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"Nicht Blaues vom Himmel lügen" Nagelsmann übt forsch den Leipziger Spagat

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"Ich würde drei Kreuze machen, wenn ich auch wieder Dritter würde": Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images / VI Images)

Die Erwartungen an Julian Nagelsmann sind hoch. Der neue Trainer soll RB Leipzig durch die Gruppenphase der Champions League führen und in der Fußball-Bundesliga wieder gut abschneiden. Sein Vorgänger Ralf Rangnick ist als Berater nah dran, schweigt aber erst einmal.

Julian Nagelsmann war die Erleichterung und Freude anzusehen, mit der er seinen ersten Sieg als Trainer von RB Leipzig kommentierte. Im Innsbrucker Tivoli-Stadion hatte der Fußball-Bundesligist am Freitagabend mit 3:2 (0:1) gegen Galatasaray Istanbul gewonnen. Und das, obwohl über 6000 türkische Fans die Partie mit lautstarken Gesängen und Pyro-Nebel, der sogar für eine kurze Spielunterbrechung sorgte, zu einem Heimspiel für Gala gemacht hatten. Nach Abpfiff stürmten die Rot-Gelb-Gestreiften sogar noch den Platz und bedrängten ihre Lieblinge in einer großen Traube. Die gut 100 Leipziger nahmen das ungleiche Duell auf den Rängen gar nicht erst an und schwiegen lieber 90 Minuten lang.

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Auf dem Platz hingegen drehte RB die intensive Test-Partie nach Rückstand durch Ryan Babel per Kopf (28.) binnen drei Minuten durch Tore von Marcel Halstenberg (56., direkter Freistoß), Yussuf Poulsen (58.) und Jean-Kevin Augustin (59.). Ein schönes Beispiel dafür, wie beharrliches Anlaufen die Gegner zu Fehlern zwingt. Nach einer halben Stunde brach Nagelsmann den scharfen Test ab und brachte sechs U19-Spieler plus Nachwuchs-Torhüter Tim Schreiber. Mit Pressing, Anlaufverhalten, Balleroberungen, Umschaltverhalten und Spielvortrag war der Ex-Hoffenheimer bereits zufrieden.

"Wir waren aktiv dabei, giftig in den Zweikämpfen", lobte Nagelsmann. Beim Herausspielen und Nutzen der Chancen haperte es in der ersten Hälfte zwar noch. Doch Spieleröffnung und das Spiel im letzten Drittel stehen auch erst in den kommenden beiden Wochen auf dem Trainingsplan. "Insgesamt ist es gut, wenn man nach 0:1 noch zurückkommt. Das ist gut für das Selbstvertrauen und die Überzeugung im Ligaalltag." Und gut für das Vertrauen der Spieler in die Inhalte des mit seinen 31 Jahren jüngsten Chefcoachs in Bundesliga und Champions League. "Das Umswitchen zwischen aktivem Anlaufen und der nötigen Ruhe bei Ballbesitz ist die hohe Kunst, daran werden wir weiter arbeiten."

"Nicht schmälern, was hier vorher war"

Nagelsmann nutzte die Tage im Trainingslager in Seefeld nicht nur, um alle Spieler in Einzelgesprächen kennenzulernen, sondern auch dazu, seinen taktischen Plan näher zu erläutern - intern wie extern. Er steht wie sein Vor-Vorgänger Ralph Hasenhüttl vor der Herausforderung, mehr kreative Elemente beim Spiel mit dem Ball einzubauen und zugleich die Defensivstabilität und Gegenpressing-DNA, die RB auszeichnet, nicht zu verwässern. Dafür hat er aber wegen der Dreifachbelastung mit Champions-League-Teilnahme kaum Trainingszeit. Ein Spagat, den der forsche Nagelsmann betont behutsam moderiert: "Ich will nicht schmälern, was hier vorher war. Ich würde drei Kreuze machen, wenn ich auch wieder Dritter würde. Das sage ich ganz ehrlich. Aber es geht darum, sich weiterzuentwickeln." Sein Leitsatz ist: "Das Spiel mit dem Ball verstärkt das Spiel bei gegnerischem Ballbesitz."

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Ballbesitzspiel soll nie Selbstzweck sein, sondern dient stets nur zur Vorbereitung, um eine optimale Gegenpressingsituation zu erzeugen. Nicht viel Ballbesitz zählt, sondern qualitativ hochwertiger. "Warum ich den Ball haben will, hat drei Gründe", sagt Nagelsmann: "Eine höhere Wahrscheinlichkeit für Torabschlüsse, das bessere Personal-Verhältnis fürs Gegenpressing und dem Gegner das Gefühl zu geben, er könne kontern, obwohl er nicht kontern kann". Nagelsmann ist schnell im Kopf, ungeduldig, wie er selbst sagt, redet viel und schnell und steht ständig unter Strom. Hyperaktiv würde man das bei Kindern wohl nennen. Im Training ist er laut, fordert Tempo ein, gibt den Angreifern nach Balleroberung nur fünf Sekunden Zeit bis zum Abschluss.

