem Pokalspiel in Wolfsburg Grundsätzliches - bei seinen Spielern ebenso wie an seiner Arbeit. Der Trainer-Jungstar von RB Leipzig verschweigt nicht, wie es in ihm aussieht. Er reagiert mit treffenden Analysen und kündigt Veränderungen an.

Selbstzweifel gehören eher nicht zu den Eigenschaften, die man mit Julian Nagelsmann in Verbindung bringt. In seinen ersten Monaten bei seinem neuen Klub RB Leipzig schallte zuverlässig das gellende Lachen des 32-Jährigen über die Trainingsplätze am Cottaweg. Vor jeder Einheit zockt der jüngste Chefcoach der Fußball-Bundesliga mit seinen Trainerkollegen kleine Wettspielchen mit Ball, reißt Sprüche und feiert sich lautstark, wenn er, wie meist, gewinnt. Ein Spielertyp wie einst Entertainer Stefan Raab, der seine Gäste bei "Schlag den Raab" in ganz unterschiedlichen Disziplinen vor allem durch seine Präsenz und sein Selbstvertrauen schlug.

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Beim 1:2 in Freiburg verzweifelte Nagelsmann an der Seitenlinie.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

"Schlag den Nagelsmann", der als begabtester Trainer seiner Generation gilt und diese Rolle auch annimmt, ist derzeit auch in der Bundesliga und der Champions League eine beliebte Disziplin. In den vergangenen sechs Spielen der Leipziger ist das gleich drei Trainerkollegen und deren Teams geglückt: Schalke, Lyon und Freiburg. Nur einmal triumphierte Nagelsmann, der beim 2:1 gegen Zenit St. Petersburg so ekstatisch kraftvoll jubelte wie Cristiano Ronaldo, im Spiel darauf im Breisgau aber wieder verärgert an der Seitenlinie herumtigern musste.

So muss sich Leipzigs Fußballlehrer nun vor dem DFB-Pokal-Spiel an diesem Mittwoch beim in dieser Saison noch ungeschlagenen VfL Wolfsburg (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) vor allem im Fachgebiet Krisenmanagement bewähren. Keine einfache Aufgabe, denn weder er selbst, noch der Klub, noch die Spieler, noch die Fans von RB sind Misserfolg gewohnt. Mehr als vier sieglose Bundesligaspiele am Stück gab es noch nie bei Rasenballsport. "Ich habe einen gewissen Anspruch, wie eine Mannschaft auftritt, was sie auszeichnet, aber auch punktemäßig. Ich hinke meinen eigenen Ansprüchen hinterher", bekannte er.

Zum ersten Mal richtig laut in der Kabine

Nachdem sich Nagelsmann nach den ersten sieglosen Partien vor seine Mannschaft gestellt und die Darbietungen besser beurteilte, als sie tatsächlich waren, wurde er nach dem 1:1 im Bundesligaspiel gegen Wolfsburg erstmals in seiner Amtszeit in Leipzig richtig laut in der Kabine. Nun, nach der neuerlichen Enttäuschung in Freiburg, rätselte auch Nagelsmann, der sonst eine analytische Antwort parat hat: "Wenn wir sehr ungeduldig sind und nicht die Positionen besetzen, wie wir es wollen, dann ist es sehr schwer für einen Trainer, weil er nicht weiß, ob es daran liegt, dass der Gegner super verteidigt oder der Plan nicht gut ist oder einige Spieler müde sind."

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Zu Beginn dieser Woche legte Nagelsmann den dritten Krisen-Bewältigungs-Gang ein und den Finger schonungslos in die Wunde. Angefasst, aber dennoch aufgeräumt und offen, ging der Fußballlehrer, der sich viel lieber mit Halbräumen und ballfernen Spielern beschäftigen würde, auf Ursachenforschung und fand ein grundsätzliches Manko: die fehlende Leidensbereitschaft einiger seiner Spieler. Denn, das ergab seine Analyse, sein Team habe sich in den vergangenen vier erfolglosen Ligapartien gegen Leverkusen, Wolfsburg, Zenit und nun Freiburg jeweils Gegentore eingehandelt, die zu verteidigen gewesen wären. Nicht durch besseres taktisches Verhalten oder einen anderen Matchplan, sondern schlicht und einfach durch bedingungslosen Einsatz.

"Wir müssen versuchen, das Tor mit unserem Leben zu verteidigen und nicht so halbgar. Alles dafür tun, zu Null zu spielen, Ballkontakte und Flanken zu unterbinden, mehr als nur zehn defensive Sprints zu machen. Dafür bedarf es Haltung und Charakter", appellierte Nagelsmann. "Wie wir in die Zweikampfsituationen gehen, wie wir in die Box verteidigen, das darf uns nicht passieren!" Das habe wenig mit Talent, vielmehr mit genereller Attitüde zu tun. "Da kann man auch einen Bezirksliga-Spieler hinstellen und ihm sagen, du rennst deinem Gegenspieler bis aufs Klo hinterher", so der 32-Jährige. "Aber wenn der Gegner Ballkontakte hat, ohne wirklich Druck zu verspüren, ist das ein Haltungsthema."

