Fußball

"Hurensohn" doch nicht schlimm? Manuel Neuer muss das dann wohl aushalten

Klar, Manuel Neuer kennt das. Seit er den FC Schalke 04 im Sommer 2011 Richtung München verlassen hat, wird er bei jedem Wiedersehen ausgepfiffen und beleidigt. Das Pokal-Viertelfinale ist keine Ausnahme - und dennoch ist diesmal etwas anders.

Sie haben "Hurensohn" gerufen. Ja, das haben sie. Es ist in deutschen Fußballstadien eine tausendfach gehörte Beleidigung. Seit Jahren. Aber seit dem vergangenen Wochenende gilt "Hurensohn" als Zäsur. Zumindest hatte der FC Bayern das über seinen Klubchef Karl-Heinz Rummenigge ausrufen lassen. Man werde derartige Verunglimpfungen nicht mehr dulden. In Sinsheim hatten die Fußballer aus München und die der heimischen TSG Hoffenheim am Samstag einen historischen Nichtangriffspakt verabredet, um ihr Unverständnis gegen die Anfeindungen auszudrücken, die TSG-Mäzen Dietmar Hopp wieder mal aushalten musste.

"Hurensohn" hatten sie auf Banner geschrieben und ihn gerufen. Ja, das hatten sie. Auch die Schalker, die sich in dieser Saison bereits zweimal mit rassistischen Entgleisungen im Klub-Umfeld auseinandersetzen mussten, sprangen dem Zäsur-Aufruf bei. Und sie setzten sich als erster Bundesliga-Klub klare Grenzen. Bei Anfeindungen und Diffamierungen werde die Mannschaft, so ließ der Vorstand verkünden, das Feld verlassen. Ungeachtet der Konsequenzen. Dass das Ansinnen der Schalker ehrenhaft ist - kein Zweifel. Allerdings setzt sich der Klub damit auch unnötig unter einen absurden Zugzwang. Denn wo beginnt die Anfeindung und wo hört sie auf?

"Hurensohn" hatten sie ihn gerufen. Wieder einmal. Am Dienstagabend musste der Kapitän des FC Bayern, Manuel Neuer, die ihm seit seinem Wechsel vom FC Schalke 04 nach München im Sommer 2011 bekannten Verbalattacken über sich ergehen lassen. Oder auch nicht? Die Atmosphäre in der ausverkauften Arena sei "absolut positiv" gewesen, wird er von der "Süddeutschen Zeitung" zitiert: "So gehört sich das, es gab keine Anfeindungen."

Nur: Es gab sie doch. Vielleicht weniger laut und vehement als früher. Aber es gab sie.

Gibt es besonders schützenswerte Personen?

Was es nicht gab: Eine Unterbrechung gemäß des aufgesetzten DFB-Dreistufenplans bei diffamierenden Vorkommnissen auf den Tribünen. Was es auch nicht gab: Eine Schalker Mannschaft, die das Feld verließ. Ob das nötig gewesen wäre, oder eben nicht, darüber gibt es mehr als zwei Meinungen - und das ist in Ordnung so (die später veröffentlichte Begründung gibt's übrigens hier). Allerdings wirft das Verhalten die durchaus brisante Frage auf: Welches Kriterium liegt der Vehemenz der Reaktion zugrunde? Ist die Macht eines Funktionärs also schützenswerter als die eines Spielers? Es wäre fatal. Noch fataler wird's, wenn in dieser so angespannten Gemengelage alles verrührt wird: Rassismus, Anschläge, Fan-Wut.

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Freie Meinungsäußerung.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Genau das war am vergangenen Wochenende nämlich passiert. Die kollektive Anti-Hopp-Aktion von Fangruppen in mehreren Stadien war so eskaliert, dass wildeste Theorien und Zusammenhänge gereimt wurden. Eine differenzierte Aufarbeitung? Kaum möglich. Viel zu aufgehitzt sind die sich derzeit unversöhnlich gegenüberstehenden Seiten. Klar ist nur eins: Fadenkreuzplakate, die von Fanatikern als stummer Aufruf zum Mord interpretiert werden könnten, sind wenige Tage nach einem (rechts-)terroristischen Anschlag ein fahrlässiger Umgang mit der gesellschaftlichen Sensibilität. Was sie nicht sind: Ein Ausdruck von Nazis oder Terroristen in Kurven.

Was aber ist nun der Status? Was ist eine nicht mehr hinnehmbare Anfeindung? In den extremen Ausprägungen - Rassismus, Antisemitismus und Sexismus - scheint das eigentlich klar, auch wenn diese Klarheit im Stadion mitunter abhanden kommt. Aber wo sind die Grenzen in den Graubereichen? Gibt es sie überhaupt? Und kann es sie überhaupt geben? Was ist noch die freie Äußerung womöglich umstrittener Meinungen? Auf Schalke haben sie beim Pokalspiel am Dienstagabend (der FC Bayern gewann das Spiel übrigens mit 1:0) ihre Antwort gegeben: "Hurensohn" ohne direkten Adressaten auf einem Banner haben sie hingenommen. Kritik am Umgang des Klubs mit Clemens Tönnis nach dessen rassistischen Ausfällen auch. Zu Recht übrigens. Vorwürfe gegen den DFB - auch kein Problem. Ebenfalls zu Recht.

Und "Hurensohn"? Ein Fußballer wie Manuel Neuer muss das offenbar aushalten.

Quelle: ntv.de