Fußball

Halbfinal-Taumel gegen Chelsea Mutige Eintracht kämpft gegen den Kollaps

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"Natürlich willst du zu Hause kein Gegentor bekommen": Eintracht Frankfurt empfängt im Halbfinal-Hinspiel der Europa League den FC Chelsea.

(Foto: REUTERS)

Furioser Auftakt, furioser Gegner, furioses Finale: Die Frankfurter Eintracht ist mit dem Resultat des Halbfinal-Hinspiels in der Fußball-Europaliga gegen den FC Chelsea nicht zufrieden. Ihr Mut aber macht sie stolz. Und ihr Stolz macht sie mutig.

Der Frankfurter Mijat Gaćinović hatte etwas gespürt. Ein Foul war's, was er gespürt hatte. Und deswegen konnte er in der 41. Minute des Halbfinal-Hinspiels in der Fußball-Europaliga zwischen seiner Eintracht und dem FC Chelsea nicht weiterlaufen, obwohl er doch gerade eigentlich dabei war, einfach weiterzulaufen. Sein Gegenspieler Andreas Christensen, so urteilte Mijat Gaćinović am späten Donnerstagabend in den Katakomben des Waldstadions, hatte ihn nach einem Kopfballduell erst gehalten und so halt auch abgehalten, alleine auf das Tor von Kepa Arrizabalaga zuzulaufen. Es war ein Urteil, das Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande indes anders fällte. Kein Pfiff. Kein Foul.

Mijat Gaćinović hätte womöglich in dieser 41. Minute das zweite Tor für seine Mannschaft geschossen, hätte er bloß weiterlaufen können. So kam es postwendend anders. Nur vier Minuten nach dieser kuriosen Szene glich Chelseas Außenstürmer Pedro Rodríguez Ledesma die Führung der Gastgeber von Luka Jović (23.) zum 1:1 aus. So stand es dann auch nach 90 Minuten in diesem komischen Fußballspiel, das die Eintracht furios begann, in dem sie unter dem immensen Druck des FC Chelsea phasenweise zu kollabieren drohte, um beinahe eine spektakuläre Wiederaufstehung zu feiern. "Natürlich willst du zu Hause kein Gegentor bekommen, aber Chelsea ist eine Topmannschaft, sie hat uns phasenweise vor riesige Probleme gestellt. Und wir haben alles gezeigt: große Leidenschaft und Mentalität", lobte Sportvorstand Fredi Bobic.

Frankfurter Fußball in Europa, das ist in dieser Saison tatsächlich etwas ganz Großes. So groß, dass die EU-Kommission Tage vor dem Spiel per Twitter sogar verbreiten ließ, Frankfurt sei mehr als eine Fußballmannschaft. Frankfurt sei Europa. Zu dem Tweet posteten die Brüsseler Politiker ein Video des Klubs mit Szenen dieser erstaunlichen internationalen Reise der Eintracht. Diese Szenen wurden zu einer Art Bekenntnis zu Europa zusammengefügt, wie es die "Süddeutsche Zeitung" nennt. Wo diese erstaunliche Reise endet, ist nach diesem Donnerstagabend nicht zu prophezeien. Klar ist nur, sie wird nicht mehr in diesem prächtigen, europäisch beseelten Waldstadion Station machen. Entweder ist nächsten Donnerstag nach Abpfiff des Rückspiels an der Londoner Stamford Bridge Schluss oder aber am 29. Mai, wenn im Olympiastadion von Baku das Finale ausgetragen wird. Womöglich gegen den FC Arsenal, der im zweiten Halbfinale gegen Valencia mit 3:1 vorgelegt hat.

Frankfurt - Chelsea 1:1

Tore: 1:0 Jovic (23.), 1:1 Pedro (45.)
SG Eintracht Frankfurt:
Trapp - Abraham, Hinteregger, Falette - Hasebe  da Costa, Fernandes (72. Paciencia), Gacinovic (90.+2 Willems, Rode, Kostic- Jovic
FC Chelsea: Kepa Arrizabalaga - Azpilicueta, Luiz, Christensen, Emerson - Jorginho, Kanté, Loftus-Cheek (82. Kovacic) - Pedro, Giroud, Willian (61. Hazard)
Schiedsrichter: Carlos del Cerro Grande (Spanien)
Zuschauer: 48.000 (ausverkauft)

Aber erstmal Chelsea. Dieser Übergegner, wie sie ihn in Frankfurt ausgemacht hatten. Eine Mannschaft mit nochmal höherer Qualität als die letzten Eintracht-Opfer Benfica Lissabon (Viertelfinale) und Inter Mailand (Achtelfinale). Eine Mannschaft aber, die sich mit Problemen durch die Saison schleppt, die in der heimischen Premier League trotz hoher Ansprüche darum kämpft, sich für die Champions League (ein Sieg in der Europa League wäre die zweite Chance) in der kommenden Saison zu qualifizieren. Eine Mannschaft einmal mehr, die von dieser überragend euphorischen Atmosphäre im Waldstadion eingeschüchtert werden sollte. Am Tag der Arbeit, so hatten es mehrere Frankfurter Medien berichtet, war die mit 48.000 Zuschauern ausverkaufte Arena vorbereitet worden: mit der angeblich größten selbstgemalten Blockfahne aller (Eintracht)-Zeiten und mit ewig vielen schwarzen und weißen Fähnchen - eine Gänsehaut-Choreografie für die Eintracht. Ein Wirkungstreffer für den FC Chelsea.

