Fußball

WM-Finaljubiläum gegen DFB-Elf Matthäus' Foul lässt Argentinien keine Ruhe

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Matthäus hakelt, Calderón fällt - doch der Pfiff bleibt aus.

(Foto: imago images/WEREK)

Genau drei Jahrzehnte sind seit der magischen Nacht von Rom vergangen, als die DFB-Elf Revanche nahm und Fußball-Weltmeister wurde. Die Argentinier hadern mit der Niederlage noch immer. Zu Recht, wie Fernsehbilder zeigen.

Diego Maradona kocht vor Abscheu. Das Publikum in Rom pfeift seine Nationalhymne nieder. Titelverteidiger Argentinien hatte es gewagt, im Halbfinale mit zehn Mann die gastgebenden Italiener herauszuschmeißen, dank des Elfmetertöters Goycochea zwischen den Pfosten, der sogar mehrere Monate lang zuvor vertragslos und damit ohne Spielpraxis gewesen war. Erst im Laufe des Turniers ist er zwischen die Pfosten gerückt. "Hurensöhne", speit der Spielmacher nun deutlich durch seine Lippen ablesbar in die Wohnzimmer der Welt, noch einmal genau vor der Fernsehkamera, "Hurensöhne".

Schiedsrichter Edgardo Codesal weiß, eigentlich muss er jetzt den Weltstar schon vom Platz schmeißen, vor Spielbeginn des großen Finals gegen die Deutschen. Doch der gebürtige Uruguayer lässt Nachsicht walten, denn er kennt den kurz gewachsenen Maradona: Auf dem Platz ein großer Spieler, aber als Person "eine der schlimmsten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe", wie der Unparteiische viele Jahre später sagen wird.

Das WM-Endspiel an diesem 8. Juli 1990 ist ein legendäres. Nicht etwa deshalb, weil die Deutschen am Ende den Pokal hochhalten. Sondern wegen der Vorgeschichte dieses Sommerabends und dem, was dann auf dem Rasen vor sich geht. Es war das erste WM-Finale überhaupt, das einem Vizeweltmeister die Chance zur Revanche bot, nachdem Deutschland 1986 unterlegen gewesen war.

Noch heute, 30 Jahre nach dem deutschen Erfolg durch den späten Treffer Andy Brehmes, sind die argentinischen Wunden nicht verheilt. Da war das Halbfinale gegen Italien mit den gelben Karten. Die gegen den amtierenden Weltmeister so feindselig eingestellten Zuschauer in Rom und anderswo. Schiedsrichter Codesal, der wegen seiner Entscheidungen noch immer verhasst ist. Rudi Völlers Fall im Strafraum. Und jetzt kommen noch bislang unbekannte TV-Aufnahmen hinzu, die den Verdacht des Betrugs um den Weltmeistertitel erhärten. Aus argentinischer Sicht, versteht sich.

Die älteste Tageszeitung Argentiniens etwa veröffentlichte vor wenigen Tagen eine ausführliche Analyse. Nicht über das Finale. Sondern allein über den Elfmeter für Deutschland. Titel: "Dieser verfluchte Strafstoß". Das Urteil von "La Nación": Nach damaligen Reglement war es eher keiner. Damals galt als Kriterium noch die unterstellte Absicht, den Gegenspieler zu foulen.

Argentinien unter Dauerdruck

"Deutschland hatte ein besseres Turnier gespielt, aber ich war bei diesem Finale guter Hoffnung", sagt der Sportjournalist Germán Bellizzi. "Wir hatten gegen Italien gut gespielt, ganz abgesehen vom Elfmeterschießen." Der damals 18-Jährige sah das Endspiel mit seiner Familie. Aber innerhalb der Mannschaft sah es etwas anders aus. Den Argentiniern fehlten mehrere Stammkräfte, etwa Claudio Caniggia, andere spielten auf ungewohnten Positionen. Ihr Kopf Maradona konnte schon während des Turniers zwischenzeitlich kaum laufen und ging angeschlagen in die Partie. Er war nicht mehr der alles überstrahlende Spieler wie bei der WM in Mexiko.

