Fußball

Groteskes Ende einer Debatte Niemand hat Niko Kovac je infrage gestellt

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Symbolbild Harmonie.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Eine Frage ist bereits vor Beginn der 57. Saison der Fußball-Bundesliga geklärt: Der Trainer des FC Bayern heißt Niko Kovac. Selbstverständlich. Wer etwas anderes vermutet hatte, der habe den Klub-Chefs nicht zugehört, sagen sie. Oder hatte er etwa zu genau zugehört?

Ein bisschen empört schienen sie beim FC Bayern tatsächlich zu sein. Wie man denn Niko Kovac und seine Perspektive als Trainer des erfolgreichsten Fußballklubs Deutschlands ernstlich in Frage stellen könnte, das wollten die Verantwortlichen nicht verstehen. Aber weil diese Frage am Sonntag bei den Double-Feierlichkeiten auf dem Münchener Rathausbalkon landete, man aber feiern und nicht belästigt werden wollte, wurde sie, die Frage, kurzerhand beantwortet. So simpel, so klar, so unmissverständlich: "Es ist ja wohl gar keine Frage, dass unser Trainer nächste Saison Niko Kovac heißt", erklärte Präsident Uli Hoeneß, ein Kovac-Fan. Um dann noch zu betonen: "Hundertprozentig." Darin sei er sich mit Klubchef Karl-Heinz Rummenigge, eher kein Kovac-Fan, "selbstverständlich" einig. Eine durchaus wichtige Information.

Der "Das-ist-ja-wohl-keine-Frage"-Satz ist dennoch natürlich der spannendere. Er ist sogar äußerst bemerkenswert. Dieser Satz beinhaltet eine Jobgarantie. Und die gibt es in München ja eigentlich nicht. Zumindest hat Rummenigge das in den vergangenen Monaten bei jeder Gelegenheit erklärt. Und Gelegenheit bekam er immer dann, wenn zur Zukunft von Kovac gefragt wurde. So ist aus dem Klare-Frage-ausweichende-Antwort-Spiel eine groteske Debatte erwachsen, die niemand stoppen konnte. Oder wollte. Und die sie nun auf noch groteskere Weise beendet haben, mit dem Maximum an Bekenntnis. Als hätte in dieser kuriosen Saison nie jemand an der Tauglichkeit des Trainers für den FC Bayern gezweifelt. Zumindest nicht grundsätzlich. Über Dinge wie Rotation und deren Moderation haben sie schon geredet. Da sehen die Bosse durchaus Potenzial.

Aber sonst? Keine Zweifel, behaupten sie jetzt. Die aber wurden mehr und mehr zum Dauer- und zum Stressthema. Wegen der langen, der intensiven und der am Ende ergebnislosen Suche nach überhaupt irgendeiner Form von Bekenntnis aus München. Eine aber rein von der Öffentlichkeit herbeigeredete Debatte muss das wohl gewesen sein. So versuchen es die Bayern nun zu deuten. In all der komplizierten Klarheit erklärte Rummenigge am Tag vor und am Tag nach dem Pokalfinale, dass niemand in München die Laufzeit von Kovac' Vertrag bis Juni 2021 "infrage gestellt" habe. Auch er nicht. Was bedeutet: Eine Trennung vom 47 Jahre alten Coach sei in München "nie Thema" gewesen.

Wie stabil sind die Narben?

Nun, so scheint es, heilen die Titel vorerst alle akuten Bayern-Schmerzen. Pflaster auf den Einbruch im Herbst, dicker Verband auf die klaffende Champions-League-Wunde, die dauerhafte Taktik-Debatte und mosernde Spieler mit Meisterschale und DFB-Pokal einfach zugenäht. Dem Patienten geht's sehr gut, ein bisschen gezeichnet ist er, klar, aber unterm Strich ist doch alles prächtig. Mit Arjen Robben und Franck Ribéry bekamen zwei Legenden einen Abgang, wir er kitschiger nicht sein konnte. Beim Abschied von Rafinha zeigten die Spieler Herz, Manuel Neuer titanisiert wieder und Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat das erneute "Go" von Festgeldkontoverwalter Hoeneß, um diesen Erfolgskader weiter zu tunen. Einzig Jérôme Boateng mag in diesem rot-weißen Wunderland nicht mehr lächeln.

Diese heile Welt plus Boateng wirkt aber irgendwie arg bemüht. Denn in München tun sie sich öffentlich weiter sehr schwer, den Erfolg, das Double, klar der Arbeit des Trainers zuzuschreiben. Dass Kovac deutlich mehr Wert auf das (Abwehr)-"Handwerk" als auf die (Offensiv)-"Kunst" legt, reizt den Klub - trotz aller Erfolge. Wieder und wieder wird das deutlich, wenn sie über den mut- und chancenlosen Auftritt im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Liverpool reden. Entgegen des inneren An- und des ausgeprägten Spieltriebs der Mannschaft bremste Coach Kovac die Offensivbemühungen ein. Es ist ein einziges Spiel, das die Diskussionen um den Kroaten überlagert. Kaum Worte zur spektakulären und souveränen Aufholjagd in Bundesliga. Und ins Pokalfinale, so wirkte es, sind die Münchener über Heidenheim mit viel Gegenwehr und über Bremen mit viel (Elfer)-Glück eingezogen.

Und dann im Finale, da haben ihre Helden zugeschlagen. Die Individualisten entschieden das Spiel, nicht die Idee. Robert Lewandowski, der entgegen der Theorie in wichtigen Spielen eine stets unwichtige Rolle einzunehmen, auf furiose Weise doppelt traf. Kingsley Coman, der seinen Gegner, den DFB-Spieler Lukas Klostermann, vor dem 2:0 spektakulär getäuscht hatte. Manuel Neuer, der ohne Spielpraxis zweimal so exzellent zur Stelle war, dass die Frage nach dem besten deutschen Torhüter zumindest an diesem Abend klar beantwortet wurde. Und Kovac? Über ihn und seinen Anteil am Triumph redeten sich nicht. Weder Lewandowski, noch Mats Hummels und auch nicht Thomas Müller. Sie wähnten entweder eine Falle (Hummels) oder waren des Themas müde (Müller). Nur die Fans, die feierten diesen Trainer, der all die Diskussionen mit so viel Würde, Stolz und Freundlichkeit ertragen und das Double gewonnen hatte.

Auch in der Nacht zu Sonntag. Als Rummenigge den Pokalgewinnern und "allen die einen Beitrag dazu geleistet haben" bei seiner Bankettrede kurz vor ein Uhr nachts gedankt hatte. Viele hatte der Klubchef namentlich genannt. Niko Kovac nicht.

Quelle: n-tv.de

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