Die Vorgesetzten mischen sich ein

RB-Boss Oliver Mintzlaff hatte bereits vor einer Woche öffentlich harsche Kritik am Team geübt, das gegen Wolfsburg nach der Führung plötzlich aufgehört habe, Fußball zu spielen und um den Ausgleich gebettelt habe. Nun schaltete sich auch Sportdirektor Markus Krösche ein, um nach der Rückkehr aus Freiburg am späten Samstagabend Grundtugenden einzufordern. Nagelsmann verhehlte nicht, dass ihn die Situation getroffen hat. "Lieber wäre es mir, wenn der Sportdirektor das nicht machen müsste. Das ist nie ein schönes Zeichen für einen Trainer, wenn jemand anderes zur Mannschaft spricht", gestand er und fügte hinzu: "Ich hätte gern eine Mannschaft, die nicht angreifbar ist, weder intern, noch medial. Das wünsche ich meiner Mannschaft."

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RB-Boss Oliver Mintzlaff kritisierte die Mannschaft - was Trainer Nagelsmann ärgerte.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Er selbst ging am Montagnachmittag mit den Spielern ins Detail, schnitt 14 Szenen aus dem Spiel gegen Freiburg heraus; dazu trug er dem Team fünf grundsätzliche Punkte vor, um unter anderem zu illustrieren, was er mit fehlender Haltung meint. Möglicherweise eine ebenso reinigende Situation wie nach dem 2:3 der Leipziger gegen Schwesterklub Salzburg im Vorjahr in der Europa League, als Vorgänger Ralf Rangnick mit dem Team ans Eingemachte ging und danach die Trendwende schaffte.

Apropos Rangnick: Angesprochen auf ein mögliches Gespräch mit dem Red-Bull-Fußball-Berater hatte Nagelsmann flapsig reagiert. Er habe vor dem Spiel keine Zeit gehabt ausführlich mit Rangnick zu reden, weil ihm aufgrund erhöhten Energy-Drink-Konsums die Blase drückte, berichtete er vor dem Spiel gegen Zenit. Natürlich holt Nagelsmann hin und wieder den Rat des Fußballweisen ein, doch aktuell war davon keine Rede.

"Auf Spieler zurückgreifen, die alles reinwerfen"

Nagelsmann ist im Sommer bei RB Leipzig angetreten, um die Rangnick'sche Pressingmaschine mit der besten Abwehr der Liga um das Element Ballbesitzfußball zu ergänzen. Doch da sich die Spieler mit dem Stilwechsel schwertun, stellte er nun erstmals in Aussicht, die neuen Ideen zugunsten der Ergebnisse hintenanzustellen. "Wenn das die Spieler in den falschen Hals bekommen, dass sie mehr spielerische Freiräume genießen, dann muss man das zurückdrehen", kündigte Nagelsmann an. "Wenn wir weiterhin Probleme haben, werden wir die Neuerungen nur im Training erarbeiten und deutlich weniger im Spiel darauf eingehen."

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Ganz offenkundig haben einige Kicker Probleme nach dem streng automatisierten Rangnick-Fußball hin zum freiheitlicheren Nagelsmann-Stil umzudenken. Für die Pokalpartie in Wolfsburg überlegt der Trainer-Jungstar, mehr Mentalität aufzubieten, "bisschen weniger auf das Taktische und Inhaltliche zu achten als auf das Haltungsthema. Man sollte auf Spieler zurückgreifen, die alles reinwerfen, was sie haben." Unter anderem "Krieger" Stefan Ilsanker ist erstmals in dieser Saison für das K.-o.-Spiel gegen den VW-Klub eine Option. Generell jedoch, betonte Nagelsmann, sei seine neue Spielidee alternativlos. "Wenn wir die Inhalte so umsetzen, wie ich es mir wünsche, werden wir irgendwann Tore schießen. Und wir werden auch keins kriegen, wenn wir das umsetzen, was hier in den vergangenen vier, fünf Jahre geprägt wurde. Diese Symbiose ist das Ziel."

Mit dieser Strategie wolle sein Team "irgendwann dahinkommen, Spitzenspiele gegen Bayern München und Borussia Dortmund" für sich zu entscheiden und zugleich mehr Lösungen gegen Teams wie Augsburg oder aktuell Freiburg zu haben, die sehr tief stehen. Mit anderen Worten: aufzutreten und zu spielen wie eine Topmannschaft. Spielerisch versiert und kreativ und aggressiv zugleich. Das Potenzial dazu habe RB Leipzig. Noch aber sei RB kein "Spitzenteam, sonst hätten wir diese Probleme nicht. Wir müssen aus unserem Talent das Maximale herausholen", forderte Nagelsmann. Alles eine Frage der Haltung eben. Dem blutjungen Bundesligatrainer Julian Nagelsmann gelingt es derzeit ganz gut, durchaus selbstkritisch und zweifelnd, aber aufrecht und mit Vertrauen in seine Stärken Haltung und Ruhe zu bewahren.

Quelle: n-tv.de

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