"Wir sind schon im Halbfinale richtig verpfiffen worden", erinnert sich Argentiniens damaliger Libero Juan Simón im Interview mit ntv.de. "Sie haben uns vier Spieler weggenommen, die unheimlich wichtig waren." Und dann kam die DFB-Elf. "Wir wussten, dass wir unterlegen waren. Eigentlich will man so lange wie möglich den Ball in den eigenen Reihen halten. Das haben wir nicht geschafft und gerieten unter Dauerdruck."

Deutschland traf auf eine bissige argentinische Defensive, konnte nicht so spielen wie zuvor im Turnier. Das Finale wurde zu einem intensiven Zweikampfmarathon, statt wie jedes vorherige WM-Endspiel mindestens drei Tore zu bieten. Die Argentinier kamen zugleich kaum in Angriffsposition. "Aber wir verteidigten gut", beobachtete Bellizzi. "Ich wartete darauf, dass Maradona einen magischen Moment haben würde."

Als Jürgen Klinsmann in der zweiten Halbzeit auf dem rechten Flügel davonzulaufen droht, bringt ihn José Monzon mit gestrecktem Bein zu Fall. Codesal zeigt ihm Rot. In der folgenden letzten halben Stunde, nun in Überzahl, reißen die Deutschen das Spiel fast komplett an sich. "Ich war unfassbar nervös und hoffte, dass wir uns ins Elfmeterschießen retten könnten", erinnert sich Bellizzi: "Wir hatten ja Goycochea."

Wohl niemand zweifelt heute daran, dass die Deutschen an diesem Abend die bessere Mannschaft waren. Dass sie dieses große Finale über weite Strecken kontrollierten und über das Turnier gesehen auch verdient Weltmeister wurden. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie unbedingt gewinnen mussten oder Argentinien chancenlos war.

Aufregung um "skandalöses Foul"

Neben dem Strafstoß für die DFB-Elf, der seit Jahrzehnten diskutiert wird, bewegt seit einigen Wochen eine weitere Szene Argentiniens Fußballwelt: Auf TV-Bildern einer Aktion von Gabriel Calderón ist klar zu sehen, wie er nach einer Ecke von Matthäus zu Fall gebracht wird. Der Ball ist weg, der deutsche Spielmacher hakelt in der Strafraumecke mehrfach am Fuß des Argentiniers, der daraufhin fast in einen Spagat fällt. Der Schiedsrichter steht direkt daneben und zeigt an: Ball gespielt. Es läuft die 79. Minute, da ist der Spielstand noch 0:0.

Calderón selbst veröffentlichte die zuvor unbekannte Einstellung der Hintertorkamera bei Twitter. "Seien Sie ehrlich, Codesal!", forderte der ehemalige argentinische Nationalspieler: "Geben Sie zu, dass Sie sich geirrt und Argentinien um die Chance auf den Weltmeistertitel gebracht haben." Auch Mannschaftskollege Juan Simón ist dieser Ansicht und spricht gegenüber ntv.de von einem "skandalösen Foul". "Da besteht überhaupt kein Zweifel!" Dass erst drei Jahrzehnte später diese Bilder auftauchen, nährt für ihn den schon zuvor gepflegten Verdacht, jemand habe eine Titelverteidigung Argentiniens verhindern wollen. Matthäus selbst sagt dazu, er erinnere sich nicht an die Szene.

