Fußball

Barcelona "hat Wort gebrochen" Messi bleibt keinen Tag länger als nötig

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Mit seinem Noch-Klub ist Messi höchst unzufrieden.

(Foto: imago images/Insidefoto)

Wenn Lionel Messi könnte, würde er den FC Barcelona lieber heute als morgen verlassen. Der 33-Jährige bleibt nur, weil er eine Schlammschlacht vor Gericht vermeiden möchte. Und dennoch rechnet er heftig mit dem Klub ab, für den er seit mehr als 20 Jahren Fußball spielt.

Lionel Messi bleibt beim FC Barcelona, aber er bleibt nicht länger als nötig. Erstmals äußert sich der 33-Jährige selbst, seit er seinem Klub mitgeteilt hat, dass er ihn nach über 20 Jahren verlassen will. Und sagt dabei viel mehr mit all den Worten, die er nicht spricht, als mit denen, die er ausspricht. Denn er verliert kein Wort darüber, dass er von einem Verbleib und der sportlichen Perspektive überzeugt ist. Stattdessen ist sein Sinneswandel offenbar vor allem darin begründet, dass ein Abgang noch hässlicher geworden wäre als es das Hin und Her der vergangenen Wochen ohnehin schon war.

Die Nachricht, dass der vielleicht beste Fußballer seiner Generation eine weitere Saison beim FC Barcelona bleibt, ist für den katalanischen Traditionsverein nur auf den ersten Blick ein Grund zur Freude. Denn Messi hält dem Klub schonungslos vor, warum er lieber heute als morgen weg will. Auch, weil er die Schuld für die Misere von sich weg und auf den Verein schiebt. Dass sich Messis Meinung in der kommenden Saison ändert, ist angesichts seiner Worte, die teilweise einer Abrechnung gleichen, so gut wie ausgeschlossen.

"Ich würde niemals gegen Barça vor Gericht ziehen", erklärte Messi im Interview mit "Goal.com". Kein Bekenntnis zum Klub, stattdessen nur eine simple Abwägung: Eine juristische Auseinandersetzung über Vertragsklauseln und Ablösesummen erscheint dem Argentinier wesentlich anstrengender, als noch eine Saison bei den Katalanen auszuhalten und dann mit dem Ende seines Vertrages zu gehen.

Barcelona ist zu oft nur Messi

Die Schuld dafür sieht Messi allerdings nicht bei sich, sondern beim Präsidenten des FC Barcelona, bei Josep Maria Bartomeu. "Der Präsident hat sein Wort gebrochen", sagt Messi: "Er hat mir immer gesagt, dass ich am Saisonende entscheiden könnte, ob ich bleibe oder gehe, aber er hat sich nicht daran gehalten." Stattdessen "klammern sie sich jetzt daran, dass ich meine Absicht nicht vor dem 10. Juni geäußert habe", so der Ausnahmefußballer weiter. Messi wirkt eher tief enttäuscht als wütend. Darüber, dass der Verein, der noch immer das Motto "Mehr als ein Klub" vor sich herträgt, eine vermeintlich fixe Absprache mithilfe seiner Rechtsabteilung aufzuheben versucht.

An diesem 10. Juni ist der Argumentation des FC Barcelona zufolge die Frist ausgelaufen, in der Messi seinen bis 2021 gültigen Vertrag einseitig hätte kündigen können. "Aber am 10. Juni haben wir noch um die Meisterschaft gespielt", weil "das schreckliche Coronavirus die komplette Saison verändert hat". Am 11. Juni kehrte die spanische Liga aus der Zwangspause zurück, elf Spieltage waren noch offen. Barça ging zwar als den Tabellenführer ins Rennen, verpasste letztlich aber den Titel im ewigen Duell mit Real Madrid.

Messis Seite war sich sicher, dass aufgrund dieser Verlängerung der Saison auch die Klausel weiterhin wirke, weshalb diese erst im August ausgelöst worden sei - nach dem letzten Pflichtspiel, dem 2:8 im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern. "Aber der Präsident hat mir gesagt, dass ich nur dann den Klub verlassen kann, wenn jemand die Ablösesumme von 700 Millionen Euro zahlt", so Messi: "Und das ist unmöglich." Nur deshalb bleibt er, so scheint es. Er sieht für sich keine Zukunft bei dem Klub, zu dem er einst als Zwölfjähriger gewechselt war. Auch wenn er betont, dass "meine Einstellung sich nicht verändern", er also weiter alles geben werde.