Eintracht Frankfurt setzt Chelsea unter Druck

"Mit ihrer fantastischen Choreo", sagte Frankfurts Coach Adi Hütter, "haben uns die Fans einmal mehr angesteckt." Seine Mannschaft, die durch die Ausfälle der Topstürmer Sebastian Haller (verletzt) und Ante Rebić (gesperrt) überraschend defensiv aufgestellt war, begann, als hätte es die letzten schwachen Ergebnisse in der Bundesliga mit drei sieglosen Spielen nicht gegeben. Mit Mut, mit hohem Pressing, mit Leidenschaft und Wachsamkeit begegnete sie den immer lauter gewordenen Zweifeln, dass die lange und intensive Saison vielleicht doch zu viel Kraft gekostet hat.

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Gänsehautstimmung im Waldstadion: Die Choreografie der Frankfurter Fans.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Intensive Zweikämpfe (allen voran Abwehrchef Martin Hinteregger), schnelle Ballgewinne (Überraschungssechser Makoto Hasebe), Tempo über die fleißigen Außen, über Filip Kostić und über Danny da Costa: Die Eintracht voll da, Chelsea voll genervt. Nicht bereit, wie Coach Maurizio Sarri hart urteilte: "In den ersten 20 Minuten haben wir es nicht gut gemacht, weil wir nicht die richtige Mentalität an den Tag gelegt haben."

Piekfeine Zurückhaltung in den Duellen, Gemotze, unmotiviertes Langholz auf Olivier Giroud - der Auftritt der Londoner wirkte lustlos bis arrogant. Bei der Führung der Eintracht kam jeder beteiligte Chelsea-Spieler einen Schritt zu spät: Ballgewinn Gelson Fernandes tief in der eigenen Hälfte, öffnender Pass von Gaćinović auf Jović, Jović schickt Kostić auf den Flügel, Kostić flankt zurück auf Jović, perfekter Flugkopfball aus zehn Metern, Tor. Frankfurter Fußballer in Europa, das ist groß. Das ist laut. Das ist erfolgreich.

Wende in der 25. Spielminute

Eigentlich. An diesem Abend aber endete er just in diesem Moment, als das Waldstadion zum zweiten Mal erbebte. Fortan dominierte Chelsea, bei denen Superstar Eden Hazard erst in der 61. Minute eingewechselt wurde. "Ab der 25. Minute haben wir angefangen, richtig Fußball zu spielen", lobte Sarri. Und er lobte sogar noch mehr. "Dann haben wir unsere Sachen sehr ordentlich gemacht, wir hatten die Partie über lange Zeit im Griff."

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Gegentreffer vor dem Seitenwechsel: Pedro schießt das Tor für Chelsea.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Über den überragenden N'Golo Kanté rollten die Angriffe in immer kürzeren Intervallen auf die nun wankenden und fast immer einen Schritt zu langsamen Frankfurter zu: Nachdem Pedro (27.) und der ebenfalls sehr starke Ruben Loftus-Cheek (42.) zweimal knapp aus der Distanz gescheitert waren, war Torwart Kevin Trapp vor der Halbzeit gegen Pedros platzierten Schuss ins Eck chancenlos. "Der Gegentreffer kurz vor dem Seitenwechsel hat uns ein wenig aus der Spur gebracht", befand Hütter, "aber trotzdem sind wir aggressiv und leidenschaftlich geblieben. Darauf bin ich sehr stolz. Meine Mannschaft hat für mich ein Topspiel gemacht."

Und sie hätte sich tatsächlich beinahe noch belohnt, nachdem sie zuvor mit schwindenden Kräften, mit Krämpfen, mit Glück, mit Trapp, aber auch mit ihrem unglaublichen Willen einen Lattentreffer von David Luiz und mehrere gefährliche Abschlüsse von Loftus-Cheek, Giroud und Hazard überstanden hatten: Fünf Minuten vor dem Ende steht Kapitän David Abraham sehr frei am Fünfmeterraum, erwischt die Kugel aber nicht richtig mit der Stirn und köpft drüber. "Mit einem 1:1 nach London zu fahren, ist nicht einfach, aber das wird nächste Woche noch einmal ein heißer Tanz", sagte Hütter. "Wir haben auswärts eine Aufgabe zu lösen, dass wir ein Tor schießen müssen. Aber was haben wir zu verlieren? Die Trümpfe hat Chelsea in der Hand, aber wir fahren mit Mut und Selbstvertrauen nach London und werden eine Top-Leistung abrufen."

Ohne ihr wunderschaffendes Waldstadion zwar, dafür aber emotional ein letztes Mal großartig vor der Fantribüne auf Tour geschickt. Schweigend stand die Mannschaft Minuten nach Abpfiff vor ihren immer noch fast vollzählig im Stadion verbliebenen Anhängern, Arm in Arm, staunend, tief bewegt. Sie lauschten ihrem hymnischen Reise-Song "Europacup, Europcup - in diesem Jahr." Noch ist die Reise nicht vorbei.

Quelle: n-tv.de

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