Die Zahl der Einheiten mit Ball hat er erhöht, Athletiktraining kommt zu zwei Einheiten am Tag noch hinzu. Ebenso wie intensives Videostudium. Jede Spielphase zerlegt Nagelsmann in weitere Phasen und gibt seinen Spielern diese zum Selbststudium mit an die Hand. Mit dieser energiegeladenen Art und inhaltlichen Tiefe bringt der Mann mit den breiten Schultern und dem breiten Gang noch einmal eine höhere Schlagzahl und frischen Wind bei RB Leipzig ein. Und das ist als Nachfolger von Ralf Rangnick kein einfaches Unterfangen.

Noch wuchtiger und drängender

Im Training, das Nagelsmann stets mit Erklärungen an einer Klapp-Taktiktafel erläutert und mit einer Drohne und einer Kamera auf einer Hebebühne aufzeichnen lässt, wurde deutlich, was er sich vorstellt. Wenn er ein Team mit dem Ball am Fuß von hinten herausspielen lässt, gibt er lautstark konkrete Anweisungen, welcher Innenverteidiger nachschieben soll, um das Gefüge kompakt zu halten und wie sich die Stürmer zu bewegen haben, um gefährlich vor das Tor zu kommen. Gleichzeitig bereitet er so im Angriff die optimale Gegenpressing-Situation vor, um nach Abschluss oder bei Ballverlust zuschlagen zu können.

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Deutet seine Klasse an: Christopher Nkunku.

(Foto: imago images / Picture Point LE)

Er habe sich Elemente bei einigen der besten Trainer der Welt abgeschaut, sagt er, und seine Idee geformt, RB spielerisch noch wuchtiger und drängender zu machen. Und auch für die Champions-League-Gruppenphase mit englischen Wochen soll diese Idee tragen. "Bei der Dreifachbelastung ist es nicht verkehrt, Phasen im Spiel zu haben, den Ball selbst in den eigenen Reihen zu haben, um im Umkehrschluss die RB-DNA zu 100 Prozent aufs Feld zu kriegen."

Dafür benötigt er variable, technisch beschlagene, strategisch denkende Spieler wie Christopher Nkunku, der für 15 Millionen Euro inklusive Boni von Paris St. Germain kam. Am Donnerstag wurde Nkunku nach Seefeld eingeflogen, beim Test am Freitag absolvierte er bereits eine Hälfte und deutete seine Klasse an. "Er hatte sehr viel gute Balleroberungen und Eins-gegen-Eins-Situationen. Er hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen, wir sind zufrieden mit ihm", lobte Nagelsmann. Der Dread-Locks-Waliser Ethan Ampadu vom FC Chelsea, den RB ausleihen will, passt ebenso ins Beuteschema.

Und irgendwann wollen sie auch Titel

Nagelsmann, so viel wurde deutlich in seinen ersten 14 Tagen mit den Leipzigern, verlangt viel von sich und seinen Spielern. Er hat einen klaren Plan und gut strukturierte Mittel, diesen umzusetzen und auch außerhalb des Platzes genug Präsenz, um seine Ideen auch bei RB zu verwirklichen. Bei all den Terminen blieb noch gar keine Zeit, sich mit Berater Rangnick auszutauschen, der in Seefeld war, sich aber dezent, ohne etwas zu sagen, im Hintergrund hielt. Er werde den Rat des Red-Bull-Fußball-Consultants suchen, wenn er sich ein umfassendes Bild gemacht habe und der Austausch Sinn ergebe, sagt Nagelsmann.

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"Daraus kann was Gutes entstehen": Willi Orban.

(Foto: imago images / VI Images)

Für die ersten Wochen und Monate wirbt der Ungeduldige um eine Eigenschaft, die er selbst nicht besitzt. "Wir brauchen uns nicht das Blaue vom Himmel zu lügen. Wir werden zum Auftakt gegen Osnabrück und Union nicht die besten Spiele der kommenden Jahre machen. Aber ich habe Geduld, weil ich weiß, wo es hinführen und wie schön und erfolgreich dieser Fußball sein kann."

Neben der erneuten Champions-League-Qualifikation soll Nagelsmann die Leipziger auch in die K.o.-Phase der Königsklasse führen und möglichst weit im DFB-Pokal. Und irgendwann wollen sie auch Titel. Kapitän Willi Orban sagte der "Mitteldeutschen Zeitung": "Mit dem, was wir als Mannschaft draufhaben plus Julian Nagelsmann, daraus kann was Gutes entstehen." Der nächste Schritt "wäre nach Platz drei vorige Saison und Platz zwei vor zwei Jahren der an die Spitze". Hohe Erwartungen an den neuen Trainer.

Quelle: n-tv.de

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