Fußball

"Gut gemacht, Julian" Nagelsmann coacht seine Bayern vom Hotel aus

imago1007426162h.jpg

Dino Toppmöller übermittelt letzte Anweisungen an Serge Gnabry.

(Foto: imago images/Eibner)

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann fällt bei Benfica Lissabon mit einem Infekt aus. Doch das stört ihn nicht. Zwar steht Dino Toppmöller an der Seitenlinie, aber aus dem Hotel meldet der Trainer sich immer wieder und gibt entscheidende Anweisungen. Die Revolution hat gerade erst begonnen.

Julian Nagelsmann ist ein großer Technik-Fan. Mit seinen 34 Jahren umarmt er die Möglichkeiten der Zeit. Zuletzt dachte er laut über Audio-Signale im Ohr seiner Spieler nach. Kommunikation, wann immer es geht. Das In-Game-Coaching trotz der Lautstärke der Fans in den sich nun wieder füllenden Stadien. "Das ist etwas, was wir im Fußball unbedingt brauchen", hatte Nagelsmann erzählt. "Idealerweise auch mit einer Verbindung zurück, dass der Spieler mit den Trainern kommunizieren kann." Aktuell ist das aus vielerlei Gründen noch nicht möglich, aber andere Dinge schon. Und die machte Nagelsmann, der Trainer-Fuchs aus der Zukunft, sich beim 4:0 (0:0) bei Benfica Lissabon zunutze.

Der Coach war bekanntlich im letzten Moment durch einen Infekt ausgefallen und es wäre daher ein Leichtes, die 13-Minuten-Torshow der Bayern seinem Assistenten Dino Toppmöller gutzuschreiben. Der trägt familiär bedingt ohnehin das Trainer-Gen in sich. Ist sein Vater doch der legendäre Klaus Toppmöller, der Bayer Leverkusen in den frühen 2000er-Jahren kurzzeitig in die Spitze des europäischen Fußballs führte - nur um am Ende den jetzt bereits jahrzehntelangen Ruf des Werksvereins zu begründen. Drei zweite Plätze im Saison-Finale. Vize-Meister hinter Borussia Dortmund, Champions-League-Finalniederlage gegen Real Madrid, die nur durch ein Wundertor durch Zinedine Zidane gewinnen konnten und eine 2:4-Pleite im DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04. "Vizekusen" war als Begriff etabliert.

Bayern braucht keinen Trainer

So blieb Dino Toppmöllers Vater, Klaus, ohne Titel in seiner Trainerlaufbahn. Nur der des Trainers des Jahres 2002 wurde ihm zuteil. Es war die erste Ehrung dieser Art überhaupt. Für Dino ist es bis dahin noch ein langer Weg. Er ist nur der Co-Trainer. Der von Julian Nagelsmann, dessen Staff er sich zu Leipziger Zeiten im Sommer 2020 anschloss. Nagelsmann wurde bereits geehrt. Damals 2017. Als er mit Hoffenheim, dem Fußball-Labor des SAP-Konzerns, als 29-jähriger Übungsleiter in die Champions League stürmte. Danach begann seine Karriere erst richtig. Noch ist sie, wie bei Klaus Toppmöller, ohne Titel. Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Er coacht nun die Bayern, über die man sagt, dass es keinen Trainer braucht, um mit ihnen Titel zu gewinnen.

259268197.jpg

Julian Nagelsmann (v.r.) mit Dino Toppmöller, Xaver Zembrod und Hasan Salihamidžić.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Das ist selbstverständlich Nonsens, wenngleich ein Blick auf die Gewinner der Bundesliga in den letzten zehn Jahren anderes vermuten lässt. Nun ist es aber so, dass Bayern München immer auch ein Auge auf den größten Triumph im Klub-Fußball hat. Das ist der Gewinn der Champions League. Und die holten sie im modernen Fußball ab 1990 nicht "ohne Trainer", sondern mit den weltweit anerkannten Koryphäen Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes und Hansi Flick. In diese Liga will Nagelsmann vorstoßen und dabei auch den Fußball ein wenig revolutionieren.

Am Mittwoch nun zeigte er, wie wichtig das In-Game-Coaching ist. Dabei war er gar nicht im Stadion, sondern verfolgte das Spiel im Estádio da Luz in Lissabon krankheitsbedingt aus dem Hotel. Und dort übte Nagelsmann schon einmal, was er später, wenn die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen sind, auch mit seinen Spielern machen will. Er coachte über einen Audio-Feed. Nicht die Spieler, sondern die Analysten auf der Tribüne des Stadions, die die erhaltenen Anweisungen direkt an Xaver Zembrod auf die Trainer-Bank weiter funkten. Der reichte sie an Dino Toppmöller weiter und der handelte dementsprechend.

Nagelsmann-Revolution hat gerade erst begonnen

"In der ersten Hälfte hatten wir während des Spiels keinen Kontakt, weil der Funkkontakt mit den Analysten nicht funktioniert hat", erzählte Toppmöller nach dem Spiel. Erst gab es also technische Probleme, doch als diese in der zweiten Halbzeit ausgeräumt waren, nahm das Unheil für Benfica seinen Lauf. Es war gut eine Stunde gespielt. Es stand 0:0. Was kein Problem für die Bayern gewesen wäre. Aber die Bayern wollen jedes Spiel gewinnen. Und deswegen musste etwas passieren, das Spiel sollte offensiver ausgerichtet werden.

Mehr zum Thema

Nach 66 Minuten verließ Außenverteidiger Benjamin Pavard das Feld und es kam mit Serge Gnabry eine Offensivkraft. Dann begann Bayerns 13-Minuten-Show und Gnabry war an drei von vier Treffern beteiligt. "Da sieht man, dass Julian zwar krank ist, aber im Kopf sehr fix", bemerkte Toppmöller. "Das war eine super Idee von ihm und ein entscheidender Punkt für uns, dass wir mit Serge viel gefährlicher waren. Es war eine mutige Entscheidung. Gut gemacht, Julian."

Eine Entscheidung, die Nagelsmann nur bestärken wird, seine Idee weiter voranzutreiben. Bis auch die Spieler die Knöpfe im Ohr haben. Die technische Revolution hat gerade erst begonnen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.