"Ich möchte nicht zerpflückt werden"

Wie auch in der gerade erst beendeten Saison. In der aber immer häufiger deutlich wurde, wie abhängig der FC Barcelona davon ist, dass Messi einen guten Tag erwischt. Und in der Messi immer häufiger erkennen musste, dass er bisweilen für den Erfolg des 26-fachen spanischen Meisters verantwortlich zu sein scheint. Trotz 57 Torbeteiligungen des Argentiniers in wettbewerbsübergreifend 44 Pflichtspielen verpasste Barcelona die Meisterschaft und scheiterte sowohl im spanischen Pokal als auch in der Champions League im Viertelfinale. Es war die erste Saison ohne einen Titel seit 2008.

"Die Wahrheit ist, dass es hier kein Projekt gibt, keinen langfristigen Ansatz, und das schon lange nicht", erklärte Messi in dem Interview, seiner ersten öffentlichen Wortmeldung im Vertragsstreit überhaupt. Schon zuvor hatte er wiederholt die Transferpolitik seines Klubs kritisiert. 120 Millionen Euro Ablöse zahlten die Katalanen vor einem Jahr für Antoine Griezmann. Ein großer Name, der allerdings mit seiner Dribbelschwäche und seinem bisweilen eher verlangsamenden Spiel kaum in das auf kurze und schnelle Pässe angelegte System Barcelonas passt. Eine Verpflichtung an den Bedürfnissen des eigenen Spiels vorbei.

Die in Messis Augen kaum existente und wenn, dann verfehlte Strategie führt er als Grund an, weshalb er einen neuen Verein sucht. "Ich habe dem Klub das ganze Jahr über gesagt, dass ich den Weg freimachen möchte", denn: "Ich glaube, dass es mehr junge Spieler braucht, neue Spieler, dass meine Zeit in Barcelona vorüber ist."

Ein Sinneswandel scheint ausgeschlossen

Messis Wechselwunsch ist also weiterhin ungebrochen. Aber er hat erkennen müssen, dass er diesen nicht durchsetzen kann. Zumindest nicht, ohne vor Gericht zu ziehen. Eine Option, die keine ist, argumentiert der 33-Jährige: "Das ist der Klub, der mir alles gegeben hat, seit ich hergekommen bin." Sportlich aber ist die Liebe offenkundig erloschen, weil der FC Barcelona nicht mehr den Ansprüchen eines Lionel Messi genügt. "Ich möchte um die Champions League spielen und nicht wie in Rom, Liverpool und Lissabon zerpflückt werden."

Denn seit 2015, seit dem bislang letzten von vier Champions-League-Siegen in der Ära Messi, erreichte Barça nur ein einziges Mal das Halbfinale. Statt der Chance auf den Titel gab es in den drei vergangenen Saisons drei der schmerzhaftesten Niederlagen der Klubhistorie. Vor zwei Jahren war Barcelona nach einem 4:1-Heimsieg durch ein 0:3 im Rückspiel bei der AS Rom ausgeschieden, vor einem Jahr verspielten die Katalanen mit einem 0:4 beim FC Liverpool den nach einem 3:0 im Hinspiel sicher geglaubten Finaleinzug. Noch schlimmer kam es dann in diesem Jahr beim Finalturnier in Lissabon mit der 2:8-Demütigung gegen den FC Bayern. "All das hat zu meiner Entscheidung beigetragen", sagt Messi.

Dass er selbst zu diesem Niedergang beigetragen haben könnte, lässt er außen vor. Dabei gibt es immer wieder Berichte, dass Messi großen Einfluss auf die Personalentscheidungen in Barcelona nimmt, bei Spielern, Trainern, Sportdirektoren. Dass es angesichts der hohen Gehälter, die der Klub zahlt - allein Messi soll rund 50 Millionen Euro jährlich verdienen - schwierig sei, Investitionen in den Kader zu tätigen. Was angesichts der Ablösesummen für Griezmann oder auch Ousmane Dembélé, für die Barça jeweils mehr als 100 Millionen Euro ausgab, als Argument allerdings nicht so richtig zu überzeugen weiß.

Quelle: ntv.de