Sieht man sich die Aktion in der offiziellen Version von der Seitenlinie aus an, also so, wie sie damals auch im Fernsehen zu sehen war, ist das Foul nicht deutlich sichtbar. "Oooh, Matthäus mit Ballverlust, und so wie er nachsetzte, das sah nicht astrein aus", mutmaßt zwar der deutsche TV-Kommentator dazu. "Das war gefährlich, an der Grenze zum Elfmeter", sagt auch der ihm zur Seite sitzende Karl-Heinz Rummenigge. Die Argentinier sehen fast gar nichts: "Was war denn das? Ist Calderón ausgerutscht?", fragt der argentinische Fernsehkommentator und macht dann weiter. Auch Bellizzi erinnert sich, dass er die Entscheidung damals nicht anzweifelte. Eine Wiederholung wird nicht gezeigt.

Anders ist das beim entscheidenden Pfiff kurz vor dem Ende. Matthäus sagt, er habe gute Sicht gehabt, und für ihn sei es kein Strafstoß gewesen. Die deutschen Kommentatoren sagen sogar ungläubig: "Also den vorher an Augenthaler, den hätte ich zehnmal eher gepfiffen." Sie einigen sich auf Konzessionsentscheidung und fügen hinzu: "Das war ein Geschenk." Im argentinischen TV sind sie ebenso wenig überzeugt: "Ich habe meine Zweifel", sagt einer der Kommentatoren über Völlers Sturz und wartet die Zeitlupe ab. "Er fällt allein hin", stellt er schnell und trocken fest. Es folgen einige Sekunden Stille. Als müssten die beiden das erst verarbeiten.

Unverdaute Niederlage

Brehme überwindet den Elfmetertöter Goycochea vom Punkt, flach links unten schlägt der Ball ein. "Die Deutschen haben das Geschenk angenommen", tönt es nun auch aus den Fernsehern in Argentinien. Nach dem Tor fliegt ein weiterer der Südamerikaner wegen Tätlichkeit vom Platz, und sogar Maradona holt sich noch eine gelbe Karte wegen Meckerns ab. Dass Schiedsrichter und Argentinier die gleiche Sprache sprechen, hilft in all der Aufregung nicht. "Wir haben ihm alles ins Gesicht gesagt", erinnert sich Simón: "Dabei haben wir ein bisschen übertrieben."

Bis heute verteidigt Schiedsrichter Codesal seine Strafstoßentscheidung für die Deutschen. Unabsichtliche Fouls waren damals legal, aber der Unparteiische sah in der Bewegung von Roberto Sensini die Absicht, Völler zu Fall zu bringen, selbst wenn der deutsche Stürmer übertrieb. Heutzutage würde Codesals Entscheidung kaum infrage gestellt, denn die Frage nach Absicht oder nicht wurde schlicht aus dem Reglement gestrichen: Foul ist Foul.

Nicht nur wegen der strittigen Entscheidungen des Schiedsrichters hadern die Argentinier noch heute mit dem Ausgang des Finals. "Was wäre gewesen, wenn Argentinien in anderer Verfassung gewesen wäre?", fragt sich etwa Bellizzi noch immer: "Mit den Stammspielern wie Caniggia, die wegen ihrer Sperren im Halbfinale nicht spielen durften. Das ist der bittere Nachgeschmack, der mir bleibt." Auch hier gilt: Nach aktuellem Reglement wäre das nicht passiert. Seit der WM 2006 werden alle Gelben Karten nach dem Viertelfinale gestrichen.

Ehemalige Spieler Argentiniens haben die Niederlage auch nicht komplett verdaut. Simón etwa erinnert sich an eine "mystische Mannschaft", die "zu allem fähig war", die "jede Situation meistern konnte". Womöglich hadern deshalb viele noch immer mit diesem Finale: Die Deutschen waren zwar besser, aber die Argentinier fühlen sich trotzdem um etwas beraubt, was sie nur in dieser Elf von 1990 spürten.

Roberto Sensini, dessen Zweikampf gegen Völler das entscheidende Tor verursachte, hat sich das Finale bis heute nicht wieder angesehen. "Für mich war es kein Strafstoß, deshalb meine Ohnmacht, Wut und Bitterkeit." Ein Trikot mit der gleichen Nummer wie damals, der 17, das hat Sensini nie wieder getragen.

Quelle: ntv.de